Rezension: Glut

Vorbemerkung: Auch wenn das Thorwal-Crowdfunding bzw. die Besprechung von dessen Bestandteilen hier im Blog mittlerweile schon wieder ein paar Monate zurückliegt, will ich heute noch einmal darauf zurückgreifen. Der Grund dafür ist ein „Nachzügler“, nämlich die Neuauflage der Hjaldinger-Saga von Daniela Knor. Diese war nach Veröffentlichung der ersten beiden Bände 2006 unvollendet geblieben. Durch ein erreichtes Bonusziel wurde Daniel Jödemann von Ulisses beauftragt, einen dritten Band als Abschluss zu verfassen. Um die Besprechung in einen entsprechenden Kontext zu setzen, möchte ich nun alle drei Bände mit einer Rezension versehen, begonnen mit Glut. Ich werde mich dabei zeitlich an den Veröffentlichungen der neuen Print-Varianten orientieren, allerdings bezieht sich die heutige Rezension auf ein Exemplar der Erstauflage, die noch in meinem Regal stand.   

In Zahlen:

– 360 Seiten (Erstauflage)

– Preis: 14,95 Euro (Neuauflage)

– Erschienen am 17.7. 206/26.8. 2021

I. Inhalt

Glut spielt weit in der Vergangenheit und beschreibt in Form der gesamten Saga, wie einige Hjaldinger unter ihrer legendären Anführerin Jurga nach Aventurien gelangten, um dort den Grundstein für das heutige Thorwal zu legen. Der erste Roman versteht sich allerdings eher als Anbahnung großer Ereignisse und stellt zunächst den Hintergrund der zentralen Figuren dar.

Wichtigster Protagonist ist hier der junge Krieger Vardur Arnarsun, der als Enkel der Hersirin der Havar-Sippe zu Größerem bestimmt ist, in der Gegenwart aber noch Erfahrungen sammeln muss und deshalb in der Otta der Anführerin Hjaldvaig Urdrundottir seine erste große Fahrt in Richtung des ewigen Nordeises unternimmt. Allerdings verläuft die Reise anders als erwartet, beginnend mit dem Auflesen der verstoßenen Jurga, die von ihrer Sippe allein zurückgelassen wurde. Anders als die anderen Mannschaftsmitglieder begegnet Vardur der neuen Gefährtin nicht ablehnend und misstrauisch, was ihn aber mehrfach vor Konflikte stellt.

Abseits von der persönlichen Ebene stellen die Fahrtgemeinschaft aber auch allgemein fest, dass diesmal der gewohnte Ablauf, nach dem man von weit im Norden lebenden Volk der Alfarthjenna Tribute erhält, unterbrochen ist. Stattdessen wird ihnen mit Feindseligkeit begegnet, weil Gautaz Dagurssun, der Hesir der Aasa-Sippe sich auf einen Beutezug begeben hat, der nicht den üblichen Regeln folgt.

Genau wie Gautaz offenbart sich Hjaldvaig und ihrer Gruppe bald Böses in Form einer Prophezeiung, die große Unheil ankündigt, was offenbar vom Imperium ausgeht, mit dem derzeit ein Status quo besteht. Eine Reise nach Trivina soll neue Erkenntnisse bringen. Dort lebt auch ein weiterer Romanprotagonist, der junge Dieb Xelias. Dieser wird aufgrund seiner hjaldingischen Wurzeln als Außenseiter behandelt und träumt davon, Kontakt zum Volk seines Vaters aufnehmen zu können. Der Roman endet mit einer dramatischen Offenbarung, die einerseits Verluste unter Hjaldvaigs Mannschaft mit sich bringt und andererseits in den Folgeroman überleitet.

II. Figuren

Die eigentlich erwartete Protagonistin Jurga spielt zwar eine wichtige Rolle, aber anders als gedacht, tritt sie doch nicht als charismatische Anführerin auf, sondern als eigensinnige Außenseiterin, die sich nicht in ihre neue Umgebung einfügen will. Der einzige, der ihr immer wieder freundlich begegnet, ist Vardur, der aber über wenig Erfahrung verfügt und sich in Hjaldvaigs Mannschaft erst noch beweisen muss. Diese wiederum stellt die umsichtige Anführerin dar, die stets an das übergreifende Wohl ihrer Sippe denkt. Im Gegensatz dazu steht Gautaz, der als Draufgänger kein Risiko scheut und in der Wahl seiner Mittel auch wenig Grenzen akzeptiert, was bis zum Sklavenhandel mit dem Imperium reicht.   

Das Leben unter der imperialen Herrschaft stellt einen harten Kontrast zu dem der freiheitsliebenden Hjaldinger dar und wird durch den jungen Xelias verkörpert, der mit seiner Mutter ein elendes Dasein fristet und davon träumt, das Volk seines Vaters zu treffen. Eine undurchsichtige Figur ist in diesem ersten Roman die adelige Pythatheriope te Aldangara, die sich ihre Sporen in der imperialen Armee verdienen will, deren Loyalität aber anfangs unklar ist.    

III. Kritik

Wer sich wenig mit Myranor auskennt, wird anfangs auf einige unbekannte Aspekte im Bereich der Geografie und der Namen bzw. Bezeichnungen von Figuren und Rängen stolpern. Glut ist eben kein Thorwal-Roman, sondern stellt die Vorgeschichte dar, vor dem Exodus einiger Hjaldinger und der Gründung Thorwals. Trotzdem ist dies grundsätzlich kein Problem, sind die Gemeinsamkeiten der aventurischen Nordleute mit ihren Vorfahren doch klar erkennbar, was z.B. das Leben in Fahrgemeinschaften, die mitunter raue, aber durchaus herzliche Art des Miteinanders und das Hierarchiegefüge betrifft. Und trotzdem gibt es auch Kontraste, z.B. Gautaz, der sich nicht so recht in dieses Bild einfügen will.

Was die Figurenebene angeht, unterläuft der Roman zunächst ein wenig die Erwartungshaltung, zumindest wenn man mit gewissen „historischen Vorkenntnissen“ (soweit man bei einer Fantasy-Welt davon sprechen kann) herangeht. Jurga ist zumindest hier noch nicht die Hauptfigur, sondern eher die geheimnisvolle Fremde, während die Perspektivfigur für die LeserInnen eher Vardur ist. Ganz generell muss man ohnehin anmerken, dass man deutlich verspürt, dass es sich um den ersten Roman einer Reihe handelt, anfangs zieht das Erzähltempo noch nicht allzu stark an, indem zunächst Vardur und seine Gefährten vorgestellt werden, dann das Zusammenkommen mit Jurga und deren anfängliche Schwierigkeiten, sich in die bestehende Gruppe einzufügen. Das hat einen starken Expositionscharakter, der für meinen Geschmack durchaus etwas schneller Fahrt aufnehmen könnte, umgekehrt aber auch nicht langweilig wird (vor allem in den nicht immer ernst gemeinten Streitgesprächen der Hjaldinger). In der zweiten Hälfte des Romans setzen dann die größeren Geschehnisse an, die die Hjaldinger als Gesamtes betreffen, vor allem sobald Hjaldvaigs Mannschaft bemerkt, was sich wirklich ereignet und in welcher Gefahr sie sich alle befinden. Hier nimmt die Dramatik dann spürbar zu, was in eine bombastische Schlussszene mündet, in der die Otta es allein mit einer ganzen Flotte aufnehmen muss.

Die Aufteilung in drei Handlungskomplexe (Vardurs Fahrtgemeinschaft, Gautaz Raubzug, Xelias Unzufriedenheit mit seinem kargen Leben in Trivina) sorgt dabei für Abwechslung und Kontraste. Gerade bei Gautaz schwankt man zwischen dem Eindruck eines brutalen Menschenhändlers und einem sympathischen Schurken, der sich z.B. um seine Mannschaft ehrlich sorgt, was ihm mehr Facetten gibt als Hjaldvaig. Umgekehrt sind drei Handlungsstränge auf knapp 330 Seiten Erzähltext im Endeffekt nicht viel, was teilweise dafür sorgt, dass die Eindrücke eher grob bleiben und nicht vertieft werden, was vor allem für Xelias gilt (die kurzen Episoden um Pythatheriope nehme ich hier bewusst aus, da es sich eher um Zwischenspiele oder Einschübe handelt, die der Kontextualisierung dienen).

So oder so erfüllt der Roman allerdings den Expositionscharakter gut, indem interessante ProtagonistInnen vorgestellt werden, bei denen man ahnt, dass sie exemplarisch für das Schicksal ihres Volkes stehen und damit wird auch die Erwartungshaltung erzeugt, dass in der Folge eine noch deutlich epischere Handlung stattfindet, wenn die Hjaldinger und das Imperium aufeinandertreffen. Dabei wird sich erzählerisch vielfach an bekannter Wikinger-Romantik bedient (Prahlen am Lagerfeuer, unheimliche Weissagungen, harte Kampfszenen), was aber immer auch mit typischen Elementen Myranors verbunden wird (z.B. in der Ko-Existenz mit dem Imperium).

IV. Fazit

Glut ist ein guter Auftaktroman der Hjaldinger-Saga, der zunächst die myranische Variante der Thorwaler vorstellt, mit einem Fokus auf den unterschiedlichen Protagonisten. Dabei ist das Erzähltempo anfangs noch eher gemächlich, nimmt aber in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt auf, wenn sich epischere Ereignisse ankündigen.        

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