Warum der Aventurische Bote hier kein Thema ist

Vorbemerkung: In den vergangenen 9 Jahren habe ich mehrere hundert DSA-Publikationen rezensiert. Die Bandbreite geht von Abenteuern und Spielhilfen über Romane, Brett- und Kartenspiele, Hörspiele, Computerspiele bis hin zu exotischen Sachen wie der Klemmbausteine-Otta oder Trefferzonen-Würfeln. Eines der traditionsreichsten DSA-Produkte habe ich bisher aber so gut wie nie besprochen: den Aventurischen Boten. Tatsächlich liegt das nicht daran, dass ich den Boten nicht lese, immerhin habe ich ihn ja auch im Abo. Aus verschiedenen Gründen bin ich aber mit der traditionsreichen  aventurischen Nachrichtenpostille selten so richtig warm geworden.

Tradition seit 1985

Hinter dem Boten steckt auf jeden Fall eine Geschichte bemerkenswerter Kontinuität, stammt die erste Aufgabe doch bereits aus dem Jahr 1985, also quasi aus den Kindheitstagen von DSA. Damals allerdings war der Ansatz noch ein anderer, handelte es sich doch zunächst um einen Mix, in dem die Ingame-Artikel oft hinter kleinen Spielhilfe-Anteilen zurückstehen mussten. Das hat sich später deutlich gewandelt, als ich Mitte der 90er Jahre selber mein erstes Boten-Abo abgeschlossen habe, standen die Ingame-Artikel deutlich im Vordergrund.      

Allerdings war ich schon da eher zwiegespalten, was meinen Eindruck betrifft. Damals gab es häufig wichtige Leitartikel, in denen aktuelle Großgeschehen aufbereitet wurden, in den 90ern natürlich vor allem die Rückkehr Borbarads. In den Abenteuern wurde ja immer nur ein kleiner Teil der Gesamtereignisse abgebildet, das übergreifende Geschehen (z.B. auch einige große Schlachten oder das Ableben prominenter Personen) konnte man dann dem Boten entnehmen. Das war für mich damals auch insofern wichtig, als dass das Internet als Informationsquelle vergleichsweise noch in den Kinderschuhen steckte und man somit wirklich nur alle zwei Monate auf den neuesten Stand gebracht wurde. Das galt übrigens auch für die irdischen Hintergrunde, z.B. habe ich erst durch den Boten von Ulrich Kiesows viel zu frühem Tod erfahren, genauso von der Schmidt-Spiele-Pleite.

Dem standen aber für mich auch immer eine ganze Reihe von Artikeln gegenüber, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Darin wurde von regionalen Ereignissen wie lokalen Adelsfehden, Festivitäten in Kleinstädten und anderen Lokalereignissen berichtet. Dabei handelte es sich zumeist um Resultate des Briefspiels. Das ist sicher ein sehr wichtiger Bestandteil von DSA, weil dort viele Menschen mit immenser Detailliebe einen Kontinent lebendig gehalten haben. Wenn man daran aber nicht beteiligt ist, dann haben solche Artikel auch wenig Reiz, weil man die Relevanz nicht erkennt. Heute weiß ich, dass es auch wichtige Anerkennung ist, wenn man den Spieler*innen die Möglichkeit gibt, ihre Arbeit auch sichtbar in die Spielwelt einzubringen. Um das Jahr 2000 hat es mich aber dazu gebracht, mein Boten-Abo wieder zu kündigen (in Kombination mit meiner chronisch leeren Studentenbörse).

Bunt und in Farbe!

Als ich ein knappes Jahrzehnt später meinen Weg zurück zu DSA fand, war sich sehr überrascht, als ich in einem Aachener Rollenspielladen einen Aventurischen Boten neuer Machart in die Hände bekam: Der war ja plötzlich bunt! Die Kombination aus einem Magazinteil außen, der Hintergründe, Spielhilfen und irdische Informationen enthielt und einem Innenteil, der eine reine Ingame-Quelle darstellte, fand ich sehr gelungen. Vor allem konnte man den Boten meinem Eindruck nach endlich einfach so in die Hände der Spielenden geben, ohne dass wichtige Ereignisse komplett gespoilert wurden, da die Meisterinformationen ausgelagert wurden. In den 90ern war das noch völlig anders, damals musste beispielsweise in unserer Gruppe der neuste Bote immer unserer Spielleiterin vorgelegt werden, damit sie ihn entweder zur Lektüre absegnen oder einkassieren konnte.

Der heutige Stand

Mit dem Wechsel hin zu DSA5 hat auch der Bote ein erneutes Lifting erhalten. Das Magazinformat wurde durch eine echte Zeitungsoptik ersetzt, auf Magazinpapier ist nur noch der Einleger gedruckt, der in der Regel Werbung/Produkthinweise erhält (zuletzt auch kleine Rätselspiele). Was ich besonders schade finde, ist dass der Bote nunmehr keinen einheitlichen Zeitabschnitt darstellt, sondern ein Sammelsurium aus verschiedenen Artikeln enthält, die teils zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten spielen. Das lässt für mich den Wert als Ingame-Quelle deutlich zurückgehen. Natürlich soll das nicht heißen, dass ich den Boten nicht für informativ halte, er ist nur für mich nicht mehr auf dem guten Niveau von vor 2015. Positiv ist, dass nach wie vor Meisterinformationen per Einleger ausgelagert sind. Den größten Wert im Rahmen eines aktuellen Boten-Abos hat aber das, was eigentlich eher als Anhängsel gedacht war: das Heldenwerk. Die Kombi aus einer Infozeitung und einem kleinen Abenteuer ist für mich nach wie vor ein gutes Kaufargument, selbst wenn ich an dem Boten nicht so interessiert bin. Zudem kann ich den Hintergrund nachvollziehen, den Ulisses damals zur Veränderung des Formats genannt hat. Wenn ein Format wirtschaftlich zu wenig erfolgreich ist, muss man wohl zwangsläufig über konzeptionelle Umlagerungen nachdenken.

Im Dereblick wird der Bote wohl auch weiter in Schattendasein einnehmen, das ist mir gerade bei der kompakten Lektüre der letzten beiden Ausgaben nochmal klar geworden. Es gibt 2-3 interessante Artikel, gerade was die aktuellsten Metaplot-Geschehnisse betrifft, in der Mehrheit handelt es sich für mich aber um Texte, die mir nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben werden. Umgekehrt lässt sich der Verlust des Magazinteils mit vielen kleinen Spielhilfeanteilen mittlerweile gut verkraften, diese Lücke wird ja im Gesamtportfolio an anderen Stellen gefüllt, beispielsweise durch Bonusziele in den Crowdfundings (gerade in den Meisterschirmheften finden sich viele Texte, die früher eher im entsprechenden Botenbereich abgedruckt worden wären). Das soll auch keine Geringschätzung im Allgemeinen sein, bloß weil der Bote nicht mehr mein Interesse im Speziellen trifft, muss das ja für viele andere Leser*innen nicht gelten. Und eine Erfolgsgeschichte von über 200 Ausgaben spricht ja letztlich für sich. Wer sich für eine mediale Begleitung interessiert, wird an anderer Stelle aber durchaus fündig, derzeit gibt es das schöne Format Das Aventurische Quartett von Frosty Pen and Paper, wo aktuelle Botenausgaben besprochen werden. Vergangenheit sind dafür seit längerer Zeit die richtig guten Boten-Dispute bei Nandurion.

3 Kommentare

  1. Sehr gut finde ich die noch relativ junge Neuerung, die Botenartikel mit einem Infosymbol zu versehen, die über den Zweck des Artikels Aufschluss geben. So kann man die als Briefspiel markierten Texte getrost überspringen und zum Beispiel nur die Abenteuerinspirationen lesen. Für mich ein großer Gewinn!

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