Rezension: Nebelinseln

Vorbemerkung: Lange 1,5 Jahre betrug die Wartezeit, nun aber geht der Wettbewerb der beiden Kapitäne Phileasson und Beorn in die nächste Runde. Mit Nebelinseln ist der 10. Roman der Phileasson-Saga von Bernhard Hennen und Robert Corvus erschienen. Möglicherweise liegt die Verzögerung ja auch in der Schreibwut der Autoren begründet, knackt doch auch Nebelinseln vom Umfang her den Seitenrekord innerhalb der Reihe, immerhin wird diesmal die Schwelle von 900 Seiten durchbrochen. Seitenstärke allein ist natürlich noch nicht alles, die Frage ist dabei auch, ob es gelingt, Längen in der Handlung zu vermeiden.

In Zahlen:

– 928 Seiten

– 10. Teil der Reihe

– Preis: 16,99 Euro

– Erschienen am 10.1. 2022

I. Aufbau und Inhalt

Wie immer beginnt der Band mit einem Prolog, der einen zeitlichen Rückgriff darstellt und die Vorgeschichte einer der bekannten Figuren erzählt. Diesmal fiel die Wahl auf den Elfen Salarin. Sechs Jahre vor Beginn der Wettfahrt ist er mit dem fahrenden Händler Bronak unterwegs. Dabei haben die beiden eine folgenschwere Begegnung mit der Jungen Altima, die sich in Bronak verliebt und mit den beiden ihr kleines Dorf verlässt. Mystisch wird es, wenn die Reisegruppe von einigen Elfen eingeladen wird und in der Wildnis Bronaks Goldgier durchschlägt.

Die eigentliche Handlung knüpft dann wieder an die Ereignisse von Echsengötter an: Die Wege beider Ottajaskos werden wieder zusammengeführt, da es nun auch Phileassons Gruppe mithilfe des Zauberschiffs Taubralir gelingt, zu den Inseln im Nebel vorzudringen. Ähnlich wie Beorns Gemeinschaft zuvor, müssen sie sich erst mit diesem Ort vertraut machen, da hier Schein und Sein eng beieinander liegen, wenn man teils auf lebendige Erinnerungsbilder trifft. Dabei tauchen sie auch weiterhin tief in die Geschichte der (zumindest in Aventurien) untergegangenen Kultur der Hochelfen ein, u.a. besuchen sie die längst vergangenen Stadt Liretana, womit auch eine Verbindung zur aktuell laufenden Sternenträger-Kampagne geknüpft wird, indem man die dortige Zentralfigur Amalaia treffen kann und vor allem deren Schwester Seltaia die Gruppe im Anschluss begleitet.

Beorn hingegen befindet sich bereits seit gut zwei Jahren auf den Inseln und hat dort durch seine Rolle als Feldherr großes Aufsehen erregt und sich als „Städtezerstörer“ einen Namen gemacht. Vor allem sind es seine unkonventionellen Schachzüge, die im Konflikt zwischen den sogenannten Alten und den von ihm unterstützten Wilden dafür gesorgt haben, dass Letztere endlich nennenswerte Erfolge erringen konnten. Gescheitert sind aber im vorigen Band seine Versuche den Kessel der Cammerlan zu erlangen. Darunter hat seine Autorität gelitten, was sich unter anderem im widerspenstigen Verhalten von Eilif bemerkbar macht, die immer wieder versucht ihre eigenen Führungsambitionen zu unterstreichen. Zudem wird die Moral seiner Ottajasko durch die Tatsache gedrückt, dass ihnen keine Möglichkeit zur Rückkehr nach Aventurien und Thorwal zur Verfügung steht.

Genau diese bietet sich durch Phileassons Eintreffen, der mit der Taubralir ein Artefakt besitzt, mit dem man die Inseln erreichen und auch wieder verlassen kann. Schnell wird klar, dass die beiden Mannschaften zusammenarbeiten müssen, wollen sie ihre Ziele erreichen. Beorn verfügt über Beziehungen und Machtmittel, Phileasson besitzt das Schiff und hat mit Shaya bzw. Leomara die Personen, denen die wichtigen Visionen ihrer Aufgaben zukommen.

Dabei gestaltet sich allerdings kein gerader Weg zum Ziel, sondern es werden verschiedene Handlungsepisoden gezeigt, die einerseits zeigen, wie Phileasson erste Kontakte mit dem Elfen vor Ort knüpft bzw. wie Beorns Feldzug deutlich schleppender als zuvor verläuft, auch weil sich ihm nach wie vor die Feldherrin Orristani entgegenstellt. Zudem ergeben sich weiterhin Konflikte unter den Figuren, z.B. durch das erneute Zusammentreffen von Zidaine und Tylstyr. Zuletzt mündet die Handlung in einen Feldzug gegen die Echsen, in deren Territorium sich der Kessel befindet.  

II. Figuren

Der Mammutumfang des Bandes ist auch durch die Vielzahl der Figuren bedingt, deren Zahl sich in den mittlerweile 10 Romanen stetig vergrößert hat. Nach wie vor ist der Antagonismus der beiden Kapitäne bestimmend, wobei sie diesmal zur Kooperation gezwungen sind. Ihre Gegensätze werden aber immer wieder deutlich, Phileassons Umsicht ist zwar gut für seine Mannschaft, Beorns Entschlossenheit und Härte gegen sich und andere ist dafür gerade im Feldzug und dem dazugehörigen Kommandounternehmen zielführender.

Sehr wichtig ist vor diesem Setting Salarin, der seiner Bestimmung entgegengeht und eine direkte Verbindung zum Hochelfenkönig Fenvarien offenbart. Zidaine und Tylstyr begegnen sich feindseliger denn je, vor allem macht auch Tylstyr Veränderungen durch, die ihn härter werden lassen. Aber auch die anderen Figuren haben selektiv ihre zentralen Auftritte, z.B. Abdul als unberechenbarer Faktor, der auch schon mal zum unerwarteten Retter in der Not werden kann, Irulla mit ihrem unerschrockenen Fatalismus oder Eilif, die sich ständig in den Vordergrund drängen will. Auffällig ist dafür, dass bis auf Seltaia als Führerin für Phileassons erste Schritte nur wenige wirklich neue Figuren eingeführt werden.

III. Kritik

Über 900 Seiten sorgen natürlich dafür, dass hier eine ausgesprochen facettenreiche Handlung vorhanden ist, die neben dem Hauptstrang der Wettfahrt und dem diesmaligen Ziel der (temporären) Kontrolle über den Kessel der Cammerlan eine Reihe anderer Plots aufweist, sei es in Form verzweigter Wege (z.B. geht die Taubralir zwischenzeitlich verloren und muss wiedergewonnen werden), sei es durch die individuellen Entwicklungen (z.B. Salarin, der dem Ruf seiner vorherigen Existenz folgt oder Tylstyr, der durch eine temporale Versetzung enorm an Fähigkeiten gewinnt). Das ist einerseits spannend, weil die Figuren mittlerweile alte Vertraute sind, hat man sich doch nun schon über mehrere tausend Seiten in zig Abenteuer begleitet. Andererseits bleiben dabei auch Längen nicht aus, auch weil sich bestimmte Muster immer wiederholen (z.B. wenn Eilifs Ehrgeiz immer und immer wieder in jeder ihrer Handlungen unterstrichen wird). Genauso sind gerade einige Bereiche der Phileasson-Handlung etwas langatmig, z.B. die Darstellung von Liretana oder ein längerer Aufenthalt von Phileassons Ottajasko bei den Alten.

Einen Schwachpunkt stellt für mich diesmal der Prolog dar. In einigen der vorherigen Bänden habe ich diesen Teil mehrfach als sehr lohnend empfunden, weil damit der Effekt erreicht wurde, dass man das Denken und Handeln einiger Figuren besser nachvollziehen kann, z.B. fand ich die Vorgeschichte von Vascal und Irulla sehr gelungen. Hier jedoch ist Salarin derselbe Sonderling, wie er es auch in Phileassons Gruppe ist (nur ohne die Härte, die er sich im Verlauf der Romane angeeignet hat) und auch die Geschichte selbst stellt trotz einiger tragischer Momente nicht unbedingt etwas dar, was ich als einschneidendes Erlebnis erwarten würde, was ihn zur Teilnahme an der Fahrt motiviert hat.        

Umgekehrt ist auch dieser Band reich an Höhepunkten, die für mich mehrheitlich an den Beorn-Part der Geschichte gebunden sind, indem dieser sich von der gewohnt unerbittlichen Seite zeigen kann, hart gegen andere, aber auch ohne sich selbst dabei zu schonen, z.B. wenn er ein Gespräch mit Shadruel in Reichweite feindlicher Schützen führt, um die Moral der eigenen Truppen zu heben.

Wichtig in der Gesamtentwicklung ist zudem das Zusammentreffen beider Mannschaften nach der längeren Phase ohne direkte Kontakte. Hier gibt es ein stetiges Spannungsfeld zwischen großen Reibungspunkten und der Notwendigkeit, die Ressourcen zu bündeln, um die Aufgabe zu lösen und die Inseln verlassen zu können. Besonders hervorzuheben sind dabei ein Angriff auf eine feindliche Hafenstadt, bei der beide Ottajaskos die speziellen Fähigkeiten ihrer Mitglieder koppeln müssen, um ein scheinbar schwer einzunehmendes Terrain infiltrieren zu können. Vor allem aber ist das sehr effektreiche Finale zu nennen, in dem ein zermürbender Kampf gegen die Anhänger des Schlangenkönigs geführt werden muss, der die zusammengewürfelte Gruppe an ihre Grenzen führt und der atmosphärisch sehr dicht geschildert wird. Gerade Beorns Aktionen führen dazu, dass Phileassons Mannschaft sich moralisch nicht immer wohl in ihrer Haut führt, steht er doch eher für einen schmutzigen Krieg. Und auch dieses Ereignis kommt nicht ohne tragische Wendungen aus.

IV. Fazit

Nebelinseln ist für mich innerhalb der Reihe einer der schwächeren Romane. Das liegt an einigen langatmigen Passagen und einem Prolog, der mich in der Figurenzeichnung nicht überzeugen kann. Trotzdem handelt es sich für mich um ein spannendes Buch, das einen weiteren Höhepunkt der Wettfahrt beschreibt und gerade in der in der erzwungenen Kooperation der Rivalen Reizpunkte erzeugt und das über ein packendes Finale verfügt.            

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