Rezension: Herz der Tausend Welten

Vorbemerkung: Wieder einmal scheint es bemerkenswert, dass Romanreihen bei Ulisses mittlerweile ohne größere Brüche in schneller Folge erscheinen. Nach der Castesier-Reihe gilt dies nun auch für die Pardona-Romane von Mháire Stritter und Nicolas Mendrek, die jetzt in rascher Folge mit Herz der Tausend Welten abgeschlossen wurden. Nach den beiden guten und schon sehr epischen ersten beiden Bänden, bin ich sehr gespannt, welchen Abschluss nun der letzte Roman finden wird. Interessant ist zudem die Frage, wie Pardona eingebunden ist, das ist ja (zumindest laut den Rückmeldungen, die ich auf die Rezensionen der beiden ersten Bände erhalten habe) für einige Leser*innen ein relevanter Kritikpunkt, dass sie eben nicht als Hauptfigur, sondern eher als Antagonistin im Hintergrund agiert.

In Zahlen:

– 340 Seiten

– 3. und letzter Roman der Reihe

– Preis: 14,95 Euro

– erschienen am 27.1. 2022

I. Inhalt

Weiterhin greift die Romanreihe extrem große Zeiträume auf und führt diesmal sogar bis in die aventurische Gegenwart. Dabei wird allerdings trotzdem an das Ende von Lied der Sieben Sphären angeknüpft, indem erklärt wird, wie die Überlebenden der 7. Sphäre entkommen konnten. Dies gelingt durch die Einführung einer ausgesprochen ungewöhnlichen Figur: Rilmandra ist ein beseeltes Elfenschiff, das einst der Göttin Orima diente, um damit den Limbus und die Sphären zu durchqueren und das sich nun allein durch die Weiten des Limbus bewegt. In einem Anfall von Mitleid nimmt sich Rilmandra Israni, Kilgan und Hond an, wobei sie Acuriens Körper verwendet, um mit ihnen kommunizieren zu können. Zwar gelingt es ihr, die Gefährten zurück zur Festung der Menacoriten zu bringen, allerdings müssen sie schnell registrieren, dass sie auch im Limbus vor Angriffen nicht sicher sind. Nach einer kurzen Erholungsphase beschließt die Gruppe, nach Aventurien zurückzukehren, um dort in den Kammern der Drachenei-Akademie zu Khunchom Erkenntnisse gewinnen zu können, um Pardonas Pläne zu entschlüsseln. Bei dieser Gelegenheit werden sie auch damit konfrontiert, dass wiederum Jahrtausende vergangen sind.

Pardona selbst rückt generell deutlich mehr in den Vordergrund, indem zunächst über mehrere Handlungspassagen einige Etappen ihrer Planungen gezeigt werden. Dabei finden sich viele Verknüpfungen zur aventurischen Geschichte, wenn unter anderem ihr legendäres Angebot an Borbarad geschildert wird (bekannt aus Unsterbliche Gier), genauso wird gezeigt, wie sie ihr Wirken nach Myranor ausweitet. Dort kommt auch eine zusätzliche Perspektivfigur hinzu. Bei Tharseis handelt es sich um eine junge Priesterin des Schädelgottes aus Draydalan. Bei eben diesem Volk der Draydal, das sich in blutigen Riten seinem Gott unterwirft und dabei auch vor eigener Entstellung und Tod nicht zurückweicht, sucht Pardona Verbündete. Tharseis und einige andere sollen ihr dabei helfen, die Dämonenzitadelle zu nutzen.    

Generell ist im Roman eine etwas gröbere, großflächigere Erzählweise erkennbar, indem z.B. Reisepassagen verkürzt dargestellt werden, immerhin wird hier kontinentalübergreifendes Reisen gezeigt, wenn neben dem Limbus Orte in Aventurien und Myranor aufgesucht werden und wiederum teilweise größere Zeitsprünge vollzogen werden.

In der zweiten Hälfte zeichnet sich dann immer stärker die Annäherung an die finale Konfrontation ab, wenn die über tausende Jahre dauernde Auseinandersetzung von Israni, Acurien und Kilgan mit ihrer Nemesis Pardona bevorsteht. Hier wird auch immer wieder der Schicksalsaspekt unterstrichen, gerade auch bei den Elfen, deren fast ewig währendes Leben ja an eine konkrete Lebensaufgabe gebunden ist.

Ein längerer Anhang liefert zuletzt noch eine Reihe von zusätzlichen Informationen, z.B. über Myranor und die Draydal, aber auch über verschiedene Aspekte der Historie, z.B. das Aufeinandertreffen von Pardona und Borbarad, das eine Umdeutung erfährt, die die offizielle Lesart dieses Ereignisses zumindest aus Sicht Pardonas verändert.   

II. Figuren

Nach wie vor sind es die drei Perspektivfiguren, die die Handlung dominieren. Allerdings sind sie mittlerweile immens gewachsen. Am besten wird dies durch Israni illustriert, die seit tausenden von Jahren als unerbittliche Kriegerin auf den Spuren Pardonas unterwegs ist und die sich mittlerweile im Alleingang mit Horden von Gegnern anlegt, dabei jeden Angriff schon viele Mal erlebt hat und somit mühelos parieren kann. Zwischen ihr, Kilgan und Acurien herrscht zum Ende hin blindes Urvertrauen, da sie gegenseitig alles sind, was ihnen noch an vertrautem Leben geblieben ist.

Tharseis fügt eine neue Perspektive hinzu. Als Draydal wirkt sie wie die geborene Antagonistin, ein anfangs willenloses Mittel zum Zweck in den Plänen Pardonas. Mehr und mehr entwickelt sie jedoch Eigenständigkeit und es lässt sich kaum sagen, ob sie für das Dreigestirn eine Verbündete oder eine stets gefährliche Feindin darstellt. Ebenso ungewöhnlich ist zuletzt Rilmandra, da auch das beseelte Schiff als Person angesehen werden kann und eigenständige Entscheidungen trifft. Hier ist viel Melancholie spürbar, wenn eine gefühlt ewige Phase der einsamen Reise durch den Limbus beendet wird.

Pardona ist deutlich präsenter als zuvor, gerade im ersten Drittel des Romans stehen ihre Pläne mehr im Vordergrund (wenn auch meist aus der Perspektive des sie begleitenden Acurien erzählt). Hier wird vor allem ihre Unnahbarkeit und Rücksichtslosigkeit unterstrichen, in der alle anderen Figuren nur Mittel zum Zweck sind und ihr quasi niemand etwas bedeutet.

Bedingt durch den Sprung in die aventurische Gegenwart kommt es auch zu einigen prominenten Gastauftritten, vor allem in der Drachenei-Akademie sind einige illustre Persönlichkeiten anwesend, allen voran sind dabei Khadil Okharim und Rakorium Muntag0nus sowie dessen treuer Begleiter Nottel zu nennen.

III. Kritik

Überlebensgröße – das ist wohl eines der Stichwörter, mit denen man den Romaninhalt am besten beschreiben kann. Wo DSA oft sehr bodenständig ist, ist in der Trilogie im Gegenteil fast alles episch angelegt. Und in dieser Hinsicht stellt Herz der Tausend Welten noch einmal eine Steigerung dar. Kind des Goldenen Gottes ließ den Untergang der beiden Hochelfkulturen in Ometheon und Simyala lebendig werden, Lied der Sieben Sphären verließ nach der Hälfte die aventurischen Gefilde und gewährte der Heldengruppe ein Vordringen bis in die 7. Sphäre. Hier nun springen die Israni und Co. fast nach Belieben von Kontinent zu Kontinent, dazwischen durchbrechen sie ebenfalls wieder die Sphärengrenzen. Fast schon nebenbei werden Orte wie die Dämonenzitadelle aufgesucht.

Auch die schon angesprochene gröbere Erzählweise hat ihre klare Funktion und ist für mich kein Nachteil. Sie soll eher illustrieren, in welchen zeitlichen Dimensionen ein Wesen wie Pardona bei der Durchführung ihrer Pläne denkt. Und gleichermaßen wird so glaubwürdig aufgezeigt, wie Israni, Acurien und Kilgan ihrer Nemesis durch die Jahrtausende zu ebenbürtigen Gegenspielern anwachsen, die sich auch ohne Unterstützung gegen ein ganzes feindliches Heer stellen können. Das gibt der Romanreihe schon ein Alleinstellungsmerkmal und selbstverständlich auch ein hohes Maß an Dramatik und Spannung.

Gerade die Hauptfiguren sind zumindest mir merklich ans Herz gewachsen und man fragt sich gen Ende immer mehr, wie abschließend ihr Schicksal aussehen wird. Das liegt auch an dem starken Fokus auf diesen drei Figuren, die man nun über drei Romane mit gut 1000 Seiten begleitet hat und deren Werdegang neben vielen Erfahrungen auch ein hohes Maß an Tragik aufweist. Umgekehrt rückt ihr individuelles Schicksal angesichts der Dimensionen ihres Kampfes fast schon in den Hintergrund und so agieren sie auch gen Ende. Gegenteiliges gilt natürlich für Pardona, die nun noch nahbarer (durch die Begleitung Acuriens) wird in ihren gigantischen Plänen.

Einschränkend muss ich sagen, dass es teilweise etwas kompliziert wird, ihre konkreten Ziele nachzuvollziehen, z.B. ist es schwer zu verstehen, wie genau ihre Vision aussieht für den Fall, dass ihr Plan Erfolg trägt, wie sie anschließend weiter agieren will, wird nicht ganz deutlich. Und einige Handlungen werden auch immer symbolischer, was vor allem für die finale Auseinandersetzung gilt, die nicht mehr wie ein normaler Kampf ausgetragen wird, sondern eher auf einer metaphysischen Ebene zwischen Entitäten, deren Dasein nicht mehr mit dem von Normalsterblichen vergleichbar ist. Hier ist es aber durchaus hilfreich, einen etwas ausführlicheren Anhang zur Verfügung zu haben, der viele Hintergründe erläutert. Allerdings kann der auch nicht alles kompensieren, beispielsweise sind viele kleine Verweise auf das bisherige Schaffen von Mhaire Stritter und Nicolas Mendrek vorhanden, die sicher nicht jeder versteht (ein Beispiel liegt in der Frage, wer genau Xorod ist). Diese Kenntnisse sind zum Grundverständnis sicher nicht notwendig, sind aber durchaus hilfreich und komplettierend. Schön ist auch das Einweben bekannter historischer Ereignisse wie die Konfrontation von Borbarad und Pardona, die man im Rollenspiel in Unsterbliche Gier aus einer anderen Perspektive erleben konnte und die hier eine neue Facette erhält.

Positiv gestaltet sich für mich auch die Verbindung von Aventurien und Myranor, die im Roman vollzogen wird. Immerhin handelt es sich um den ersten nennenswerten Ausflug nach Myranor seit vielen Jahren (nach der Lizenzrücknahme durch Ulisses Spiele). Da ja jetzt mit vereinter Lizenz die Möglichkeit zu Crossover-Geschichten besteht, wird diese Möglichkeit hier genutzt und sie zeigt deutlich Potential, wenn hier fremde Kulturen mit eher vagen gegenseitigen Kenntnissen aufeinander treffen. Interessant dargestellt werden hier vor allem die Draydal, indem Therseis wider Erwarten eine ambivalente Figur darstellt.

Ohnehin würde ich mir generell wünschen, dass die Resultate der Romanreihe auch in kommenden Publikationen aufgegriffen werden (auch und gerade weil Mháire Stritter und Nicolas Mendrek derzeit offenbar nicht mehr mit Ulisses Spiele zusammenarbeiten). Hier sind lohnenswerte Figuren entstanden und eine Reihe von Handlungsfäden gesponnen worden, die auch in Zukunft eine Rolle spielen sollten.

IV. Fazit

Herz der Tausend Welten stellt einen würdigen Abschluss für die Trilogie der Pardona-Romane dar. Die Epik der Ereignisse wird nochmal hochgeschraubt, indem die Romanprotagonist*innen selbst zu fast überlebensgroßen Figuren werden, da sie nur so eine Chance haben, sich Pardona als ebenbürtig entgegenzustellen. Positiv gestaltet sich für mich auch der Sprung in die aventurische Gegenwart, der ein Anknüpfen an die Romanereignisse möglich macht. Zudem ist es ein Gewinn, dass erstmals seit langem Myranor wieder als Handlungsort aufgegriffen wird.       

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