Rezension: Kind des Goldenen Gottes

Vorbemerkung: Pardona – kaum eine Figur in der Geschichte von DSA ist so oft als Antagonistin verwendet worden. Die uralte Elfe hat in gleich mehreren epischen Kampagnen die Rolle der Gegenspielerin eingenommen, allen voran natürlich in der Phileasson-Saga. Deren Romanumsetzung feiert derzeit Bestsellererfolge und auch in der aktuellen Sternenträger-Kampagne ist sie natürlich präsent. Grund genug, sich ihrem Hintergrund noch etwas genauer zu widmen, also primär ihrer Vergangenheit, die mit dem Schicksal von ganzen Völkern und den aventurischen Göttern selbst verbunden ist. Dieser Aufgabe hat sich Mhaire Stritter, die die Figur im Soloabenteuer Legatin des Bösen sogar spielbar machte, im Rahmen einer Romantrilogie angenommen. Kind des Goldenen Gottes stellt dabei den Auftaktroman dar. Und natürlich führt diese erste Geschichte an einen besonderen Ort ihres Wirkens, den legendären Himmelsturm.

In Zahlen:

– 280 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 29.9. 2021

I. Aufbau und Inhalt

Der Roman spielt wie angesprochen nicht in der aventurischen Gegenwart, sondern setzt nach einem kurzen Prolog im Jahr 3952 v. BF. ein und spielt im Himmelsturm, dem Wohnsitz des mächtigen Hochelfen Ometheon. Dieses gewaltige Bauwerk, aus elementarer Macht geschaffen, steht mitten im ewigen Eis des Hohen Nordens Aventuriens und dient dem Freigeist Ometheon und seinen Gefolgsleuten als Heimstatt. Die Hochburg der elfischen Kultur beherbergt dabei die vermeintliche Elite des Volks, die sich zum Teil gegenseitig in ihren philosophischen und wissenschaftlichen Leistungen übertrumpft. Was vielfach in sportlichem Ehrgeiz umgesetzt wird (z.B. in Eissegler-Wettfahrten zwischen Ometheon und seinem Bruder Emethiel), hat in jüngerer Zeit eine sehr ernste Komponente erhalten, seit die Priesterin Amadena dort eingetroffen ist. Ihre Forschungen haben etwas Unheimliches, vor allem schreckt sie nicht vor Experimenten mit lebenden Wesen zurück, sogar Menschen werden dabei nicht verschont (auch wenn diese von den Elfen zum damaligen Zeitpunkt nicht als gleichwertig angesehen werden). In diesen Prozess sind auch die beiden Elfen Israni und Acurien involviert. Besonders letzterer ist zunächst fasziniert von ihren Fähigkeiten, allerdings stoßen ihre Methoden den jungen Elfen mehr und mehr ab. Und damit steht er nicht allein, immer mehr Mitglieder der Gemeinschaft stellen sich gegen Amadena, allen voran die tapfere Kriegerin Israni. Trotzdem scheint es, als müsse vor allem Ometheon als Herrscher über den Turm davon überzeugt werden, die Priesterin ihre Schranken zu verweisen. Allerdings hat auch diese mittlerweile viele AnhängerInnen gefunden. Und somit brodelt es hinter den Mauern des Turms.

Diese Geschichte des Konfliktes wird nicht völlig chronologisch erzählt, sondern eher in Ausschnitten. Der Fokus nimmt allerdings zu im Moment der großen Eskalation, wenn sich das Ganze hin zu einem verzweifelten Überlebenskampf wandelt. Als wichtiger Unterstützer von Israni und Acurien entpuppt sich dabei der Mensch Kilgan, der sich nicht in seine Opferrolle fügt, sondern tatkräftig gegen sein Schicksal ankämpft.

Im zweiten Teil des Romans wird ein großer Zeitsprung vollzogen und der Schauplatz wechselt zur Elfenstadt Simyala. Auch hier herrscht scheinbar große Harmonie, die aber jäh unterbrochen wird, als Gerüchte über ein großes Übel aus dem Norden aufkommen, das die Weiterexistenz der Waldstadt bedroht. Ein weiteres Mal nimmt die Dramatik schnell zu und der Roman steuert auf ein effektreiches Finale zu.

II. Figuren

Interessant ist der Umstand, dass Pardona/Amadena nicht die Perspektivfigur des Romans ist, sondern die Rolle der Antagonistin einnimmt, die nur sehr dosiert direkt auftritt und stattdessen bis auf einige konfrontative Auftritte eher die Strippenzieherin im Hintergrund ist.

Stattdessen werden die LeserInnen eher von Israni, Acurien und Kilgan und deren Schicksal in die Handlung mitgenommen. Israni verkörpert dabei die tatkräftige und unerschrockene Kriegerin, die sich Amadena immer wieder stellt, auch in dem Bewusstsein, ihren Fähigkeiten unterlegen zu sein.

Acurien hingegen ist zu Beginn nicht klar als Gegner Amadenas festgelegt, sondern ist zunächst eine Stellvertreterfigur für die Verführten, indem auch er eine große Faszination für ihre Fähigkeiten verspürt, dann aber die Seite Überhand gewinnen lässt, die sich von Mitleid und Anstand leiten lässt. Dies bringt ihn fast ungewollt in die Rolle eines zentralen Feindes der mächtigen Priesterin.

Kilgan zuletzt wird anfangs unterschätzt, da er als Mensch nicht über die magischen Fähigkeiten der Elfen verfügt und auch nur die kurze Lebensspanne eines Menschen hat. Aus seiner vermeintlichen Opferrolle entwickelt sich aber schnell mehr, vor allem nachdem er als Proband bei einem der Experimente fungieren muss, was eine Veränderung bei ihm auslöst. Anders als die weltfremden Elfen ist er geboren für das Leben in der Wildnis.

III. Kritik    

Tatsächlich wartet der Roman mit einer großen Überraschung auf. Zumindest war meine Erwartungshaltung an eine auch so untertitelte Pardona-Romanereihe etwas anders, nämlich dass die legendäre Hochelfe selbst die Hauptfigur der Reihe ist, zumindest insofern, als dass es immer wieder Szenen geben müsste, in denen die LeserInnen auktoriale Einblicke in ihr Denken und Fühlen erhalten. Dies ist aber nicht der Fall, die Perspektivfiguren sind Israni, Kilgan und Acurien. Grundsätzlich ist Pardonas Rolle natürlich auf die der Schurkin festgelegt, allerdings ist es der Autorin ja schon in der Umsetzung als Soloabenteuer gut gelungen, Pardona trotz dieser untypischen Ausgangslage (man identifiziert sich nun mal in der Regel mit den Guten) zur Protagonistin einer Handlung (eben im Soloabenteuer) werden zu lassen. Zumindest einige Szenen aus ihrer Perspektive hätte ich deshalb schon erwartet.          

Das soll aber beileibe nicht heißen, dass Kind des Goldenen Gottes kein guter oder unterhaltsamer Roman ist. Im Gegenteil, durch die drei Protagonisten gewinnt die Geschichte für mich an Spannung. Israni, Acurien und Kilgan sind – ganz anders als Pardona oder Ometheon – unbeschriebene Blätter. Zumindest bei DSA-Kennern kann aus dem Gesamtgang der Handlung wenig Spannung gezogen werden, schließlich sind das Schicksal des Himmelsturms und von Simyala grundsätzlich bekannt, gehören sie doch zu wichtigen historischen Ereignissen. Indem nun der Fokus auf die Frage der Einzelschicksale gelegt wird, fiebert man deutlich mehr mit, da nicht klar ist, was aus Israni und Co. geworden ist. Das Highlight dieses ersten Bandes ist für mich eindeutig die Schlacht um Simyala am Ende, wenn alle Register eines epischen Finales gezogen werden.      

Was deutlich auffällt, ist dass der Roman keinen Fokus darauf legt, die Geschichte des Untergangs Ometheons lückenlos zu erzählen, was also in Richtung einer kompletten Schilderung der Ereignisse nach Ankunft Pardonas im Himmelsturm gehen würde. Stattdessen wird der Schwerpunkt eher auf dramatische Höhepunkte gesetzt und die Erzählweise ist eher schlaglichtartig und nicht kontinuierlich. Das wird sicherlich nicht allen gefallen, ich persönlich sehe den Vorteil vor allem darin, dass die Spannung stets hochgehalten wird. Nachteilig ist dabei umgekehrt, dass Figuren wie Ometheon und Emethiel auf diese Weise zu absoluten Nebenfiguren werden und das brisante Beziehungsdreieck zwischen den beiden Brüdern und Pardona/Amadena ein absoluter Randaspekt bleibt. Zusätzlich sorgt dies dafür, dass vieles im Roman kontextbedürftig ist, da eben nicht lückenlos erzählt wird und auch oft im Text selbst keine Erläuterungen sind, die Zusammenhänge liefern. Ich persönlich halte mich für halbwegs fit in der Geschichte der Hochelfen und des Himmelsturms, trotzdem musste ich immer wieder einzelne Aspekte nachschlagen oder auf das Wiki aventurica zurückgreifen. Hier kommen DSA-ExpertInnen mehr auf ihre Kosten als Leute, die sich nicht oder nur grob mit Aventurien auskennen, meiner Auffassung nach ist das Buch in dieser Hinsicht weniger massenmarkttauglich als die Phileasson-Saga. Dafür werden DSA-Fans sehr intensiv angesprochen, weil überall kleine Details aus der Historie wiederendeckt werden können, zudem sind immer wieder Querverbindungen zur aktuellen Sternenträger-Kampagne vorhanden (z.B. hat Amadaia hier einen Kurzauftritt, während die Szene, in der Israni vor der Ratsversammlung spricht, auch Bestandteil von Der Abgesang Ometheons ist).

IV. Fazit

Kind des Goldenen Gottes ist ein unterhaltsamer und spannender Roman. Der Fokus liegt etwas überraschend nicht so stark auf Pardona selbst, sondern auf ihren GegnerInnen, die für das Gute streiten. Die Erzählweise konzentriert sich mehr auf die Schilderung besonders epischer Ereignisse als auf eine lückenlose Erzählung des Untergangs der Hochelfen im Himmelsturm und in Simyala. Dies ist aber aus meiner Sicht ein völlig legitimer Ansatz, da die ungewissen Einzelschicksale einen höheren Spannungsfaktor aufweisen als die bloße Schilderung von Geschehnissen, die weithin schon bekannt sind.              

4 Kommentare

  1. Eigentlich ganz clever das Wirken von Pardona aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
    Die Gedankenwelt einer uralten, mächtigen, halbgöttlichen Antagonisten wiederzugeben, hält einige Fallstricke bereit. Ihr Wirken aus einer Pro & Contra Sicht zu erleben, scheint da ein guter Kompromiss.
    Ich bin gespannt auf den Roman.

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    1. Ich hab mit der Außenperspektive auch kein Problem,für mich sorgt das auch für die Spannung. Die meisten, die sich etwas mit DSA auskennen, wissen, was aus Pardona, Ometheon und Co. wird. Die Protagonisten sind neu, ihr Schicksal ist ungewiss, das ist für mich reizvoller.
      Eine kleine Einschränkung muss ich aber schon geben, damit kein falscher Eindruck entsteht: Auch wenn Pardona anfangs einige der Hochelfen verführt, sind die Protagonisten vergleichsweise schnell auf der Seite ihrer Gegner zu verorten. Eine Pro-Sicht auf sie findet also nur sehr kurz und eingeschränkt statt.

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