Rezension: Nandus-Vademecum

Vorbemerkung: Eines der faszinierendsten unter den göttlichen Wesen stellt unzweifelhaft Nandus dar, der mit seinen Alveraniaren Rohal und Borbarad gerade in der jüngeren Geschichte Aventuriens einen nicht geringen Einfluss auf die Geschicke des Kontinents hatte. Und dennoch ist dessen Verehrung nicht besonders ausgeprägt (zum Teil sogar verboten). Somit ist das Nandus-Vademecum von Thorsten Most und Josch K. Zahradnik auch ein mit viel Vorfreude erwarteter Band, bei dem für mich besonders interessant ist, wie mit der besonderen Rolle von Nandus umgegangen wird.

In Zahlen:

– 160 Seiten

– Preis: Preis: 17,95 Euro

– Erschienen am 20.12. 2021

I. Aufbau und Inhalt

Im Grunde ist der Band wie die anderen aus der Reihe auch als Ingame-Ratgeber für Geweihte der entsprechenden Gottheit aufgebaut, zusätzlich mit einem Sonderkapitel versehen, in dem darauf eingegangen wird, wie diese gespielt werden könnten. Allerdings fallen schon zu Beginn zwei Aspekte auf, die außergewöhnlich sind. So gibt es gleich vier fiktive Autor*innen, deren Identität allerdings nicht genannt wird (stattdessen werden die Decknamen Canis, Ibis, Korax und Mungo verwendet). Außerdem finden sich neben den reinen Texten überall Rätsel, sei es in Form von Symbolen am Textrand, fehlenden oder unterstrichenen Buchstaben, Illustrationen mit Rätselwaben etc., die den Aspekt des Geheimnisvollen unterstreichen sollen. Somit ist das vorliegende Vademecum auch ein spielbares Rätselbuch.

Inhaltlich wird zu Beginn schon ein Thema hervorgehoben, das auch in allen folgenden Kapiteln das Leitmotiv darstellen wird: Wissen und der Umgang damit. Vergleichsweise kurz fällt dafür die Vorstellung der Kirche aus, da diese offiziell eben sehr klein ist und viele Aktivitäten im Verborgenen stattfinden und echte Hierarchien kaum existieren. Als Anlaufstellen werden aber einige wichtige Tempel erwähnt, zudem werden einige unverzichtbare Werkzeuge für Wissenssuchende genannt. Auch auf bedeutende Personen der Vergangenheit wird eingegangen, neben Rohal und Borbarad sind dies Niobara, Odenius, Sulman al´Nassori und vor allem Thamos Nostriacus, dazu kommen aber auch noch Figuren der Gegenwart wie der kürzlich verstorbene Melchior Ahrenbruch.

Einen wichtigen Raum nimmt die Rolle von Lernen und Lehren ein. Hier werden beim Lernen einige Grundsätze des Wissensstreben aufgeführt, die sich oft an irdischen Ideen der Aufklärung orientieren (die also vor allem einen aktiven Drang zum Lernen einfordern und eben keine Konsumentenhaltung). Unterschieden wird dabei zwischen den Generalisten (denen, die sich vor allem ein sehr bereites allgemeines Wissen aneignen wollen, mit dem Ziel eines Daseins als Universalgelehrter) und den Spezialisten (die nach vertieftem Wissen in einem bestimmten Gebiet streben). Lernen wird somit auch als lebenslanger Prozess angesehen. Innerhalb dieses Komplexes ist aber auch die Weitergabe von Wissen von großer Wichtigkeit. Somit wird auch auf das Lehren detailliert eingegangen und auf das Gebiet der Didaktik, wobei das Ziel natürlich ist, die Schüler*innen zum selbsttätigen Erkenntnisgewinn zu führen.

Folgend wird der Komplex des Ziels von Wissen und Erkenntnissuche thematisiert. An dieser Stelle kommt eine Eigenheit der Gemeinschaft des Nandus hervor: die kritische Sicht auf andere Glaubensgemeinschaften und deren oft selbstauferlegte Grundsätze. Das beinhaltet auch den Umgang mit sogenanntem verbotenen Wissen. Dazu wird auch über versteckte Lehrer gesprochen, da einiges, mit dem sich Gläubigen auseinandersetzen durchaus als Ketzerei betrachtet wird. Hervorgehoben wird deshalb auch die Notwendigkeit, sich bedeckt zu halten und diplomatische Lösungen für Widerstände zu suchen, auch wenn durchaus die Rolle von Märtyrern genannt wird, wenn ein Ziel es wert ist. Als konkrete Werkzeuge werden dazu wichtige Texte und Schriften vorgestellt, aber auch das Einhornstirnband oder das Trigon. Wie in anderen Bänden der Reihe werden auch einige konkrete Segensformen aufgeführt, die man in unterschiedlichen Situationen verwenden kann.

Als wichtiges Mittel werden anschließend Rätsel in den Mittelpunkt gestellt. Nach einer Einführung, warum es oft notwendig sein kann, Wissen zu verschlüsseln, sind dann konkrete Rätsel abgedruckt, an deren Beispiel unterschiedliche Verschlüsselungsformen vorgestellt werden. Danach werden einige ungelöste Mysterien angefügt, unter anderem die Frage nach dem wahren Namen des Namenlosen oder dem vergessenen 8. Zeitalter. Dabei werden auch die Gründe für derartige Mysterien diskutiert und auch gegen die normalerweise vorhandene Tabuisierung dieser Fragen argumentiert.

Das Sonderkapitel stellt wie üblich verschiedene Typen vor, unter anderem die schon angesprochenen Generalisten und Spezialisten. Im Kern werden aber vor allem Aspekte aus der Historia Aventurica aufgegriffen, konkret wie man mit der dort gesetzten Spaltung von Nandus umgehen kann, auch in der Trennung von Spieler- und Charakterwissen.        

II. Kritik

Auffällig ist auf den ersten Blick die ungewöhnliche Konzeption: Anders als die meisten vorherigen Bände der Reihe ist die Glaubensgemeinschaft eher ein Randthema. Eine Geschichte der Nandusverehrung oder gar -kirche wird kaum angesprochen, auch mit den großen Vorbildern oder Heiligen wird sich nicht allzu lange aufgehalten. Stattdessen liegt der Fokus in fast allen Bereichen des Vademecums auf den Grundsätzen und dem Verhalten der Geweihtenschaft. Dabei sticht von Beginn an die Betonung des Wissensaspekt ins Auge.

Anfangs muss ich gestehen, dass sich dort einige Längen bei mir eingestellt haben: Zunächst liest sich der Teil der Texte, der das Streben nach Erkenntnis thematisiert, ein wenig wie ein Einführungskurs in Aufklärungsphilosophie, vor allem wenn mit Begriffen wie Unmündigkeit, Machtmitteln etc. gearbeitet wird. Dabei lassen Kant und Co. teilweise herzlich grüßen und das ist sicher nicht unbedingt etwas, was alle Geschmäcker trifft.

Allerdings halte ich das vom Endresultat her für einen durchaus notwendigen Bestandteil, denn die große Stärke des Bandes liegt in den Schlussfolgerungen, die sich für Nandusgeweihte daraus ergibt. Und an diesem Punkt handelt es sich um ein richtig starkes Vademecum: Hier werden plötzlich sehr radikale Gedanken geäußert, vor allem wenn kritische Distanz zu anderen Glaubensgemeinschaften und deren Prinzipien erkennbar wird. Dabei kristallisiert sich das Bild von unbequemem Denken und von ausgeprägter Individualität heraus. Wer sein Leben Nandus widmet, darf demnach nicht vor unpopulären Gedanken zurückschrecken und wagt sich auch an die großen Tabus wie an die Natur des Namenlosen. Die Individualität wird auch dadurch deutlich, dass die vier Autor*innen nicht immer mit einer Stimme sprechen, sondern offenkundig unterschiedlichen Denkrichtungen anhängen, was das Bild abrundet. Somit erhält man zwar wenig wirkliche Hintergrundinformationen im Sinne von Wissen über den Nandusglauben, dafür aber immens viele Einblicke in das Denken und Handeln der Geweihten, wofür sich viele Anregungen für das eigene Spiel ergeben.

Sehr relevant ist in diesem Zusammenhang auch das Sonderkapitel, das versucht, die Setzungen der Historia Aventurica so zu handhaben, dass man trotzdem Geweihte dieser Glaubensrichtung spielen kann. Dabei werden mehrere mögliche Erklärungsansätze geliefert, wie man mit der im wahrsten Sinne des Wortes zerrissenen Natur von Nandus umgehen kann, was ich als ausgesprochen wertvoll und hilfreich empfinde.

Einen spannenden Zusatzeffekt erzeugen die vielen Rätsel. Auch hier ergibt sich eine doppelte Natur. Einerseits kann man selbst aktiv werden bei der Lösung der Rätsel, andererseits sind diese aber nicht reiner Selbstzweck für die Knoblerfraktion, sondern erfüllen auch innerhalb des Glaubens eine nachvollziehbare Funktion, da die Geweihten immer nach verborgenem Wissen streben und solches auch entschlüsseln müssen bzw. zur Wissensbewahrung auch Verschlüsselungskonzepte kennen müssen. Die Einbindung ist folglich sehr generisch. Die Rätsel selbst sind zum Teil relativ knackig, allerdings dient das Ingame-Kapitel zum Thema Rätsel dafür auch als eine Art Anleitung, die das Lösen erleichtern soll.       

III. Fazit

Das Nandus-Vademecum stellt einen sehr gelungenen Band dar, der innerhalb der Reihe eher ungewöhnlich wirkt. Der Fokus liegt weniger auf einer allgemeinen Darstellung des Glaubens, sondern auf der individuellen Handlungs- und Denkweise der Geweihten. Der Schwerpunkt auf dem Umgang mit Wissen bedingt zwar ein paar Längen, die aber aus meiner Sicht zu vernachlässigen sind, wenn man dafür ein sehr tiefenscharfes Bild einer solchen Figur erhält.

Bewertung: 5 von 6 Punkten     

2 Kommentare

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