Rezension: Die Rüstkammer der Gestade des Gottwals

Vorbemerkung: Die rauen Nordleute aus Thorwal und Gjalskerland verbindet man sicherlich mehr als den durchschnittlichen Aventurier mit hartem Überlebenskampf, verlangt der Norden seinen Bewohnern doch viel ab im Vergleich zu „geordneteren“ Regionen wie den meisten Provinzen des Mittelreichs. Dementsprechend sollte auch die Rüstkammer der Gestade des Gottwals genug Potential für interessante Waffen und Ausrüstungsgegenstände bereithalten. Bei diesen kleinen Zusatzheften ist für mich immer die Frage besonders relevant, ob die vorgestellten Inhalte wirklich einen klar erkennbaren regionalen Zuschnitt haben oder ob diese eher bemüht hergeleitet werden und somit eher beliebig wirken.

In Zahlen:

– 32 Seiten

– 18 Waffen und 4 Rüstungen

– Preis: 11,95 Euro

– Erschienen am 18.2. 2021

I. Aufbau und Inhalt

In den meisten Bereichen folgt der Band dem bekannten Aufbau der anderen regionalen Rüstkammern, allerdings mit der Besonderheit, dass hier eine Trennung zwischen Thorwalern und Gjalskern vorgenommen wurde. Den Anfang machen dabei die Nah- und Fernkampfwaffen sowie die Rüstungen. Für die Thorwaler gibt es dabei 12 Waffen und 3 Rüstungsgegenstände. Dabei handelt es sich u.a. um einige Äxte wie die Olporter Orknase und Klingenwaffen, aber auch Fernkampfwaffen wie die Ifirnshafener Hailanze. Die Gjalsker müssen mit 6 Waffen und der Gjalsker Lederrüstung auskommen. Auffällig ist, dass die Waffen der Gjalsker deutlich klobiger ausfallen, wie z.B. der Barbarenhammer oder die Barbarenstreitaxt. Hier ist die Informationsmenge zu Thorwal deutlich höher (8,5 Seiten) als die zu den Gjalskern (4,5 Seiten). Wie üblich gibt es zumeist einen kurzen Ingametext als Einführung, dann eine Beschreibung und einen kleinen Wertekasten, dem sich oft noch eine Art Dialog der bekannten Archetypen bzw. Figuren aus der Regionalspielhilfe anfügt.

Folgend schließen sich noch einige improvisierte Waffen und Werkzeuge an, bevor mit der Großen Tiergeistkralle, dem Walschild und der Gjalsker Knochenkeule besondere Waffen vorgestellt werden. Darauf folgen dann ikonische Waffen und Gegenstände. Zunächst handelt es sich dabei um die legendären Schwerter Grimring und Tyrfing und die Urnen der Brayya-Dun, wobei natürlich jeweils auch die Hintergrundgeschichte dazu erzählt wird. Als karmale Artefakte werden das Ruderblatt der Jurga, die Rufhörner Naturu-Gons und der Heilige Eiskristall beschrieben.

Etwas allgemeiner ist das Kapitel Kleidung, Kunsthandwerk und Proviant gehalten, indem jeweils die einzelnen Aspekte weiter ausgeführt werden, wobei das Kunsthandwerk weiter gefasst ist und z.B. auch den Schiffsbau beinhaltet. Beim Proviant wurde wie üblich auch ein regionaltypisches Proviantpaket hinzugefügt.

Das Sonderkapitel am Ende des Bandes widmet sich diesmal der Kunst der Hautbildstecher. Hier wird auf die allgegenwärtige Sitte bei den Thorwalern und den Gjalskern eingegangen, ihre Haut mit kunstvollen Tätowierungen zu verzieren. Der Fokus wird auf die jeweiligen Unterschiede gelegt, da bei den Thorwalern eher der Erinnerungsaspekt im Vordergrund steht, während bei den Gjalskern ein eher ritueller Hintergrund vorhanden ist, bei dem ein lebenslanges Konzept dahintersteckt. Kurz wird auch angesprochen, wie regionalfremde Helden dort Tätowierungen erhalten können (inklusive einer Preisliste).

II. Kritik

Ein zentraler Zweck der regionalen Rüstkammern ist es ja immer, genügend Hintergrundmaterial bereitzustellen, um HeldInnen aus der Region mit passenden Ausrüstungsgegenständen und Waffen zu versorgen. Genau diesen Zweck erfüllt die Rüstkammer der Gestade des Gottwals aus meiner Sicht gut. 

Die Waffen klingen in ihrem Beschreibungen für die Region ausgesprochen authentisch, weil typische Anforderungen aufgenommen werden, z.B. wenn bei der Olporter Orknase erwähnt wird, wie man sie verwenden kann, um die Schilddeckung des Gegners auszuhebeln, was ja gerade in Thorwal mit den vielen Schildkämpfern relevant ist. Gleiches gilt für das Thorwalerschwert, das leicht axtähnlich geführt werden kann.

Bei den Gjalskern wird eindeutig der Barbarenaspekt unterstrichen, was ja allein schon in den Bezeichnungen deutlich wird. Hier handelt es sich um sehr archaische Waffen, die eher imposant als elegant wirken und die vor allem Kraft benötigen und über viel Durchschlagskraft verfügen, was zur rauen Umgebung ihrer Heimat passt, die die Gjalsker mit dem täglichen Überlebenskampf konfrontiert. Generell gelingt es gut, Ausrüstung für beide Kulturen unterzubringen, da man hier – anders als bei einigen der vorherigen Rüstkammern – zwei Konzepte vorliegen hat, die sich doch in einigen Aspekten stark unterscheiden, was auch für Waffen und Ausrüstungsgegenstände gilt.

Viel Tradition wird mit der Vorstellung besonderer Gegenstände wie Grimring und Tyrfing erzeugt, gleiches gilt für die rätselumwobenen Urnen der Bryya-Dun. Was mich allerdings etwas irritiert, ist dass Tyrfing Spielwerte erhält, Grimring aber nicht. Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Heldengruppe das Schwert je in Händen halten wird, trotzdem wäre es ein interessanter Bonus gewesen, zudem ein Ansatz, SpielerInnen Möglichkeiten zur freien Gestaltung aventurischer Geschichte zu geben (also alternative Geschichtsverläufe, in denen man auch über solche Artefakte verfügen kann).

Die Texte zum Alltag leisten das, was sie sollen, ohne herauszuragen: Man erfährt Grundlegendes über Kleidung und Proviant und den Schiffsbau. All das fügt sich gut in die Region ein, liest sich aber sehr konventionell und eher unspektakulär.

Eher enttäuschend finde ich das Sonderkapitel über Hautbilder. Diese gehören natürlich zur Tradition beider Kulturen und haben somit im Kontext einer Spielhilfe zu Thorwal und dem Gjalskerland ihre Daseinsberechtigung. Ich sehe nur den besonderen Mehrwert im Vergleich zur eigentlichen Regionalspielhilfe nicht, da diese im Prinzip die gleichen Angaben ohnehin schon enthält, eben nur in reduzierter Ausführlichkeit, wirklich entscheidende Zusatzinformationen erhält man aus meiner Sicht hier nicht. In dieser Hinsicht fällt die vorliegende Rüstkammer für mich schon deutlich ab im Vergleich zu den Sonderkapiteln einiger ihrer Vorläufer, z.B. zur Flussschifffahrt bei der Rüstkammer der Flusslande oder den Schmugglerbanden in der Rüstkammer der Siebenwindküste. Generell halte ich an dieser Stelle direkt spielbare Inhalte für besser als bloße Informationstexte. Wenn z.B. konkrete Hautbildkünstler vorgestellt worden wären und z.B. auch Bedingungen oder gar Szenarien genannt worden wären, wie man eine Tätowierung von ihnen erhalten kann, hätte das aus meiner Sicht einen deutlichen Mehrwert gehabt.

III. Fazit

Die Rüstkammer der Gestade des Gottwals bietet ein reiches Arsenal an Waffen und Ausrüstungsgegenständen, um sowohl Figuren aus Thorwal als auch aus dem Gjalskerland auszustatten. Gerade in der Beschreibung fügen sich die jeweiligen Gegenstände gut in die Region ein und berücksichtigen die dort herrschenden Anforderungen. Das Abschlusskapitel über Hautbilder hat hingegen für mich viel zu wenige Mehrwert im Vergleich zum Kernband, hier fehlen direkt spielbare Elemente, die in vielen der Vorgängerbände etabliert wurden.

Bewertung: 4 von 6 Punkten 

6 Kommentare

  1. Danke für die wieder einmal informative und gut nachvollziehbare Rezension.

    Zum Thema Barbarenwaffen: Wenn die Umgebung gefährlicher als sonstwo ist, sollten die Waffen eigentlich kleiner und handlicher sein als üblich. Denn wenn man seine Waffe ständig mitführen muss, wird man sich kaum für einen schweren Zweihänder entscheiden. Eher für ein leichtes Kurzschwert. Dass Barbaren große Waffen tragen, ist eigentlich ein blödes Klischee und stammt vermutlich aus den Lowfantasy-Filmen der 80er (u.a. Conan der Barbar).

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    1. Das wird sicherlich richtig sein. Ich muss aber zugeben, dass ich auf Realismus nicht so wahnsinnig viel Wert lege, deswegen finde ich die großen Barbarenhauer eher ganz cool, an der Stelle kann ich mit em Klischee ganz gut leben.

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    1. Puh, das kann ich dir nicht sagen, meine Diablo-Zeit liegt schon verdammt lange zurück und da gab es ja haufenweise Waffen und Rüstungen mit blumigen Namen. War dieser besagte Schild denn etwas ganz Besonderes? Allerdings ist die Verehrung von Swafnir als Wal ja sehr dominant in Thorwal, ich persönlich bin jetzt davon ausgegangen, dass der Begriff aus DSA selbst stammt.

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  2. Sehr angemessene Rezession, wie ich finde.
    Insbesondere die Hautbild-Thematik hat mich doch auch gestört, weil die in diesem band vorgestellten Kulturen eben jene sind, in deren Gesellschaft dies eine tragende Rolle spielt.
    Ich vermisse an der Stelle nicht nur „Wichtige Persönlichkeiten“ sondern auch angewandte Techniken und die Bemessung der Bedeutung eben solcher.
    Trotzdem muss ich sagen, finde ich Die Rüstkammer der Gestade des Gottwals durchaus gelungen. Kann mich also eurer Bewertung 100% anschließen.

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