Retro-Check: Lanze, Helm und Federkiel

Vorbemerkung: Es ist mal wieder Zeit für einen kleinen Trip zurück in die 90er. DSA ist damals ja mit deutlich mehr Ladenpräsenz ausgestattet gewesen und setzte noch stark auf Boxen als Blickfang, auch um mit der Optik die Fans von Brettspielen anzusprechen. Umgekehrt war die Medienpräsenz deutlich geringer, es gab noch keine Streams etc., in denen man Vorab-Eindrücke von neuen Produkten gewinnen konnte, sondern man kannte nur die Ankündigungen aus den Werbeprospekten von Schmidt Spiele. Und genau so ist 1996 Lanze, Helm und Federkiel in meine Hände geraten, ich wusste nicht viel mehr, als dass die Box mein Ausrüstungsmanagement verbessern sollte. Und da alle Boxen noch verschweißt waren, handelte es sich um einen waschechten Blindkauf, so dass sich mir der Inhalt erst zu Hause beim Auspacken offenbarte. Ein Anreiz war dabei natürlich das wirklich schöne, klassische Yüce-Cover, mit Alrik Immerdar und seinen Freunden auf Einkaufstour.

In Zahlen:

– 200 Ausrüstungskarten

– 1 Sichtschirm

– 4 Ausrüstungsmappen (3x groß, 1x klein) mit Folientaschen

– 1 Beiheft (8 Seiten)

– erschienen 1996

– Preis: 45 DM

I. Inhalt

Lanze, Helm und Federkiel ist keine Box im klassischen Sinne, da sie so gut wie gar kein Printmaterial enthält, sondern stattdessen ein haptisches System des Ausrüstungsmanagements bietet und zwar in Form vieler kleiner Kärtchen, auf denen die gängigen Gegenstände abgebildet sind.

In Textform gibt es nur ein kleines Spielhilfen-Heft von 8 Seiten, welches das Konzept erläutert und die Funktionsweise der Inhalte erläutert, konkret die Ausrüstungsmappen und Folientaschen und die Karten. Zudem werden die Vorteile des Systems vorgestellt, wobei zwischen Spieler*innen und Spielleitung unterschieden wird. Für erstere wird vor allem die Veranschaulichung angesprochen, z.B. dass Ausrüstung so viel plastischer wird. Für die Spielleitung werden Aspekte genannt wie die Vereinfachung im Spiel selbst, z.B. könne man so das Erscheinungsbild der Held*innen in ihrer Wirkung auf NSC besser abschätzen oder es bietet sich an, die Warenauslage von Geschäften konkret zu zeigen. Zusätzlich gibt es einen Sichtschirm mit Ausrüstungstabellen.   

Den Kern bieten aber viele Dutzend kleiner Kärtchen, auf denen farbige Abbildungen von Ausrüstungsgegenständen abgedruckt sind. Diese sind unterteilt in vier Kategorien:

– blaue Karten stehen für besondere Gegenstände, wobei es sich gleichermaßen um Alltagsgegenstände wie auch Kleidung handeln kann, die Bandbreite reicht vom Rasiermesser über Proviant bis hin zum Pferd

–  rote Karten stellen besondere Gegenstände dar, die eher in die Kategorie der Luxusartikel fallen, wie Taschenuhren, Ringe oder Ketten (die auch symbolisch für magische Gegenstände verwendet werden können)

– grüne Karten beinhalten alle möglichen Formen von Behältern, hauptsächlich Taschen und Fläschchen

– gelbe Karten berücksichtigen zuletzt alle Gegenstände, die mit dem Kampf verbunden sind, also alle möglichen Waffen und Rüstungsgegenstände

Alle Karten haben am rechten unteren Rand eine Gewichtsanagabe, für viele Gegenstände ist zusätzlich angegeben, wie lang sie sind.

Zur Aufbewahrung sind 3 große (DinA4) und eine kleine (DinA5) aufklappbare Ausrüstungsmappen enthalten, bestehend aus stabiler Pappe. In diese Mappen kann man entsprechend große Folientaschen einlegen. Die Folientaschen haben – ähnlich einem Briefmarkenalbum – kleine Einlegereihen, hinter die man die Karten stecken kann. Am Ende kann man die Ausrüstungsmappen wie ein Buch aufklappen, so dass die Folientaschen dann die Seiten bilden, mit den Karten als Inhalt. Das Begleithaft empfiehlt, dass man einen Folienstift nutzen kann, um die Taschen mit zu den Gegenständen gehörigen Informationen beschriften kann.    

II. Kritik

Was jetzt nach viel klingt, ist es in der Realität leider nicht. Ich kann mich tatsächlich gut an den Moment erinnern, in dem mein 15jähriges Ich die Box ausgepackt hat: Ist das schon alles? So oder so ähnlich muss der Gedanke sein, der relativ schnell in mir aufgekommen ist. Die kleinen Kärtchen wirken doch recht verloren in der großen Box und wie erwähnt gibt es auch kaum Begleitmaterial. Ich hatte mir neben den auf der Rückseite angekündigten Karten einen ausführlichen Regelband mit Beschreibungen von vielen Ausrüstungsgegenständen versprochen. Dass der Zusatzband dann nur 8 Seiten enthält (und trotz der Bezeichnung überhaupt keine Regeln), war dann die erste herbe Enttäuschung.

Aber gut, neben dem Heft enthält die Box ja noch viel mehr, eben vor allem die vielen kleinen Karten. Damals war das – zumindest für mich – ein gewisses Novum: Bis dato war die Ausrüstung ja immer nur virtuell vorhanden bzw. war das Schwert eben neben meiner Vorstellung nur noch in Form eines krakeligen Bleistifteintrags auf meinem Heldenbogen existent. Der Gedanke erscheint mir nachvollziehbar, letztlich wird hier das klassische, primär auf Imagination basierende Rollenspielkonzept mit in der Masse deutlich kompatibleren Brettspielelementen verbunden, indem man jetzt Kärtchen hat, die die Vorstellung erleichtern und alles greifbarer machen sollen. Diese Ideen gibt es ja auch heute noch, beispielsweise sind die Acrylmarker, die z.B. in der Einsteigerbox Das Geheimnis des Drachenritters oder in der neuen Werkzeuge des Meisters-Box verwendet werden, nicht anderes, nur auf der Figurenebene.             

Nur müsste man das eben gut machen und genau das ist bei Lanze, Helm und Federkiel leider nicht der Fall. Die sehr kleinen Karten sind zwar durchaus mit schönen Abbildungen versehen, im Ganzen sind sie aber eher unhandlich. Vor allem hat sich für mich relativ schnell das Problem ergeben, dass trotz einer gewissen Bandbreite viele Gegenstände, die man seinen Spielcharakter mit sich rumschleppen lässt, gar nicht vorhanden sind. Oder sie sind zu speziell gestaltet, so dass sie nicht zu eigenen Vorstellung passent.

Ein Problem dürfte am Ende eben auch gewesen sein, dass sich die Box auf dem Markt nicht durchgesetzt hat und bis auf zwei kleine Ergänzungen in anderen Boxen (u.a. ein paar zusätzliche Karten in Fürsten, Händler, Intriganten) keine Folgeprodukte gegeben hat. Mit der Zeit hat sich DSA ja immer weiter ausdifferenziert, was am Ende auch die Ausrüstung betrifft. So sind zwar die basalen Rüstungen vorhanden, wer aber seinen Maraskaner stilecht mit einem Hartholzharnisch ausstatten möchte, wird eben nicht fündig. Vor allem von den roten Karten sind nur eine Handvoll enthalten und gerade sie stellen ja eigentlich die Prunkstücke einer Ausrüstung dar, da sie ja die Repräsentationen von magischen Artefakten darstellen könnten. Das unterstreicht ohnehin einen Grundmangel, dass man mit der Box eigentlich primär die Bedürfnisse profaner Charaktere stillen kann, magiebegabte Figuren kann man hier nur sehr rudimentär bedienen. Ebenso ist ein Kernmangel, dass man mit der Box im Prinzip kaum eine ganze Gruppe ausstatten kann, selbst wenn sehr basale Dinge mehrfach vorhanden sind, reichen die Karten dazu kaum aus, wenn man z.B. bedenkt, dass Messer und Dolche ja Gegenstände sind, die so gut wie jeder Charakter besitzt. Wir hatten zumindest damals das Problem, dass die Karten bei uns kaum ausreichten. Und so verschwand die Box relativ schnell ungenutzt im Regal.  

Ganz grundsätzlich war der Eindruck, dass es sich hier um einen verstärkten Versuch handelte, DSA noch mehr zu monetarisieren, indem neben den Kernprodukten vermehrt nette „Gimmicks“ angeboten werden. Letztlich hatte ich damals eindeutig das Gefühl, das ich hier für mein Geld vergleichsweise wenig erhalten habe (auch wenn ich die Produktionskosten im Vergleich zu einer Box mit mehr Text-Printinhalten nicht einschätzen kann). Und seither bin ich auch von den oben angesprochenen Blindkäufen kuriert, mittlerweile lege ich deutlich mehr Wert darauf, dass ich vorab weiß, was ein Band/eine Box tatsächlich beinhaltet.

III. Fazit

Lanze, Helm und Federkiel stellt innerhalb der DSA-Historie ein gescheitertes Experiment dar, Ausrüstung durch Karten plastischer werden zu lassen. Die Bandbreite der Gegenstände ist aber leider sehr überschaubar und kann nur die die Bedürfnisse bestimmter Figuren bedienen. Der Textband ist zudem irreführend als Regelband bezeichnet worden, stellt aber eigentlich nur eine Werbebroschüre dar, es gibt keine echten Hintergrundinformationen.

Bewertung: 2 von 6 Punkten     

5 Kommentare

  1. Lanze, Helm und Federkiel war einer der Sargnägel an meiner ersten DSA Gruppe.
    Auch ich habe das Ding das „blind“ gekauft, war dann enttäuscht vom Inhalt und konnte die geöffnete Box nicht umtauschen…
    Dann habe ich aber (die Box war halt da…) meine Gruppe mehr oder minder genötigt, das System zu verwenden. Das war wie gesagt ein Grund (von mehreren), warum sich diese Gruppe aufgelöst hat.
    Jahre später konnte ich das Ding aber für gutes Geld an einen Fan des Systems verkaufen, der sich sehr über weitere Mappen gefreut hat.

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  2. So ging’s mir damals auch… vor allem haben wir uns sehr geärgert, dass (neben zu wenig Karten generell) eben gerade nur 3 Aurüstungsmappen drin waren, was eben nicht für die archetypische Heldengruppe gereicht hat und man sich somals – mit als Schüler sehr beschränktem Taschengeld – die Box für die eigene Gruppe gleich zweimal hätte kaufen müssen.
    Naja, man war halt mal wieder seiner Zeit voraus; irritierend finde ich heute noch, dass LH&F im Konzept anscheinend auch gar nicht von Schmidt Spiele und/oder der DSA-Redaktion kam, sondern im Impressum diese ominöse „Ideenschmiede Paul & Paul“ stand. Weißt du da was drüber, wie es überhaupt zu der Box kam?

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  3. Wundert euch das? Das war ja so’ne Idee von Schmidtspiele.
    Die WunderWelten (FanPro!) konnte es sich nehmen lassen, und schrieb eine bissige/witzige (S.95-96) Rezi wie in einem namemlosen Büro in Eching an einem Wintertage 1995 der Markteingchef und sein 2.Stellvertreter sich besprachen; über dieses Ding, ähm Horrorspiel, also dieses blaue Auge.
    Mann könne ja was mit Masken und Pappkärtchern manchen, wie 1984, zum humaner Preis von 59,95 DM.
    PS: Die WikiAventurica sucht weiterhin verzwifelt in der Box nach dem Federkiel aus dem Titel. Wer ihn sieht bitte dort sofort melden.
    (Ingrimms Schlund bekam die Gelbe Karte, während Yaquriwellen gut ankam.)

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  4. Aus heutiger Sicht scheint mir das größte Problem die von der Box geschürte Erwartungshaltung gewesen zu sein, die auf ganzer Linie enttäuscht wurde. Hätte man offen kommuniziert, dass es sich lediglich um eine Sammlung von Ausrüstungskarten handelt, wären die Enttäuschungen vermutlich vermieden worden. Denn das dahinter stehende Konzept (Karten für Crunch-Elemente) wird ja auch heute noch weidlich praktiziert mit den diversen DSA5-Kartensets für Monster, Fertigkeiten und Schätze. Offenbar findet sowas also auch heute noch seine Abnehmer.

    Wenn man das Konzept etwas stärker konzentriert hätte auf die abenteuerrelevanten Ausrüstungsgegenstände und stattdessen alltägliche Kleidungsstücke etc. rausgelassen hätte, hätte das doch durchaus seinen Mehrwert gehabt. Ein gutes Beispiel dafür ist das oldschoolige Brettspiel HeroQuest, wo es einen nicht unerheblichen Teil der Motivation ausmacht, neue Ausrüstung in Form von Karten zu erhalten. Vielleicht hat das auch als Inspiration gedient.

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