Rezension: Sturm

Vorbemerkung: Nachdem vor kurzem der erste Teil der Hjaldinger-Saga neu aufgelegt wurde, um die Reihe in Bälde zu Ende führen zu können, ist nun auch eine neue Version von Sturm erschienen. Der zweite Band der Reihe von Daniela Knor muss dabei die Fäden von Glut aufnehmen, an dessen Ende die Erkenntnis stand, dass die Hjaldinger sich nunmehr einem Konflikt mit dem Imperium stellen müssen. Der mittlere Teil einer Trilogie hat ja oft mit dem Problem zu kämpfen, ein wenig in der Schwebe zwischen passender Fortführung und gelungener Überleitung zum dramatischen Endpunkt zu stehen. Somit ist auch hier die Frage spannend, ob es gelingt, einen eigenständigen Schwerpunkt zu setzen. (Anmerkung: Grundlage dieser Rezension ist die Originalausgabe von 2009, nicht die jetzt erschienene Neuauflage).

In Zahlen:

– 2. Band der Hjaldinger-Saga

– 296 Seiten  

– Preis: 14,95

– Erschienen am 28.10. 2021 (in der Neuauflage)

I. Inhalt

Der Roman knüpft nicht unmittelbar an den Vorgänger an, als es Vadur, Jurga und ihren Mitstreitern unter hohem Risiko gelang, die Pläne des Imperiums zur Invasion des Hjaldinger-Reichs aufzudecken. Stattdessen wird ein kleiner Zeitsprung vorgenommen, der dort ansetzt, wo der Konflikt bereits im vollen Gange ist. Gezeigt wird, wie die Hjaldinger einen verzweifelten Abwehrkampf gegen die übermächtigen imperialen Streitkräfte führen. Jurga hat sich in der Zwischenzeit von einer bestenfalls geduldeten Außenseiterin zu einer respektierten Anführerin entwickelt. Ihre Strategie ist es zu Beginn, die gegnerischen Truppen an Land mit einer Nadelstich-Taktik auszubremsen, indem sie eine Art Guerilla-Krieg führt und überraschende Angriffe plant, bei denen die Hjaldinger sich ihre bessere Kenntnis des Terrains zunutze machen.

Die weiteren Protagonisten des ersten Teils begleiten sie dabei, tragen aber neben den Kampfgeschehen auch ihren eigenen inneren Konflikte aus. Vardur sieht sich nach wie vor als Unglückbringer und befürchtet, dass seine Anwesenheit die geliebte Jurga über kurz oder lang ins Verderben stürzen wird. Zudem hadert er nach wie vor mit seiner Rolle als designierter Nachfolger seiner Großmutter Salbjerg als Hersir der Havar-Sippe. Xelias hingegen hat sich zwar dafür entschieden, gemeinsam mit dem Volk seines Vaters zu kämpfen, hat aber ein großes Akzeptanzproblem, da er als Fremder angesehen wird, dem es an dem wahren Mut und der Tatkraft eines Hjaldingers fehlt, weshalb er oft als Teigherz bezeichnet wird.     

Gautaz ist zuletzt mit der Problematik konfrontiert, dass er sich nicht der Führung anderer unterwerfen will, allerdings erkennt er mehr und mehr, dass er und seine Sippe alleine nicht im Kampf bestehen können. Somit muss auch er sich dem Ansinnen von Ullbjern Eirikssun anschließen, dem Hersir der Groa-Sippe, der als allseits akzeptierter Anführer einen Entscheidungskampf mit dem Imperium herbeiführen will, in dem die Hjaldinger-Sippen gemeinsam agieren sollen, wozu sich immer mehr Schiffe in Hjaldingsholm sammeln.

Allerdings wirft Jurga einen Alternativplan auf: Sie glaubt – beeinflusst von ihrem Schutzgeist – nicht an eine realistische Siegchance der Hjaldinger, sondern beabsichtigt alle, die sich ihr anschließen wollen, über das sogenannte Nirgendmeer zu führen, wo sie Land zu finden hofft. Allerdings besagt der Glaube der Hjaldinger, dass sich dort nichts befindet, stattdessen nur der Fall über den Rand des Meeres wartet. Viele Schiffsführer stehen somit vor der Entscheidung, ob sie sich gemeinsam mit Ullbjern zur Schlacht gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner stellen oder sie sich zusammen mit Jurga für die Flucht entscheiden, was nicht dem stolzen Naturell der Hjaldinger entspricht.

II. Figuren

Nach wie vor ist Jurga zwar die für die Saga bestimmende historische Figur, allerdings ist sie weiterhin keine der Perspektivfiguren, sondern wird immer aus der Sicht anderer Figuren beschrieben. Erkennbar ist aber ein deutlicher Rollenwandel, da sie nunmehr als Anführerin agiert, die sich im Kampf aus der unterlegenen Position heraus bewährt hat und auf deren Wort man einiges gibt. Ihre Gefolgsleute stellt sie mit der Aufforderung zur Flucht aber auf eine deutliche Vertrauensprobe.

Vardur ist dabei hin- und hergerissen zwischen seiner Zuneigung zu ihr und dem Wunsch, ihr nicht zu schaden. Weiterhin zeigt er eine große Unsicherheit, was sowohl seine Rolle als Unglücksbringer als auch sein Geburtsrecht angeht. Immer mehr jedoch entwickelt er die Bereitschaft, seine Meinung offen zu äußern und Entscheidungen zu treffen. Auch Xelias muss um Akzeptanz kämpfen, dabei geht es aber um ihn selbst als Person, der nicht als Hjaldinger angesehen und teils sogar gedemütigt wird. Besonders trifft ihn, dass auch Firnvild, die Tochter Ullbjerns, in die er sich verliebt hat, ihn nicht akzeptiert.

Gautaz gefällt sich zwar weiterhin in der Rolle des großmäuligen Anführers, muss aber immer mehr eingestehen, dass er allein wenig ausrichten kann und er sich der Gemeinschaft anschließen muss. Trotzdem hindert ihn das nicht daran, auch dort eine dominante Rolle einzunehmen und unverhohlen Kritik an den Plänen der anderen zu äußern.         

III. Kritik

Von diesen sehr unterschiedlichen Figuren lebt die Reihe weiterhin, indem alle Protagonisten keinen leichten Stand haben, sind sie doch alle immens konfliktbeladen. Während Vadur, Jurga und Xelias dabei um Akzeptanz der anderen ringen und innerlich von großen Zweifeln befallen sind, fällt Gautaz an dieser Stelle als Ausnahme auf. Er hinterfragt die eigenen Entscheidungen so gut wie nie, sondern vertritt seine Meinung offensiv nach außen, selbst wenn er dabei keine Mehrheit hinter sich weiß. Das bringt ihn ständig in verbale und körperliche Auseinandersetzungen, die für ihn aber charakterbestimmend sind, definiert er sich doch über seine Tatkraft und seinen Wagemut. Nach wie vor lässt ihn das für mich zu einer besonders interessanten Figur werden, gerade weil er kein Sympathieträger ist, aber auch (noch) kein lupenreiner Schurke.

Im Rahmen der Figurenentwicklung ist bei Vadur, Jurga und Xelias ein Wandel zu registrieren, indem diese wider Willen agieren und dabei oft schwere Entscheidungen treffen müssen. Was aus meiner Sicht allerdings hier etwas problematisch ist, ist der Zeitsprung zu Beginn des Romans. Für mich ist gerade die Wandlung von Jurga von der Außenseiterin hin zu Anführerin viel zu wenig nachvollziehbar, all das hat eben im Zwischenraum zwischen beiden Romane stattgefunden. Somit wirkt diese Genese nicht natürlich und kommt etwas plötzlich daher. Zwar war sie in Glut Teil einer wichtigen Mission, warum sie aber plötzlich sogar Vardur, der ja eigentlich designierter Hersir einer Sippe ist, an Führungsposition überragt, wird nicht überzeugend erläutert. Bei Vardur erscheint dafür merkwürdig, dass er im ersten Band noch immens viel dafür getan hat, um Jurga an sich zu binden, während er hier recht schnell bereit ist, sie zu verlassen. Generell ist mir in Sturm die Charakterzeichnung etwas zu grob und lückenhaft.

Im Ganzen geht es natürlich um die Frage, ob die Hjaldinger sich einem heroischen Kampf mit geringer Erfolgsaussicht stellen oder die vordergründig eher feige wirkende Flucht wagen sollen, die sie auch noch in ein Gewässer führen wird, das sie für eine Sackgasse halten. Diese Atmosphäre der Ausweglosigkeit transportiert der Roman gut, z.B. wenn Jurgas Guerilla-Taktik zwar Achtungserfolge bringt, aber letztlich konsequenzfrei bleibt. Genauso wird der Gegner als unaufhaltsam charakterisiert. Dies wird insbesondere in den Seekämpfen und in den Zwischenepisoden aus der Sicht der Spionin Pythatheriope gezeigt, wenn offenkundig wird, dass die Charybalis mit dämonischen Mächten im Bunde stehen, denen die Hjaldinger mit ihren konventionellen Mitteln kaum gewachsen sind. In der Dramaturgie wechseln sich dabei intensivere Spannungsszenen, z.B. im Kampfgetümmel, mit Charakterszenen ab. Interessant ist dabei der Umstand, dass selbst die tatkräftigen Hjaldinger viel Politik betreiben, bestehen doch viele Handlungsszenen aus Debatten der Führungsschicht um die richtige Strategie, wobei sie sich eigentlich nur in der deftigeren Wortwahl von vergleichbaren Diskussionen aus anderen Gesellschaften unterscheiden.

IV. Fazit

Sturm führt den Konflikt, der sich in Glut offenbart hat, auf eine nächste Ebene. Dabei wird vor allem die Ausweglosigkeit des Abwehrkampfs der Hjaldinger gegen das übermächtige Imperium in den Vordergrund gestellt. Interessant sind weiterhin die sehr unterschiedlichen Hauptfiguren, allerdings wird deren Charakterentwicklung nicht immer überzeugend dargestellt, was vor allem für Jurgas plötzlichen Wandel zur Anführerin und Hoffnungsträgerin gilt.                

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