Rezension: Eine vergessene Mine

Vorbemerkung: Neuer Monat, neues Heldenwerk, so lautet die einfache Formel (wenn auch im Zweimonats-Rhythmus). Eine vergessene Mine von Andreas Landmesser reiht sich dabei in einige Heldenwerke der letzten Zeit ein, die dafür sorgen, dass die Region Svelltland/Orkland/Minister Norden mit Nachschub ausgestattet wird. Als jemand, der diesen Teil Aventuriens sehr mag, freut es mich natürlich sehr, dass hier wieder vermehrt ein Fokus gesetzt wird.

In Zahlen:

– Heldenwerk Nr. 38

– 15 Seiten

– Erschienen am 5.10. 2021 (zusammen mit dem Aventurischen Boten Nr. 209)

I. Aufbau und Inhalt

Der Klappentext weist Eine vergessene Mine als Detektivabenteuer aus und dementsprechend geht es immer wieder um Recherche und das Sammeln von relevanten Informationen. Dabei nimmt die Handlung ihren Anfang in Rathila, wo die Heldengruppe auf die Grenzgrevin Hermine Moosdörfer trifft. Diese sucht Bewaffnete, die sie für einen Auftrag nach Uhdenberg begleiten: Dort soll sie eine strittige Grenzfrage klären, nämlich ob die Silbermine des Erzbarons Jassaf ibn Shadian wirklich im Einflussbereich Uhdenbergs liegt oder sich auf dem Gebiet des Herzogtums Weiden befindet.

Erste Recherchemöglichkeiten ergeben sich dann in Uhdenberg. Dazu sind eine kurze Stadtbeschreibung sowie ein Stadtkarte vorhanden, sowie Auflistungen der Informationen, die man an unterschiedlichen Orten in der Stadt erhalten kann. Als zweiter Rechercheort wird dann die Mine selbst vorgestellt. Hier gibt es sowohl die Option, offen als Beauftragte Hermines aufzutreten als auch sich von Jassafs Oberaufseher Eichbart Düstermann, einem erfahrenen Söldner, als Minenarbeiter anwerben zu lassen, um dort unauffällig Untersuchungen anzustellen. Dabei werden die Arbeitsabläufe vor Ort und die Konflikte unter dem Minenpersonal berücksichtigt, sowie mehrere Verlaufsoptionen gegeben.

Die Handlung sieht unterschiedliche Schwerpunkte vor, so kann es durchaus auch zu handfesten Auseinandersetzungen kommen, ebenfalls ist eine juristische Auseinandersetzung vor der Minenloge vorgesehen, zudem ist immer wieder die Interaktion mit den NSC gefragt, um zu validen Rechercheergebnissen zu kommen.

II. Figuren

Erste Ansprechpartnerin ist natürlich Hermine als Auftraggeberin, die sich im unruhigen Uhdenberg sichtlich nicht wohl fühlt, dafür in den ihre Aufgabe betreffenden Rechtsfragen eine profunde Ansprechpartnerin ist. Zudem steht mit Jassaf ibn Shadian ein charmanter Erzbaron im Fokus der Ermittlung. Vor Ort in der Mine werden vor allem solche Charaktere, die nicht mit offenen Karten spielen, von Eichbart Düstermann mit Argwohn betrachtet. In Laufe der Handlung dürften sich außerdem noch weitere Kontakte ergeben, die der Gruppe relevante Informationen geben können.

III. Kritik

Einmal mehr fällt auf, dass hier für ein Heldenwerk eine ambitionierte Handlung vorliegt, indem zunächst die Anreise nach Uhdenberg und die Anwerbung geschildert werden, dann eine Recherche in der Stadt und in der Mine möglich ist, dazu kann sich auch eine Situation ergeben, in der sogar mehrfach zwischen Mine und Stadt hin- und hergereist werden muss. Positiv fällt dabei auf, dass für Uhdenberg sowohl eine kurze Stadtbeschreibung als auch ein Plan vorhanden ist, was bisher eigentlich bei Heldenwerken, die in größeren Städten spielen, nicht der Fall war. Zudem gibt es zwei weitere Karten, die für die Recherche und die Frage, in wessen Herrschaftsgebiet die Mine wirklich liegt, einen wesentlichen Beweis darstellen. Einzig für die Mine selbst existiert kein Plan, was ich etwas schade finde, da diese möglicherweise auch einen Ort der Auseinandersetzung darstellen kann.

Die Stärke des Abenteuers liegt generell in einer gut ausgearbeiteten Recherche, die die Gruppe zusätzlich mit sehr unterschiedlichen Charakteren zusammenführt. Es gibt einiges zu ermitteln, zudem haben die Recherchehandlungen direkte Auswirkungen auf den Verlauf des Abenteuers, was durch zwei Punktetabellen erreicht wird, die einerseits Aktionen eines Antagonisten auslösen bzw. andererseits den Verlauf des Prozesses darstellen. Somit ist der Ablauf logisch gestaltet.

Logisch heißt aber nicht unbedingt immer, dass es sich um die beste Lösung handelt. Dramaturgisch fehlt es mir dafür stellenweise etwas an Spannung, indem es letztlich gesehen um den juristischen Nachweis geht, zu welchem Herrschaftsgebiet die Mine gehört. Die Antagonisten werden damit in einem Prozess abgeurteilt (was ja generell nicht schlecht ist und tatsächlich eher selten der Fall ist), auf dem Weg dahin fehlt es mir aber etwas an Höhepunkten. Vor allem wird aus meiner Sicht der eigentlich interessanteste Schauplatz, die Mine, nicht ihrem Potential gemäß genutzt. Letztlich ist es eine Zwischenetappe und der Prozess wird vom Abenteuer als Höhepunkt ausgewiesen. Gleiches gilt für die Thematik, in der es am Ende darum geht, einen Grenzverstoß nachzuweisen, was einmal mehr eine sehr bodenständige Herangehensweise darstellt. Hier hätte ich mir angesichts der wahren Hintergründe über die Mine und deren Abbauprodukte eher dort einen finalen Showdown mit dem optionalen Prozess als Nachspiel gewünscht (vor allem weil es einen erfahrenen Kämpfer als Gegenspieler gibt, der in der Mine außerdem einen Heimvorteil hätte). Das hätte für mich auch besser zur Western-Anlehnung des Settings gepasst. Dazu bietet sich ein anderer Handlungsstrang, die Unterdrückung der Goblins als Minenarbeitet, deutlich mehr dazu an, einen Schwerpunkt zu setzen, auch weil die rebellische Schamanin Bruuta ein sehr interessanter Charakter ist. Trotzdem sind die Setzungen im Abenteuer nachvollziehbar und legitim, meine Kritik somit natürlich auch Geschmackssache.

Wie üblich sehe ich allerdings auch Punkte, bei denen man mehr Handlung hätte raffen können. Das betrifft vor allem den Einstieg in Rathila, der Platz kostet. Hier wäre ein direkterer Beginn in Uhdenberg eine einfachere Lösung gewesen, z.B. indem man die wenig wehrhafte Hermine aus einer Konfliktsituation retten muss. Stilistisch sind zusätzlich einige sehr lange leicht narrative Passagen in den Beschreibungstexten aufgefallen, in denen der Handlungsverlauf recht eng gestaltet ist bzw. die Reaktionen der NSC recht klar vorgegeben sind. Dies hätte man an anderer Stelle effizienter Nutzen können. Wenn man z.B. Wert auf einen Prozess legt (der rollenspielerisch sicherlich auch reizvoll sein kann), dann wären mehr Angaben über die Rahmenbedingungen einer Verhandlung vor der Minenloge hilfreich gewesen (z.B. juristische Spielregeln, die mit Sicherheit anders als im Mittelreich sind oder auch die Beschreibung eines Richter-NSC), um eine freiere Ausgestaltung zu ermöglichen. Hier ist die Spielleitung doch sehr stark mit einer eigenen Ausarbeitung gefragt.

IV. Fazit

Eine vergessene Mine ist ein solides Heldenwerk, in dem der Autor den beinhalteten Rechercheteil sauber und logisch ausgearbeitet hat, zudem gibt es interessante NSC, mit denen man interagieren kann. Gut eingesetzt ist zudem Uhdenberg als Schauplatz, für das es sogar eine Stadtbeschreibung samt Karte gibt. Der zweite Handlungsort, die titelgebende Mine hätte für meinen Geschmack dafür intensiver genutzt werden können. Von der Schwerpunktsetzung ist mir das Abenteuer etwas zu bodenständig angelegt, zudem sind die Beschreibungstexte inhaltlich teilweise etwas narrativ ausgefallen. Der abschließende Prozess ist viel zu lückenhaft dargestellt.  

Bewertung: 3 von 6 Punkten                  

12 Kommentare

    1. Ups, da hast du recht, ich hatte Uhdenberg westlicher in Erinnerung, näher am Svelltland, aber das ist auf der Karte wirklich noch ein Stück. Liegt vielleicht auch daran, dass Uhdenberg und speziell dieses Abenteuer auch so eine gewisse Western-Anlehung hat.

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  1. Da hat man endlich eine Mine, einen kampferprobten Gegner und ausgebeutete Goblins in einem Abenteuer und soll dann doch nur so eine uninteressante Rechtsfrage klären. Das mag zwar vielleicht Stilfrage sein, aber ich frage mich, wer an sowas Spaß hat? Wenn da ein handfester Konflikt hinter wäre zwischen zwei verfeindeten Mächten, und ein Scheitern zu einer kriegerischen Auseinandersetzung führen würde, dann wäre das ja schon spannender.

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    1. Grundsätzlich sehe ich das genauso wie du, die präferierte Lösung klingt mir zu bürokratisch und nicht so abenteuerlich. Allerdings ist das irgendwo auch persönlicher Geschmack. Man kann das ja auch umgekehrt sehen, dass auch so ein Prozess seinen Reiz hat, wenn man das ausspielt. Wäre immerhin deutlich unverbrauchter als der x-te Endkampf in einem Dungeon. Deshalb hätte ich das nicht als schwerwiegendes Kriterium gesehen, wenn es denn wirklich gut umgesetzt worden wäre. Das geschieht hier aber für meinen Geschmack zu rudimentär. Gerade so einen Prozess vor der Minenloge stelle ich mir etwas spezieller und ungewöhnlicher vor, da gilt ja ein anderer Rechtsrahmen als z.B. irgendwo im Mittelreich. Dazu finden sich im Text aber kaum Angaben und das wiederum ist sehr schade. Ich fände es durchaus spannend, wenn die erweiterte Ausgabe, die ja irgendwann in einem der kommenden Heldenwerk-Archive erscheinen wird, sich genau damit auseinandersetzen würde.
      Und alternativ würde ich genauso einen Minenplan und ein paar Anregungen für einen zünftigen Endkampf dort nehmen.

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  2. Danke für die Rezi. Vor allem, dass du auch gleich Verbesserungsvorschläge für die Kritikpunkte lieferst. Ich leite das Abenteuer am Sonntag und hatte mir auch schon überlegt, es direkt in Uhdenberg starten zu lassen. Dass man Hermine auch gleich aus einer brenzlichen Situation retten kann, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, passt ja sehr gut zu der Stadt. Die Angreifer könnten auch schon vom Antagonisten geschickt worden sein. Danke auch dafür.

    Einen Endkampf z.B. in der Mine hatte ich allerdings auch schon bei der ersten Lektüre vor meinem geistigen Auge gesehen, als es hieß, wenn ihr das, das und das macht, wird er flüchten. Ebenso gut kann er ja versuchen, die Helden aus dem Weg zu räumen, weil er eben als äußerst wehrhafter Söldner beschrieben wird.

    Mit der Verhandlung am Ende hast du wahrscheinlich auch Recht. Auch, wenn mir persönlich der Text gereicht hat, um mir ein paar relevante Erzbarone vorzustellen, die ich darstellen könnte. Immerhin wird ja der oberste Richter „Hagen Kolenbrander“ in der Einleitung beschrieben.

    Ich würde dem Abenteuer 5/6 Punkten geben, weil es ein originelles und gut beschriebenes Setting mit sehr unterschiedlichen und interessanten Charakteren kombiniert. Das hat mir schon beim Lesen so viel Spaß gemacht, dass ich gern etwas Zeit darauf verwende, die Lücken oder Schwachstellen mit eigenen Ideen (oder deinen 🙂 zu füllen.

    Eine Karte des Talkessels, in dem die Mine liegt, habe ich z.B. gestern aufgrund der guten Beschreibung mit großer Freude selber angefertigt.

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  3. Die grundsätzliche Idee und der Schauplatz sind interessant, leider ist die Umsetzung mangelhaft. Mich wundert, dass bisher niemand darauf hingewiesen hat, wie dermassen unlogisch das Ende im Prozess ist. Der Kern des Abenteuers, dass die Helden die rechtlichen Besitzverhältnisse klären wird schlicht ignoriert. Die eigentlichen Besitzer werden komplett ausgeklammert und es wird quasi Unrecht-Variante 1 durch Unrecht-Variante 2 ersetzt.

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    1. Tatsächlich, ich hab den Aspekt überlesen, dass in der Konsequenz des Urteils dort steht, dass die Mine an die Minenloge abgetreten wird, was nicht im Einklang mit den Ermittlungsergebnissen steht, da die Mine ja tatsächlich nicht in deren Einflussgebiet ist. Das ist in der Tat ein Fehler, auch weil der Prozess ja gar nicht die Besitzverhältnisse klären soll, sondern den bewussten Betrug sanktionieren soll. Sinn ergäbe das nur, wenn der Prozess eine sehr spezielle Rechtsauffassung der M8nenloge zeigen sollte, davon ist aber nirgendwo die Rede.
      Ich würde nur sagen, dass das nicht den ganzen Prozess unlogisch macht, sondern nur im Punkt der Besitzverhältnisse eine falsche Darstellung vorhanden ist.

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    2. Ich habe das so verstanden: Bei der Verhandlung am Ende sitzt als Richter ja „Hagen Kolenbrander“ der gute Beziehungen zu Weiden (Trallop) pflegt und als Initiator der ganzen Geschichte die Grenzverhältnisse geklärt haben will. Dass unter seiner Führung die Mine an die Loge abgetreten wird, verstehe ich so, dass sie zunächst das Fundrecht auf sich überträgt und dann damit in Verhandlung mit Weiden tritt. Schließlich kann sie behaupten, sie hätte sie entdeckt. Das ist zwar etwas ungenau, aber bei weitem kein Gamebreaker.

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