Rezension: Höhenflug und Wetterleuchten

Vorbemerkung: In meinem letzten Artikel habe ich mich ja näher mit dem Metaplotelement der Götterdämmerung beschäftigt und dabei durchaus etwas zu wenig Bewegung moniert. Interessanterweise ist quasi zeitgleich eine Spielhilfe im Scriptorium Aventuris erschienen, die sich mit genau diesem Aspekt auseinandersetzt und eine weitere Gottheit im Ringen um die Alveranischen Plätze ins Spiel bringt. Höhenflug und Wetterleuchten von Christian Gross beschäftigt sich mit dem Wirken der Gottheit Chrysir, deren Erstarken mit dem Sternenfall in Verbindung gebracht wird.               

In Zahlen:

– 62 Seiten

– erschienen am 21.6. 2022

– Preis: Pay-what-you-want (im Scriptorium Aventuris)  

I. Inhalt

In einem Vorwort wird zunächst erläutert, dass Chrysir keine Eigenkreation des Autors ist, sondern sich an dem Echsengötzen Chr´Ssir`Srr orientiert, der auch in offiziellen Publikationen schon eine Rolle gespielt hat, u.a. in der Dunkle-Zeiten Box oder in Myranor-Publikationen.

Zuerst wird die Priesterschaft des Chrysir als Profession vorgestellt, die bislang als eher klein bezeichnet werden kann und zumeist im Verborgenen agiert. Dazu gehören das entsprechende Professionspaket und die Tradition des Chrysirkults. Mit dem Böenfang (offensichtlich an den irdischen Boomerang angelehnt) wird auch auf ein potentielles Tradionsartefakt eingegangen. Dazu gehören auch viele Regelaspekte wie Regeln für Zeremonialgegenstände, Talismane, Sonderfertigkeiten, Liturgien und Zeremonien.  

Inhaltlich unterfüttert wird dies dann im Kapitel Wege zu Chrysir, in dem einige Glaubensgemeinschaften präsentiert werden. Eingangs werden allerdings noch einige Lieder beschrieben, die zur Anpreisung Chrysirs verwendet werden können.

Die Kinder der Harpyie gehen auf die Erfahrungen einer Güldenlandreisenden zurück, die den Glauben nach ihrer Rückkehr anschließend wieder in Brabak verbreiten möchte. Anders als andere Kulte agieren sie dabei offen und versuchen sich sogar mit der Kirche Efferds zu arrangieren. Das Tempelschiff Ventura unter seinem Kapitän Kiranyos Falkonieri ist hingegen grundsätzlich ein mobiler Ort der Verehrung. Die Enklave Stormrun liegt hingegen in der Markgrafschaft Windhag und stellt eine abgeschiedene Gemeinschaft vor, die ihren Glauben weitgehend unbeobachtet ausüben kann. Die Sturmreiter findet man umgekehrt eher im Element Luft, handelt es sich doch um zwei Lehrmeister, die die Kunst des Fliegens auf Flugtieren vermitteln können.

Neben den Gemeinschaften gibt es aber noch weitere Sonderaspekte: Der Blaue Mohn als Rauschmittel ist im Chrysir-Kult sehr gebräuchlich. Als heilige Schriften fungieren die Steles tou theou ouranou, Stelen die zu Ehren Chrysirs aufgestellt wurden und der verschollene Foliant De Deo Tempestatis. Die riesigen Donnervögel gelten zuletzt als Sendboten und heilige Tiere Chrysirs, die sogar Wale und Delfine als Beute erlegen können.

Eine Sonderspielhilfe heißt Renascenta und setzt eine Gesandtschaft aus dem Güldenland in den Mittelpunkt, zu der auch ein Geweihter des Chrysir gehört. Die Windstreiter als letzte Gruppierung haben sich mit alten Überlieferungen auseinandergesetzt und versuchen den Glauben weiterzuverbreiten.

Der Band endet mit einem Mysteria und Arcana-Kapitel, das die vorherigen Spielhilfe-Elemente und besondere Geheimnisse anreichert und möglichst viele Plotansätze für Spielgruppen liefern soll, was z.B. die Gruppierungen und Personen betrifft.

II. Kritik

Einmal mehr muss ich ein großes Lob loswerden: Höhenflug und Wetterleuchten reiht sich in die durchaus nicht kleine Liste an Fanprodukten ein, die sich inhaltlich und stilistisch mit offiziellen Publikationen absolut messen können. Man merkt, dass hier sehr viel Arbeit eingeflossen ist, Inhalt und Kapitelstruktur wirken sehr durchdacht, das Layout ist gelungen und die Bilder aus dem Scriptorium sind auch um sehr gelungene, eigens für diese Spielhilfe erstelle Illustrationen ergänzt worden, was dem Ganzen immer wieder auch einen eigenständigen Look verpasst.

Das Thema empfinde ich, auch im Kontext meiner jüngsten Beschäftigung mit dem Thema Götterdämmerung, als ausgesprochen spannend. Chrysir wird hier sehr ambivalent angelegt, indem einerseits viele Motivationen seiner Anhänger nachvollziehbar sind und durchaus auch positives Wirken beschrieben wird, z.B. Antagonismus zu den Anhängern des Namenlosen. Und umgekehrt hat vieles auch etwas eher Kultisches (und wird auch so bezeichnet), z.B. indem einige der Personen sehr rücksichtslos wirken.

Chrysir selbst hat die benötigte Eigenständigkeit, um sich von anderen Gottheiten abzuheben. Beispielsweise ist er als klarer Kontrahent zu Efferd angelegt, ohne dabei selbst eine Meeresgottheit im klassischen Sinn zu sein. Vielmehr wird das Element von Luft und Wind als dominant beschrieben, wozu auch viele der Inhalte gut passen, z.B. die Vermittlung von Fähigkeiten als Flugtierreiter. Ebenso umgibt die Glaubensgemeinschaften immer etwas Geheimnisvolles, mit den Verbindungen zu Myranor, dem Intrigenspiel, den Ursprüngen in den Dunklen Zeiten und den Ursprüngen in der echsischen Kultur. Letzterer Aspekt kommt mir allerdings fast etwas zu kurz, hier hätte aus meiner Sicht durchaus noch mehr Unterfütterung stattfinden können bzw. hätte ich mir auch NSC aus dieser Kultur gewünscht. Als einzigen echten Schwachpunkt sehe ich die vorgestellten Lieder an, die für mich eher platte Verballhornungen von irdischen Liedern darstellen (z.B. eine leicht aventurisierte Version von Über den Wolken). Solche Ideen empfinde ich schon in den offiziellen Publikationen als sehr unoriginell und sollten meiner Auffassung nach vermieden werden, sie bieten schlicht keinen greifbaren Mehrwert.

Sehr loben möchte ich zuletzt die hohe Spielbarkeit der angebotenen Inhalte. Viele Elemente können direkt verwendet werden, z.B. das Tempelschiff, für das auch ein Deckplan und Beschreibungen existieren. Zudem gibt es viele Personen, die man gut in eigene Plots einbinden kann und die reizvolle Auftraggeber*innen oder auch antagonistische Figuren darstellen. Gleiches gilt für das abschließende Mysterien-Kapitel, hier sind einige echte Plotaufhänger beinhaltet.

In der gesamten Anlage ist Chrysir im Rahmen der Götterdämmerung gut eingebunden. Sein Erstarken wird immer wieder mit dem Sternenfall verknüpft und er ist klar antagonistisch angelegt, primär als Herausforderer von Efferd, durchaus aber auch von Rondra. Dabei sind die Methoden seiner Anhänger*innen eher zurückhaltend, versuchen sie sich doch mit anderen Glaubensgemeinschaften zu arrangieren, auch angesichts der Tatsache, dass der Zeitpunkt für eine offene Konfrontation noch nicht gekommen ist, vielmehr wird eine Glaubensgemeinschaft im Wachsen beschrieben. Im Rahmen einer Fanpublikation halte ich das für eine realistische Option, einen mächtigen neuen Gott mit dem Potential zur sofortigen Herausforderung des etablierten Pantheons kann man kaum gestalten. So erachte ich es für absolut möglich, Chrysir in sein eigenes Aventurien einzubauen, zumal er ja dem DSA-Hintergrund entnommen ist und sich somit glaubhaft einfügen lässt, wozu hier viele Anregungen vorhanden sind.

III. Fazit

Höhenflug und Wetterleuchten ist eine ausgesprochen interessante und vor allem sehr professionell gemachte Fan-Spielhilfe. Mit Chrysir wird ein gut durchdachter Anwärter auf einen Platz in den Gefilden Alverans vorgestellt und dessen Glaubensgemeinschaften erhalten ein spannendes Profil. Dies wird durch viele Elemente erreicht, die man direkt in das eigene Spiel einbauen kann.    

4 Kommentare

  1. Vielen herzlichen Dank für diese freundliche Rezension, freut mich sehr, dass es gefällt!

    Benjamin Bahr – dem überaus engagierten Lektor und Layouter dieser SH – und mir lagen insbesondere die Kompatibilität mit der offiziellen lebendigen Geschichte und der Mehrwert fürs Spiel sehr am Herzen – wenn das erreicht erscheint, freuts umso mehr. Über etwas mehr Achaz-Kontent werde ich tatsächlich nachdenken, da ließe sich tatsächlich das ein oder andere in der 2. Auflage ausbauen. Was die Lieder angeht: Insbesondere „Patrona Brabakiae“ ist mit einem großen Augenzwinkern zu betrachten, eigentlich eher humoristisches Element 😉 Aber wie die Volksmusik-Vorlage wirklich Geschmackssache *hust*

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  2. Das der todbringende Chr’SSir’Ssr, wie er bei den sterbenden Göttern der Khombox (1990) mal gar nicht so „tot“ ist, dürften die Helden der Pheilasson-Mannschaft feststellen als sie den heilgen Berg der Achaz besteigen. Nur zwei alte Quellen die den Weg des Windgottes für Myranor/Aventurien-Achaz vorbereiteten … nur leider in Aventurien kaum weiterverfolgt wurden.

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