Rezension: Die letzten Tränen

Vorbemerkung: Ulisses bemüht sich seit einigen Jahren, mehrteilig angelegte Romanserien zügig abzuschließen, resultierend aus schlechten Erfahrungen der Vergangenheit. Somit wundert es nicht, dass die vor drei Monaten begonnene Geschichte der Alhanier nun auch direkt den zweiten (und gleichzeitig letzten) Band erhält. In Die letzten Tränen knüpft Jeanette Marsteller direkt an den vorherigen Band an, allerdings in einer anderen Herangehensweise als zuvor, indem nun die Perspektivfigur (zuvor die Königin Hashandru) durch eine andere Person ersetzt wurde. Aus meiner Sicht ist dies allein schon deshalb interessant, weil ich als Schwäche des durchaus unterhaltsamen Romans das Fehlen anderer Blickwinkel ausgemacht hatte.

In Zahlen:

– 2. und letzter Band von Der Aufstieg Alhaniens

– 340 Seiten

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 27.9. 2022

I. Inhalt

Wie schon Das erste Blut verfügt auch der zweite Band über eine einzige Perspektivfigur. Allerdings handelt es sich nun, wie angesprochen, nicht mehr um die Herrscherin Hashandru, sondern um ihren Gemahl Thayan, der sich jetzt Amagomer nennt. Die Besonderheit seiner Figur ist, dass er die Ehe mit Hashandru zuvor nicht freiwillig eingegangen ist, vielmehr handelt es sich aus seiner damaligen Sicht um eine Zwangsehe. Verschlimmert wird dieser Umstand noch dadurch, dass er nicht nur keine Liebe für Hashandru empfindet, sondern anfangs vielmehr tiefen Hass äußert, nimmt er sie doch als Mörderin seiner Mutter Agnitha wahr. Etwas entschärft wurde dies am Ende des Vorgängers, indem er sich zumindest mit der Situation zumindest arrangiert zu haben schien und somit darauf verzichtet hat, weiterhin gewalttätig auf seine Frau zu reagieren.

Trotzdem führt dies dazu, dass ihm zu Beginn des Romans nicht die Position bewilligt wird, die dem Fürstgemahl sonst zustehen würde, nämlich in Form der Rolle ihres exekutiven Organs als Heerführer. Vielmehr wird er mit Ersatzposten abgespeist, z.B. mit dem Posten des Ausbilders für die jungen Nurbadi, was für ihn selbst völlig unbefriedigend ist. Das Vertrauen der Königin genießen stattdessen andere Männer, wie ihr Jugendfreund Varon, der das Heer Alhaniens gegen die Bosparaner führen darf oder ihr Geliebter Kargemil, der für ihren persönlichen Schutz zuständig ist.

Somit versucht Thayan, seine eigene Position zu verbessern, was allerdings nur in kleinen Schritten gelingt, beispielsweise darf er Hashandru nicht auf einer wichtigen Reise begleiten, sondern wird wiederum mit einer anderen, unwichtigeren Aufgabe betraut, indem er auf Danuscha, eine Verwandte der Königin, in deren Abwesenheit ein wachsames Auge werfen soll. Trotzdem bemerkt er, dass seine Frau nicht von allen unter den mächtigen Personen am Hof von Ysil´elah akzeptiert wird. Dies wirft ihn mitten in das Intrigenspiel, bei dem nicht nur kleine Machtspielchen abgehalten werden, sondern es in letzter Konsequenz auch um Leben und Tod geht, indem auch vor Attentaten nicht zurückgeschreckt wird. Hier jedoch zeigt Thayan erstmals Eigeninitiative, indem er selbst versucht, die Hintergründe aufzuklären. Dabei kann er anfangs allerdings auf nur wenige eigene Verbündete zurückgreifen, hier gibt es nur seinen Jugendfreund Mikail, später noch den jungen Dieb Ormil, den er als Allzweckwaffe verwenden kann, da er sich unauffällig durch die Stadt bewegen kann.  Zudem entwickelt er im Laufe der Zeit mehr Verständnis für das Verhalten seiner Frau, indem er ihre Beweggründe nachvollziehen kann und auch die Hintergründe des Todes seiner Mutter erfährt.

Im weiteren Verlauf des Romans bemerkt man, dass der Wechsel der Hauptfigur auch den inhaltlichen Schwerpunkt verschiebt. Nur im ersten Drittel geht es hauptsätzlich um das höfische Intrigenspiel, folgend jedoch darf sich Thayan auf seinem favorisierten Terrain beweisen, indem er als Krieger auftritt. Somit erhält die Handlung einen deutlich erhöhten Action-Anteil, wobei der Fokus weniger auf der Schilderung großer Schlachtgetümmel liegt, vielmehr begibt sich Thayan vor allem auf Kommandomissionen, bei denen er mit einer kleinen Gruppe von Gefährten entscheidende Schläge gegen die bosparanischen Invasoren durchführen soll.     

II. Figuren

Der Wechsel der Hauptfigur bedingt, dass nun Thayan als zentraler Mittelpunkt der Handlung agiert. Dabei muss auch er sich entwickeln: Folgend aus den Ereignissen des vorherigen Romans ist er am Hof von Ysil´elah ein Außenseiter, dem fast alle mit Misstrauen begegnen. Zudem wird er gerade von den anderen männlichen Figuren mit Geringschätzung betrachtet, da ihm die Aufgabe des Heerführers verwehrt bleibt, er anscheinend noch nicht mal von der Königin wirklich akzeptiert wird, zieht sie ihm doch als Geliebten Kargemil vor. Somit muss er sich Respekt erst verdienen und vor allem muss er lernen, das Verhalten der anderen zu verstehen. Dies gilt gerade auch für die Männer, mit denen er sich im weiteren Verlauf der Handlung auf Kommandoaktionen begibt, für deren Erfolg gegenseitiges Vertrauen eigentlich unabdingbar ist. Echte Freunde hat er anfangs nur in Mikhail und Ormil, während andere Kampfgefährten ihn lediglich neben sich dulden. Dies gilt insbesondere für die Nurbadi Kerijan und Sildroyan sowie natürlich Kargemil. Ebenfalls viel Distanz zu Thayan weist Laromir auf, sein Vorgänger als Hashandrus Gemahl, der umgekehrt von allen anderen als überlegener Stratege angesehen wird.

Hashandru selbst bleibt weiterhin in der Rolle als mittlerweile recht starke Herrscherin, rückt allerdings erzählerisch nun deutlich in den Hintergrund und ist eher eine Nebenfigur. Gleiches gilt für die meisten Figuren, die mit dem höfischen Intrigenspiel verbunden sind, z.B. Hashandrus charismatische Rivalin Bitescha.

III. Kritik

Besonders bemerkenswert erscheint mir primär der Wechsel von Hashandru zu Thayan als Perspektivfigur. Anfangs muss man sich schon daran gewöhnen, dass die Hauptfigur des ersten Romans nun eher in die Rolle einer wichtigen Nebenfigur rückt, nachdem ja gerade ihr Schicksal zuvor die gesamte Handlung maßgeblich bestimmt hat. Ich habe zwar die Monoperspektivität als eine gewisse Schwäche bezeichnet, es ist aber tatsächlich ein relativ harter Cut (vor allem für Leser*innen, die die beiden Bände gleichzeitig kaufen und sie nicht, wie ich, mit etwa 2-3 Monaten Unterbrechung lesen). Das halte ich aber nicht grundsätzlich für einen Nachteil, im Gegenteil ist es eine ungewöhnliche, aber auch reizvolle Vorgehensweise.

Mit Thayan als Hauptfigur ändert sich schließlich auch klar der Ton und im Prinzip auch das Genre. Im filmischen Sinne ist der erste Band so etwas wie ein höfisches Historiendrama, während jetzt (mit Ausnahme des ersten Romandrittels) eher ins Actiongenre gewechselt wird. Wo vorher noch die Feinheiten des Intrigenspiels vorherrschten, geht es nun um den blanken Überlebenskampf der Protagonisten. Dies wird erzählerisch sehr dicht gelöst, indem zur atmosphärischen Untermalung enge Schauplätze gewählt werden, an denen die Figuren nur auf ihre unmittelbaren Sinneswahrnehmungen zurückgreifen können. Zudem gibt es keine großartigen taktischen Geplänkel, bei denen viele Variablen durchgespielt werden und die weitere Zukunft einkalkuliert wird, sondern es geht meist nur um das, was unmittelbar vor den Charakteren steht. Als Schauplätze werden dazu die Enge eines Kerkers und später der heute immer noch beliebte Molchenberg unter Warunk verwendet.

Gerade durch letzteren Ort erhält die Handlung auch noch einen gehörigen Survival-Horror-Anteil, indem sich dort neben den üblichen (so schon durchaus ekelerregenden) Kreaturen auch Wesen dazugesellen, die nicht natürlichen Ursprungs sind. Unterstrichen wird dies noch durch den Umstand, dass all das in einem Höhlensystem spielt, in dem man mit gewagten Kletterpartien in tiefster Finsternis seinen Weg finden muss, was mich teilweise sehr ans Filme wie The Decent erinnert. In der Hinsicht empfinde ich den zweiten Roman abwechslungsreicher. Das Intrigenspiel hat natürlich auch seinen Reiz und bedient eine andere Ebene, hier wird für mich aber die Verbundenheit der Figuren untereinander lebendiger. So fällt es für mich weniger problematischer aus, nur eine Figurenperspektive zur Verfügung zu haben. Thyans Begleiter werden auch durch ihre Handlungen und Reaktionen auf ihn greifbar, anders als dies für doppelzüngige Intrigant*innen gilt.

Trotzdem ist diese Monoperspektivität weiterhin ein gewisser Nachteil, vor allem in der Darstellung der Bedrohung durch die Bosparaner. Deren Wirken erscheint die ganze Handlung hindurch irgendwie fern, sie sind ein Feind, der gefühlt im ganzen Romane eher defensiv handelt, selbst wenn Varons Armee geschlagen wird, wird diese eben nur in einer Art Botenbericht geschildert, was es nicht lebendig werden lässt. Die Gefahr der Auslöschung der alhanischen Kultur haben ich nie wirklich verspürt, da man die Alhanier immer nur in der Offensive erlebt und die Gegner auch immer namenloses Schwertfutter bleiben. Wer nur eine Heldengeschichte erleben will, wird hier absolut fündig, die Geschichte der Alhanier kann man aber nur sehr rudimentär nachvollziehen.

Nachteilig wirkt sich auch weiterhin die Setzung des Matriarchats aus, diesmal allerdings vor allem in der Form, dass Frauen nur wenig präsent sind. Da sie herrschen und die Männer kämpfen, tauchen sie in der zweiten Romanhälfte vergleichsweise wenig auf, zuletzt sind es eben 7 Männer, die sich durch ein Dungeon kämpfen. Das stellt halt nicht das dar, was man sonst aus Aventurien kennt, allerdings ist dies natürlich nicht der Autorin und dem Roman anzulasten, es handelt sich schlichtweg um eine aus meiner Sicht ungünstige Setzung für das DSA-historische Alhanien.

IV. Fazit

Das letzte Blut ist ein sehr abwechslungsreicher Roman, der einen deutlich anderen, actionreicheren Schwerpunkt setzt als der Vorläufer. Der Wechsel der Perspektivfigur bringt einen gänzlich anderen Ton in die Geschichte ein, was aber durchaus reizvoll ist. Schade ist allerdings, dass die Macht der Bosparaner durch die Einzelperspektive kaum deutlich wird, die Bedrohung der Alhanier bleibt eher diffus.         

3 Kommentare

  1. Hey, der 1te Band heisst nicht die 1te Träne sondern das 1te Blut.

    Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, dass der Tayhan eigentlich nix macht? Mikhail wird andauernd verhauen, Ormil trägt den erfolg von Tahyan, Karajan unterstützt damit Ormil. Selbst der Kunga leistet mehr. Dazu seine immer gleichen Gedanken und Sätze. (Kein Vorwurf an Autorin, der soll vermutlich so sein)

    Bzgl. Der Bosparaner gebe ich vollkommen recht. Man könnte auch meinen das die alhni die Aggressoren sind.

    Was mir ebenfalls fehl am Platz vorkam: Am Ende trifft Tahyan die Hashinia, sprich die Verräterin. Das kam mir so richtig Random vor. Das hätte auch einfach weg fallen können.

    War aufjedenfall Unterhaltsam und ich wünsche mir das Königreich zurück.

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    1. Entschuldige die späte Antwort, irgendwie ist mir dein Kommentar durchgerutscht. Was Thayan angeht, hast du aus meiner Sicht völlig recht: Allein kriegt er nicht allzuviel auf die Kette, fast immer muss irgendwer die Kohlen für ihn aus dem Feuer holen. Stellenweise hab ich mich an den guten alten Frodo erinnert gefühlt, der ohne Gandalf, Aragorn und vor allem Sam auch nicht allzu weit gekommen wäre.

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