Rezension: Die Löwin von Neetha

Vorbemerkung: Die Urlaubszeit hat mir mal wieder die Muße gegeben, mich mit ein paar Klassikern unter den DSA-Romanen zu beschäftigen. Unter anderem habe ich Die Löwin von Neetha gelesen, worin Ina Kramer eine historische Figur lebendig werden lässt und den bekannten Opfergang der Rondraheiligen Thalionmel beschreibt. Hierbei handelt es sich um die Umsetzung von 2021, die im Zuge des Sonnenküsten-Crowdfundings entstanden ist und die beiden ursprünglichen Romane zu einem Gesamtwerk zusammenführt.


In Zahlen:

  • 440 Seiten
  • Erschienen 2021 (in der vorliegenden Ausgabe, ursprünglich 1995)
  • Preis: 14,95 Euro

I. Aufbau und Inhalt
Der Roman umfasst die volle Lebensspanne von Thalionmel, von ihrer Geburt bis zu ihrem frühen Tod, wobei allerdings mit einigen Zeitsprüngen gearbeitet wird.
Am Anfang stehen die Vorbemerkungen eines Weggefährten Thalionmels, der sich als Autor des Werks zu erkennen gibt und der zwischenzeitlich unter dem Namen Pagol immer wieder selbst kurz in der Handlung auftaucht.
Konkret beginnt die Geschichte mit den Umständen der Geburt Thalionmels, womit zunächst vor allem ihre Eltern Durenald und Kusmine als Perspektivfiguren fungieren. Somit wird Thalionmel in das privilegierte Leben als Baroness von Brelak hineingeboren. Ihr Vater ist ein gutherziger Landadeliger, dem das Wohlergehen von Land und Leuten sehr an Herzen liegt. Thalionmel hingegen schlägt mehr nach ihrer Mutter, die eine kompetente Kämpferin ist und nur aus Liebe zu Durenald ein abenteuerliches Leben hinter sich gelassen hat. Zudem wächst Thalionmel mit ihrer Kusine Zulhamin auf, die von Familie von Brelak wie eine zweite Tochter behandelt wird.
Die zweite Hauptfigur neben Thalionmel ist ihr Onkel Zordan Fuxfell, der völlig anders als seine ernste und pflichtbewusste Halbschwester Kusmine gestrickt ist. Bei ihm handelt es sich um einen Hasardeur, der sich ständig in Schwierigkeiten und vor allem in Geldnot bringt. Dies ist gepaart mit einer ausgeprägten Skrupellosigkeit in der Durchsetzung seiner durchweg egoistischen Ziele. Sein Familiensinn ist dementsprechend nur soweit ausgeprägt, wie es ihm zum Vorteil gereicht, wenn er z.B. wieder knapp bei Kasse ist.
Schon in jungen Jahren verlässt Thalionmel Brelak, um in Neetha die Rondraschule zu besuchen und das Kriegshandwerk zu erlernen, begleitet von Zulhamin, die dort in der Stadt zur Tänzerin ausgebildet wird. Dabei lernt sie auch die Jungen Pagol und Quendan kennen, die beide um ihre Gunst werben. Nicht immer verläuft ihre Leben dabei in geraden Bahnen, sondern ist von mehreren schweren Verlusten geprägt, die für Brüche sorgen, bevor es ihr gelingt, zur Rondrapriesterin ausgebildet zu werden und die dazu notwendigen 12 Heldentaten zu vollbringen. Zudem führt ihr Lebensweg sie in einen starken Antagonismus zu ihrem Onkel, der viel von ihrem Leid verursacht.
Parallel zu dieser Lebensgeschichte wird auch das Erscheinen Rastullahs beschrieben. Dieses Ereignis löst schließlich die Geschehnisse aus, die zu dem berühmten Opfergang der späteren Rondraheiligen führen.


II. Figuren
Im Mittelpunkt der Handlung steht natürlich primär Thalionmel selbst. Sie wird dabei bis auf das Romanende keineswegs als alles überstrahlende Heldenfigur gezeichnet, sondern als Person, die immer wieder Rückschläge erleidet und deshalb an sich selbst zweifelt. Erschwert wird dies durch die Bürde, dass sie als von Rondra erwählt ausgemacht wird, was sie selbst erst gegen Ende des Romans uneingeschränkt annehmen kann und will.
Dabei ist sie jedoch selten auf sich allein gestellt, sondern hat immer treue Unterstützer, zu Beginn ihre stolzen Eltern, später ihren Mitschüler Quendan und den jungen Schreiber Pagol sowie Zulhamin. Nicht selten fungieren diese Personen als eine Art moralischer Kompass.
Als Gegenspieler agiert hingegen ihr leichtlebiger Onkel Zordan, der sich schnell vom tragischen Schlitzohr hin zum üblen Schurken entwickelt, der über Leichen geht. Allerdings nimmt seine Figur einen sehr ungewöhnlichen Wandel, was ihn am Ende hin sehr ambivalent erscheinen lässt.


III. Kritik
Wenn man die anderen Romane von Ina Kramer kennt, überrascht ein Umstand wenig: Die Geschichte verläuft immer wieder völlig anders, als man denkt, normale erzählerische Konventionen werden ständig unterlaufen. Beispielsweise wird enttäuscht, wer eine epische Schilderung von Thalionmels Opfergang erwartet, dies nimmt im Prinzip nur eine Handvoll Seiten ein und auch die Herführung mit der Erhebung der Beni Novad ist am Ende fast eine Art Nebenstrang.
Gleiches gilt für den ausführlichen aufgebauten Antagonismus zwischen Thalionmel und Zordan. Dieser wird zwar aufgelöst und ist ein sehr zentraler Moment, aber auch dies findet nicht in Form eines großes Showdowns statt (zumindest nicht so, wie man es sich denken würde) und gewährt den epischen Abgang eines Schurkens. Stattdessen nimmt Zordans Leben zuletzt einen anfangs nicht erwartbaren Ablauf und die letzte Begegnung hat einen völlig anderen Charakter, auch wenn sie in ihre Großtat eingewoben ist.
Allerdings heißt das keineswegs, dass es an Spannungsmomenten fehlt, diese liegen aber mehr in der Chrakterentwicklung Thalionmels, die man sehr intensiv begleiten darf (was etwas auszughafter auch für Zordan gilt). Das lässt die Figuren sehr nahbar wirken und ihre Entwicklung ist nachvollziehbar gestaltet. Tatsächlich sind das auch eher die reizvollen Aspekte des Romans, während der Ausgang der Geschichte als zentraler Teil der aventurischen Legendenwelt ja weithin bekannt ist und eher weniger Spannungspotential in sich trägt.
Ein wenig merkt man dem Roman allerdings auch sein Alter an, gerade in Aspekten der Sexualmoral orientiert er sich an Verhältnissen, die sicher auf das irdische Mittelalter betrachtet realistisch sein mögen, heute aber wahrscheinlich von vielen Autor*innen so nicht mehr erzählt werden würden, vor allem was die Minderjährigkeit einiger Figuren angeht.
Sehr interessant ist zudem der kurze Epilog, in dem der aventurische Autor klarstellt, dass es ihm zwar um das Andenken seiner geliebten Thalionmel geht, er aber keineswegs eine strahlende Heldinnengeschichte erzählen wollte, sondern vielmehr eine Art Anklage an Götterwelt formuliert wird, in der Thalionmel der eigenen Gefälligkeit Rondras geopfert wird und die Sinnhaftigkeit ihres Opferganges hinterfragt wird.


IV. Fazit
Die Löwin von Neetha ist ein sehr unterhaltsamer Roman, gerade weil er die in der Spielwelt sehr bekannte Legende auf eine andere Art und Weise erzählt, als man es erwarten würde. Somit ist es eher die Lebensgeschichte einer jungen Frau mit vielen Selbstzweifeln als die einer heldenhaften Überfigur.

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