Abenteuerliches im Scriptorium

Vorbemerkung: Um meinem Vorhaben gerecht zu werden, neben offiziellen Publikationen immer wieder auch mal einen Blick in Fanwerk zu werfen, habe ich mir nach Ilaris und dem Wettbewerbs-Abenteuer „Firunja fällt“ nun eine kleine Auswahl an Abenteuern aus dem mittlerweile recht reichhaltigen Fundus des Scriptoriums ausgewählt. Bewusst habe ich mich dabei auf eher kurze, schnell spielbare Titel konzentriert. Allerdings soll dies keine ausführliche Rezension werden, neben einer kurzen Inhaltswiedergabe möchte ich mich eher auf ein paar Eindrücke beschränken.

Der Reiter auf der Reichsstraße (von Monika Höfig)

Wie der Titel schon anklingen lässt, hat hier Goethes Erlkönig Pate gestanden: Folglich steht zu Beginn des Abenteuers in der Umgebung von Havena die Begegnung mit besagtem Reiter, dem Bauern Herwin, der seinen im Delirium liegenden Sohn Efferian zu einem Heiler in die Stadt bringen will. Gelingt es den Helden, den Jungen zu retten, so zeigt sich Herwin ausgesprochen dankbar und lädt sie auf seinen naheliegenden Hof ein. Gleichsam erzählt er ihnen, dass Efferian sich seine Verletzungen in einem benachbarten Wald zugezogen hat und bittet sie, dort nach dem Rechten zu sehen. Den Schilderungen des Jungen zufolge suchen die Helden einen Waldschrat. Vor Ort finden sie tatsächlich ein hochaggressives Exemplar dieser Spezies, nebst einigen Tieren, die sich ebenfalls überraschend feindselig verhalten. Gehen sie den Ursachen auf den Grund, entdecken sie, dass die Quelle des Waldstückes mit dem Unelement Krakensilber verseucht ist, welches von einer Gruppe Charyptoroth-Kultisten dort versteckt wurde. An dieser Stelle ist das Abenteuer optional angelegt, es gibt mehrere Lösungsmöglichkeiten, in einer Spannbreite von einer simplen Tötung des Waldschrats bis hin zur Erlösung des Waldes nebst einer anschließenden Verfolgung der Spuren der Kultisten nach Havena. Im Anhang finden sich eine kurze Beschreibung der zentralen NSCs und die Werte des Waldschrats.

Eindruck

„Der Reiter auf der Reichsstraße“ verfolgt einen interessanten Ansatz, wobei vor allem die Anlehnung an das Gedicht originell umgesetzt worden ist, wenn sich der Erlkönig später als Waldschrat entpuppt, dessen Verhalten durch die Verseuchung mit dem Krakensilber zudem plausibel erklärt wird. Inwieweit die Helden die Situation auflösen, bleibt offen, womit auch die Handlungsfreiheit gewährt ist. Allerdings fällt hier auf, dass nach der ersten Begegnung die Angaben ausgesprochen skizzenhaft bleiben, vor allem die optionale Verfolgung der Kultisten wird lediglich in wenigen Sätzen angerissen, vieles muss der Spielleiter selbst ergänzen. Schade ist, dass der Schrat kaum eine eigene Persönlichkeit erhält, hier wäre eine genauere Beschreibung wünschenswert gewesen, wie sie z.B. für die Bauernfamilie enthalten ist. Stellenweise lässt sich zudem nicht übersehen, dass der Text ein nochmaliges Lektorat vertragen könnte.

Verschlossene Pforten (von Clemens Zabel)

Auch dieses Abenteuer führt die Helden an die Siebenwindküste, greift dabei auch viele konkrete Gegebenheiten aus der Regionalspielhilfe auf, vor allem die Feenglobule Ceofior. Seinen Anfang nimmt das Abenteuer allerdings deutlich profaner, indem die Helden einem Schafhirten mit einigen entflohenen Tieren helfen, woraufhin er sie in das Dorf Aran einlädt. Dort werden sie von dem Holzfäller Reto gebeten, ihm beim Transport einiger Baumstämme zu helfen. Dies erweist sich insofern als verhängnisvoll, als dass besagte Bäume unter feeischem Schutz stehen. Schnell finden sich die Helden umzingelt von einer Überzahl Eber-Biestinger unter dem Befehl des Druiden Banthoch. Dieser kritisiert die Helden harsch, bietet ihnen jedoch zur Wiedergutmachung an, dass sie statt einer empfindlichen Leibstrafe bei der Durchführung eines Rituals helfen sollen: Im Rahmen des Feenkrieges ist es unbedingt notwendig, die Biestinger wieder in ihre Globule zurückzuführen, wozu die aktuellen astralen Reserven des Druiden jedoch nicht mehr ausreichen. Zudem muss zur Öffnung des Feentores einer der Helden ein Duell gegen den Diestelritter Erias Feenwasian austragen. Unabhängig vom Ausgang des Duells werden Helden schließlich in die Feenwelt gelangen. Dort angekommen befinden sie sich nun inmitten einer der Auseinandersetzungen im Rahmen des Feenkrieges. Gefolgsleute der Nachtschwarzen Fee drohen die Globule zu überrennen. Darum bittet Dathuil, der Herr von Ceofior, die Spielercharaktere ein weiteres Tor zu öffnen, um ihm und seinen Gefolgsleuten die Flucht in eine andere Globule zu ermöglichen. Dazu müssen sie allerdings noch verschiedene Gegenstände besorgen, um ein weiteres Ritual zu ermöglichen. Zuletzt müssen die Helden helfen, den Rückzug im Kampf gegen die Angreifer zu decken.

Eindruck

„Verschlossene Pforten weist für ein Fanabenteuer eine überraschend hohe Storykomplexität auf, wobei auch die einzelnen Stationen der Helden gut ausgearbeitet sind. Zudem ergänzt sich das Abenteuer an dieser Stelle gut mit der Regionalspielhilfe, in der Ceofior ausführlich beschrieben ist. Das Märchenhafte wird somit gut transportiert, freilich mit einer düsteren Färbung, da die Helden ständig unter gegnerischem Druck stehen. Einschränkend fehlt es hier etwas an Handlungsfreiheit, der Aufbau ist sehr linear, was bisweilen übertrieben wird, wenn z.B. der Ausgang des Duells quasi bedeutungslos ist, da die Helden so oder so einen Übergang finden werden. Stilistisch ist hier die häufige Verwendung von Schachtelsätzen auffällig, die leider nicht immer grammatisch korrekt zu Ende geführt werden. Generell ist auch hier eine eher oberflächliche Fehlerkorrektur erkennbar, zudem wäre ein Blocksatz augenfreundlicher.

Die Bande des Ogers (von Andreas Brückner)

Anders als die beiden anderen Abenteuer ist „Die Bande des Ogers“ frei verortbar, allerdings bietet sich hier eines der ritterlichen Settings der Nordhälfte Aventuriens an. Den Einstieg bietet die Begegnung mit dem jungen Adeligen Angrand von Aarburg und seinen beiden Leibwächtern, die auf dem Weg zum Anwesen von Angrands Vater sind. Da ein Überfall durch eine Räuberbande befürchtet wird, engagiert Angrand die Helden als zusätzlichen Geleitschutz, was sich prompt bewährt, wenn sie durch ihr beherztes Eingreifen einen Angriff durch besage Banditen abwehren können. Das böse Erwachen erfolgt erst nach dem Eintreffen im Gutshof Aarburg, wenn Angrand durch den Verrat eines der Leibwächter in der Nacht entführt wird. Da er das geforderte Lösegeld nicht zahlen kann, bittet Angrands Vater die Helden, seinen Sohn aus den Händen der Entführer zu befreien.

Die Verfolgung führt die Helden schließlich zu einer verlassenen Mine, in der die Bande rund um ihren hünenhaften Anführer Dingl Eichhuber (ob seiner Optik und Stärke auch „Oger“ genannt) sich eingenistet hat. Hier sind nun mehrere denkbare Optionen zur Befreiung Angrands ausgeführt, von Verhandlungen über Infiltration bis hin zum eher ungünstigen Frontalangriff. Als Hilfestellung sind u.a. eine Karte der Mine sowie im Anhang ausführliche Beschreibungen der NSCs enthalten.

Eindruck

„Die Bande des Ogers“ ist ein relativ schnörkelloses Abenteuer, das vor allem von seinen interessanten NSCs lebt, z.B. der tragischen Figur Raskir, der als eigentlich treuer Leibwächter seinen Herrn verrät, um seine große Liebe aus den Fängen der Räuber zu retten oder dem Grolm Waldemar, der der Bande zwangsweise als Planer ihrer Beutezüge dient und der ein wichtiger Helfer beim Vorgehen gegen die Übermacht werden kann. Das Highlight ist die schöne Beschreibung der Mine, wobei das Eindringen der Helden nicht durch Plotschienen vorgegeben ist (was zu Beginn bis zur Entführung umgekehrt deutlich enger gestaltet ist).

Gesamtfazit

Das Scriptorium bietet mittlerweile ein sehr reichhaltiges Angebot an Abenteuern, wobei die drei vorgestellten Titel nur eine kleine Auswahl darstellen, es finden sich beispielsweise auch deutlich seitenstärkere Titel. Gemeinsam ist allen drei Abenteuern die professionelle Optik dank der Unterstützung durch offizielles Gestaltungsmaterial. Alle Titel lassen sich an 1-2 Spielsitzungen durchspielen, wobei die Detailgenauigkeit unterschiedlich ist: „Der Reiter auf der Reichsstraße“ ist eher grob gehalten, bindet dafür die klassische Vorlage sehr originell ein. „Verschlossene Pforten“ schließt gut an die Regionalspielhilfe zur Siebenwindküste an und bietet deren Besitzern einen Mehrwert. Mein persönliches Highlight ist aber die Verfolgung der Banditen in „Die Bande des Ogers“, wobei vor allem das gut ausgearbeitete Finale überzeugen kann. Umgekehrt muss man bei Fantiteln natürlich auch die eingeschränkten Möglichkeiten berücksichtigen, z.B. müssen die Verfasser mit sehr allgemein gehaltenen Illustrationen arbeiten, die konkrete Situationen nicht darstellen können, da sie nicht speziell für das jeweilige Abenteuer erstellt wurden. Ebenso ist in allen Texten erkennbar, dass die Möglichkeiten eines Lektorats begrenzt sind im Vergleich zu offiziellen Verkaufsabenteuern.

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