Rezension: Heldenbrevier der Gestade des Gottwals

Vorbemerkung: Wie alle neuen Regionalspielhilfen enthalt auch die Thorwal-Produktflöte einen kleinen Prosaanteil. Dafür verantwortlich zeigt sich das Heldenbrevier der Gestade des Gottwals aus der bewährten Feder von Carolina Möbis. Aufgabe des Breviers ist es sicherlich, zum einen die Region etwas lebendiger auszugestalten, andererseits wieder einige Charakteroptionen aufzuzeigen, die über das Klischee von rauflustigen ThorwalerInnen hinausgehen.

In Zahlen:

– 160 Seiten

– 4 Erzählperspektiven

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 18.2. 2021

I. Aufbau und Inhalt

Wie üblich gibt es gleich mehrere Protagonistenfiguren, die auf unterschiedliche Art und Weise mit den LeserInnen kommunizieren. Eine Besonderheit ist dabei, dass eine Figur nicht aus der Region stammt, wird doch ein großer Teil der Handlung in den Briefen des Geschichtenerzählers Amud an eine Freundin geschildert. Amud ist auf einer Art Bildungsreise unterwegs, die ihn ins Gjalskerland nach Mortakh geführt hat. Vor Ort trifft er die Tierkriegerin Maighread, deren Schilderungen in mündlicher Form weitergegeben werden.

Der Thorwal-Teil der Handlung wird zum einen in Tavernengesprächen erzählt, wobei es sich um monologisch gestaltete Texte von Hjaldar Thorwulfsson handelt, einem Abenteurer, der sich vor allem durch ein Übermaß an glücklichen Fügungen auszeichnet, die seine Entscheidungen bestimmen. Dieser trifft in Thorwal die Runjaska Swanhild Norrisdottir, die sich anlässlich ihrer Stableite dort befindet. Ihre Perspektive ist Form von Vorträgen vor ihren späteren Schülern ausgeführt, in denen sie gerne abschweift und von ihren früheren Abenteuern spricht.

Gemeinsam ist allen vier Protagonisten, dass sie ein Hautbild von Norri Karvensson haben, einem berühmten Bilderstecher, der zudem Swanhilds Vater ist. Sie alle haben das Hautbild nicht in Auftrag gegeben, sondern es von Norri aus Dankbarkeit bzw. als Belohnung für eine besondere Tat erhalten. Schnell stellen sie fest, dass es eben nicht nur einfache Tätowierungen sind, sondern dass sich aus der Kombination eine Botschaft ergibt. Somit beginnen beide Duos (also Amud/Maighread bzw. Hjaldar/Swanhild) zunächst unabhängig voneinander ihre Reise, die einerseits durch das Gjalsker Hochland bzw. durch die großen Städte Thorwals (Thorwal, Prem, Olport) ihren Lauf nimmt, wobei nicht nur über Land, sondern auch zur See gereist wird.     

Schon sehr bald stellt sich dabei heraus, dass es sich um eine Art von Schatzsuche handelt und dass die vier Hauptfiguren nicht die einzigen sind, die daran teilnehmen. Und die Konkurrenz erweist sich als keineswegs zimperlich, so dass es auch zu Konfrontationen kommt, während die beiden Gruppen im weiteren Verlauf zusammenfinden und dem Ziel merklich näherkommen. Während der Reise werden neben den Orten auch viele Gebräuche der Gjalskerländer bzw. Thorwaler vorgestellt.

II. Figuren

Eine besondere Rolle nimmt als gänzlich Fremder Amud ein, der somit auch ein wenig die Leserperspektive aufgreift: Ihm sind die lokalen Sitten oft völlig unbekannt und folglich sind die vielen Erläuterungen, die in den Texten enthalten sind, dementsprechend motiviert und wirken nicht unpassend. Swanhild verkörpert eine Thorwalerin, die die mitunter rauen Verhaltensweisen ihres Volkes mit einem hohen Grad an Bildung vereinbart, während Hjaldar den lebenslustigen Abenteurer darstellt, der passend dazu seine Erlebnisse in einer Kneipe zum Besten gibt, womit er am ehesten dem Klischee entspricht. Marghraid hingegen hat etwas Mystisches an sich, da sie neben ihrer handfesten Art und ihren besonderen Kampffähigkeiten auch noch einen Sinn für spirituelle Zusammenhänge offenbart.    

Neben den Hauptfiguren gibt es noch jede Menge anderer Figuren, die ihnen auf ihren Reisen begegnen, gerade auch als Informanten, die ihnen mehr über ihre Hautbilder verraten sollen. Zudem gibt es auch durchaus den Auftritt von prominenten NSC, wobei vor allem der berüchtigte Friedlose Schwarzaxt und die Kapitänin Frenjadur Maradasdottir (die Tochter von Marada, der bekanntesten Kontrahentin der ehemaligen obersten Hetfrau Jurga) zu nennen sind.

III. Kritik

Nach wie vor handelt es sich – wie bei den anderen Heldenbreviers auch – um einen Vertreter des Briefromans, wobei hier aber auch Texte enthalten sind, die sich stilistisch am mündlichen Erzählen orientieren. Dies führt dazu, dass das Heldenbrevier der Gestade des Gottwals stellenweise etwas mehr Tempo aufweist und die an sich ruhige Erzählweise etwas beschleunigt wird. Somit gibt es Verfolgungsjagden auf hoher See mitsamt Entermanövern und auch einen detaillierter geschilderten Kampf. Dies passt aus meiner Sicht aber gut zum Hintergrund, die Sitten der Nordleute sind nun mal etwas rauer.

Was mir gut gefällt sind die Figuren. Amud mag zwar eigentlich nicht in das Setting passen, aber seine Rolle als Fremdling ermöglicht es, viele Details näher zu erläutern, ohne dass es unnatürlich wirkt. Zudem nimmt er somit auch die Rolle desjenigen ein, der in gewisse kulturelle Fettnäpfchen treten darf, was ihn an einer Stelle in einen ungleichen Zweikampf hineinmanövriert. Ein wenig ist sein Charakter dabei sichtlich an Antonio Banderas Rolle in Der 13. Krieger angelehnt, in der sich ebenfalls eine Figur aus dem Süden den Respekt der Nordleute verdienen muss und der viele Sitten als etwas barbarisch wahrnimmt, schlussendlich aber deren Verlässlichkeit und Mut zu schätzen weiß.

Aber auch die drei Figuren aus dem Setting decken eine gute Bandbreite ab, die Gelehrte Swanhild zeigt ein alternatives Figurenkonzept, während die eher handfesten Hjaldar und Maighread dafür zwei unterschiedliche Kulturkreise verkörpern und sich dabei auch charakterlich unterschieden, was Hjaldars Leichtlebigkeit und Maighreads Ernsthaftigkeit angeht. Ganz generell fällt auch auf, dass der Humorfaktor nicht zu kurz kommt, sei es in Form von Amuds Missgeschicken, Hjaldars Kneipenerlebnissen (der mitunter auch mal kurz für eine Rauferei seine Schilderungen unterbricht) oder den spitzfindigen Ermahnungen an ihre SchülerInnen, die Swanhild immer wieder in ihren Vortrag einbaut. Da sie alle drei als neue NSC in die Regionalspielhilfe eingebaut wurden, dient das Heldenbrevier an dieser Stelle sicher auch dazu, diese anschaulich einzuführen, handelt es sich doch auch um solche Figuren, die in zukünftigen Abenteuern einfach als BegleiterInnen oder AuftraggeberInnen fungieren können.

Mit dem Gjalsker Hochland und den unterschiedlichen Orten Thorwals wird auch viel von der Region gezeigt, wobei hier natürlich auch die Seefahrertradition der Thorwaler mit vielen Küstenstädten und -orten hilfreich ist, können doch große Entfernungen mitunter recht schnell überbrückt werden. Auch die Unterschiede zwischen den Gjalskern und den Thorwalern werden gut verdeutlich, da auch einiges im Bereich von Religion und Gebräuchen (z.B. die Ess- und Streitkultur) thematisiert wird.

Die Geschichte, die dem Heldenbrevier zugrunde liegt, ist spannend erzählt und abwechslungsreich (auch durch die häufigen Perspektivwechsel bzw. auch die unterschiedlichen Erzählstile befördert), eine Schatzsuche erscheint für eine Nation, die auch ein Piratendasein pflegt, ausgesprochen passend, mit Schwarzaxt wurde zudem ein guter Antagonist gefunden, der gleichermaßen skrupellos wie versöhnlich agieren kann. Stellenweise sind manche Passagen etwas dick aufgetragen (vor allem der Auftritt eines Vexlingers), zudem hätte man sich noch eine abschließende Erklärung für Norris Motivation gewünscht, diese Reise zu initiieren. Wenn er lediglich Fremde involviert hätte, wäre mir dies nicht merkwürdig vorgekommen, aber er versetzt ja auch seine eigene Tochter in die Geschehnisse, wodurch seine Rolle hier etwas nahbarer definiert ist und nicht irgendein mystisches Wesen hinter seiner Identität stecken dürfte.

IV. Fazit

Das Heldenbrevier der Gestade des Gottwals ist unterhaltsam und spannend geschrieben und setzt vier sympathische Protagonisten in Szene, die sehr unterschiedliche Figurenkonzepte aufzeigen. Zudem wird auch die Region in einer großen Bandbreite berücksichtigt, so dass LeserInnen viele Ingame-Eindrücke von Thorwal und dem Gjalskerland gewinnen können.          

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