Hol schon mal den Met – Eine kleine Rückschau auf Thorwal in der DSA- Historie

Nicht mehr lange, dann ist es wieder so weit, die Nordmänner stechen mit ihren Ottas in See, losgeschickt von Judith und Christian Vogt in ihrem Abenteuer „Friedlos- Irrfahrt im Nebel“. Versprochen wird die Teilnahme an einer Kaperfahrt in das legendäre Swafnirland in der illustren Gesellschaft von Gesetzeslosen, dazu soll sogar die Möglichkeit zum Flottenmanagement bestehen.

Für mich persönlich eine vielversprechende Aussicht, gehören die rauen Krieger des Nordens seit jeher zu meinen Lieblingsfiguren, auch bedingt durch die Sozialisation von Kindesbeinen an, sei es durch die Wicki- Serie, Filme wie „Der 13. Krieger“ oder durch das sehr empfehlenswerte Buch „Die Abenteuer des Röde Orm“. So ganz allein scheine ich mit dieser Vorliebe nicht zu stehen, landeten Thorwal und das Gjalskerland bei der DSA- Beliebtheitsumfrage doch nur ganz knapp hinter den Schildlanden auf dem 2. Platz. Im Verhältnis dazu wurden uns Spielern in den vergangenen 30 Jahren relativ wenige Ausflüge in diese Region gegönnt. Von daher möchte ich den Anlass nutzen zu einer kleinen Rückschau auf Thorwal- Abenteuer in der Vergangenheit.

Wenn Garhelt ruft – ein beliebter Startpunkt

Interessanterweise ist Thorwal in der Anfangszeit von DSA meist eher Ausgangspunkt denn Handlungsort, haben doch zwei der ersten großen Kampagnen dort ihren Beginn, ohne dass nennenswerte Handlungsteile vor Ort spielen: 997 Bf. schickt die altehrwürdige Hetfrau Garheld die Helden auf eine Forschungsreise in das Orkland, die in den Bänden „Im Spinnenwald“, „Der Purpurturm“ und „Der Orkenhort“ ausgeführt wird. Über Thorwal an sich erfährt man allerdings recht wenig, die Helden starten von dort aus und reisen allein.

Ganz anders verhält es sich dafür in der zweiten großen Kampagne, gilt es doch im Rahmen der „Drachenhals- Tetralogie“ für die Helden den großen Thorwalerkapitän Phileasson Foggwulf auf seiner Wettfahrt gegen den nicht minder prominenten Beorn den Blender zu begleiten. Auch hier ist Thorwal nur zu Beginn der Handlungsort, trotzdem erhält man im Laufe der Kampagne genug Einblicke in das Denken der Thorwaler und ihr Konkurrenzverhalten, auch wenn Foggwulf sicherlich ein eher besonnenes Exemplar eines Thorwalers darstellt, ebenso gibt es ein Wiedersehen mit Hetfrau Garhelt.

Eher kurios geht es zur Sache, wenn im Soloabenteuer „Liebliche Prinzessin Yasmina“ eine geraubte nostrische Prizessin aus einem thorwalschen Piratennest gerettet werden muss, was nicht ohne die eine oder andere Rauferei vonstattengeht und meiner Meinung nach über eine sehr witzige Schlusspointe verfügt.

Viel Leerlauf

In den 90er Jahren folgt lange Jahre eine Durststrecke, Thorwal bleibt fast vollkommen unberücksichtigt, abgesehen von Gastauftritten einiger prominenter Thorwaler, z.B. Foggwulfs Eingreifen in den Kampf um Greifenfurt oder das plötzliche Erscheinen eines anderes bekannten Kapitäns in der „Symlaya- Kampagne“. Grund dafür dürfte unter anderem die Dominanz des Handlungsplot um Borbarads Rückkehr sein, der die Thorwaler offenbar nur am Rande tangiert und die damals einen erheblichen Teil der Publikationen in Anspruch nahm. Trotzdem bleibt es verwunderlich, dass jahrelang eine so interessante Region und ihre Kultur fast völlig ungenutzt blieben.

Endlich wieder Segel am Horizont

Ändern sollte sich diese tatsächlich erst wieder im Jahre 2003 mit Band Nr. 122(!) „Die Dunkle Halle“. Allerdings hat sich dafür das Warten wenigstens gelohnt, wenn hier mit Hetmann Tronde Torbensson, dem Sohn Garhelts, eine andere wichtige Figur ihren großen Auftritt erhält und die Helden an seiner Seite gegen dunkle Mächte kämpfen dürfen und einige alte Mysterien der thorwal´schen Kultur lösen müssen. Für mich eindeutig das bislang beste Thorwal- Abenteuer, das auch endlich einmal innerhalb dieser Kultur spielt und das Leben dort erfahrbar macht.

In der Anthologieflut nach der Jahrtausendwende blieb Thorwal dann in der Tat berücksichtigt, in „Skaldensänge“ gelingt es Michelle und Ragnar Schwefel auch tatsächlich, der Kultur der Thorwaler und ihren Sitten mehr Ausdruck zu verleihen: Interessanterweise sind drei Abenteuer der Anthologie zur sogenannten „Jandra- Sage“ gebündelt, die die Geschichte einer geächteten Thorwalerin erzählt, zudem folgen noch zwei kürzere Einzelabenteuer. In der selben Tradition steht „Helden einer Saga“, in dem die Helden in die Auseinandersetzung zwischen zwei reizbaren Thorwalerinnen eingreifen können und viele Gelegenheiten erhalten, die Lebensphilosophie der Thorwaler und ihr Zusammenleben genauer zu erkunden.

Eine andere Kultur nimmt „Feuer und Eis“ aus der Anthologie „Unter Barbaren“ in den Fokus, hier werden die Fjarninger näher beschreiben, indem die Helden dem jungen Sigdur unter die Arme greifen dürfen bei dem Versuch, wirksame Waffen für sein Volk gegen Gloranas Schergen zu besorgen.

In einigen weiteren Publikationen der jüngeren Zeit steht das Spiel in Thorwal zwar nicht unbedingt im Vordergrund, aber Teile des Abenteuers findet dort statt oder stehen im engen Zusammenhang mit Thorwal: „Ein Traum von Macht“ geht zwar primär einigen Geheimnissen elfischer Natur auf den Grund, beinhaltet aber auch ein Zwischenspiel in Hjalsingor, wo die Helden sich in einem Wettbewerb die Anerkennung der Einwohner verdienen müssen.

Nach Garhelt und Tronde erhält dann auch Jurga, die aktuelle oberste Hetfrau der Thorwaler mehr Profil in „Der Fluch des Flussvaters“, wenn sie die Helden bittet, für eine anstehende Kaperfahrt den titelgebenden Fluch zu brechen, der den Thorwalern die Nutzung des Großen Flusses verwehrt. Je nach Entscheidung erhalten die Helden am Ende tatsächlich die Gelegenheit an einer echten Plünderfahrt teilzuhaben.

Im engen Zusammenhang mit dem Fluch des Flussvaters stehen auch die beiden Abenteuer „Eilifs Schatz“ und „Hort in der Tiefe“. Beide sind im Umfeld mit den Ereignissen des Computerspiels „Drakensang- Am Fluss der Vergangenheit“ angesiedelt und spielen ebenfalls nicht in Thorwal, thematisieren aber das Schicksal der Thorwaler- Kapitänin Eilif Donnerfaust. „Eilifs Schatz“ ist dabei eines der mittlerweile raren Soloabenteuer und gibt dem Helden die Aufgabe, eine Mordserie an Bord von Eilifs Otta „Gischtkrone“ aufzuklären. „Hort in der Tiefe“ knüpft an diese Ereignisse an, hier beauftragt Eilif die Helden mit der Wiederbeschaffung eines Schatzes, den sie noch als Mitstreiterin Beorn des Blenders an sich gebracht hat.

Der bislang letzte Auftritt der Thorwaler fand im abgelaufenen Jahr in „Tauwetter“, dem abschließenden Band der Kampagne „Die Erben des schwarzen Eises“, statt, wobei hier wieder auf das Motiv der tollkühnen Piraten zurückgegriffen wurde.

30 Jahre und nur eine Handvoll Abenteuer?

Nimmt man es trotzdem zusammen, kommt man in 30 Jahren DSA auf nur eine Handvoll Abenteuer, die sich mit Thorwal und seiner Kultur auseinandersetzen, wobei man immerhin anerkennen muss, dass in den letzten Jahren durchaus mehr Auftritte der tollkühnen Seefahrer zu beobachten sind. Trotzdem stellt sich die Frage, woran das liegt: Sind die Thorwaler den DSA- Autoren schlichtweg zu eindimensional? Schaut man sich die hier erwähnten Abenteuer an, kann das eigentlich nicht der Fall sein, die direkt in Thorwal spielenden Abenteuer zeigen interessante Facetten der Kultur auf, die weit über das Klischee ständig betrunkener Raufbolde oder Plünderer in Drachenbooten hinausgehen. So weisen NSCs wie Foggwulf, Tronde und Beorn deutlich Tiefenschärfe auf, die hinter der rauen Schale einen sehr nachdenklichen und teilweise auch tragischen Kern offenbaren und z.B. mit „Die dunkle Halle“ und der „Jandra- Sage“ sehr gute Abenteuer hervorgebracht haben, die „Drachenhals- Kampagne“ zählt bis heute zu den meistbeachteten DSA- Produkten, was nicht zuletzt an dem Wettstreit der beiden Nordmänner liegt, die den Abenteuern reichlich thorwal´schen Flair geben, obwohl sie kaum dort spielen.

Einen Grund sehe ich natürlich in der Anlegung der Kultur als Seefahrervolk, die wirklichen Abenteuer der Thorwaler finden eben in der Regel nicht in deren Heimat statt, sondern auf Kaperfahrt, was die Helden ja auch nicht selten in Antagonismus zur Besatzung einer Otta stellt. Zudem ist die Kultur der Thorwaler insgesamt ja eher als hartgesotten zu beschreiben, viele Begegnungen mit den Nordleuten sind demnach auch sehr kampflastig. Dem entsprechend sind die meisten hier genannten Abenteuer eher an erfahrene Helden gerichtet, somit wird das Setting naturgemäß eher selten für Einstiegsabenteuer verwendet, was dann auch erklären würde, warum auch in den Anthologien diese Region eher weniger vertreten ist. Daneben vermute ich aber die Randlage als wichtigste Begründung, wie schon bei der Rückkehr Borbarads angesprochen, läuft der Metaplot häufig an Thorwal und seiner nördlichen Küste vorbei und wird vornehmlich für das Mittelreich und das Horasreich vorangetrieben, zumal sich die Thorwaler – ihrem Naturell gemäß – ja im Regelfall aus der großen Politik heraushalten und auch in diesem Punkt den Mataplot kaum berühren.

Und genau hier sehe ich jetzt den großen Hoffnungsschimmer: Schließlich soll „Friedlos“ ja den Auftakt zu einer Settingveränderung bilden, was in eine neue Regionalbeschreibung münden soll, die auch von Judith und Christian Vogt in Anschluss an das neue DSA5- Regelwerk folgen soll. Hier wird dann hoffentlich auch die Grundlage dafür gelegt, dass uns demnächst häufiger Abstecher nach Thorwal führen werden. Mir ist natürlich klar, dass bei einer solch umfassend beschriebenen Welt wie Aventurien mit so vielen Einzelregionen nicht jedes Jahr ein Abenteuer zu jeder Region geschrieben werden kann, aber blickt man in die DSA- Historie, so sind häufig jahrelang gar keine Abenteuer erschienen oder nur solche, die lediglich am Rande mit Thorwal verbunden sind. Alle 2-3 Jahre sollte das Setting aber mal einen Blick wert sein.

In diesem Sinne: Mein Skraja ist geschärft und die Otta auslaufbereit, „Friedlos“ kann kommen!
Advertisements
Hol schon mal den Met – Eine kleine Rückschau auf Thorwal in der DSA- Historie

2 Gedanken zu “Hol schon mal den Met – Eine kleine Rückschau auf Thorwal in der DSA- Historie

  1. Das kann man sicher noch ergänzen. Ich erinnere mich daran, entsetzt von Spielern die Einschätzung gehört zu haben, dass Thorwaler so die Bud Spencer-Typen seien, also die, die für jede Kneipenprügelei zu haben sind.
    Ich erinnere mich an die große Aufregung zu dem Artikel im Aventurischen Boten zum „neuen Glaubensbild“ der Thorwaler, in dem explizit geschrieben wurde, dass die Thorwaler eben nicht alle Zwölfe verehren und Praios schon gar nicht.
    Ich erinnere mich an die große Aufregung, als im Aventurischen Boten geschrieben wurde, wie sich das Horasreich für den Überfall auf das Schiff der Rahjakirche revanchierte und Thorwal angriff.
    Ich erinnere mich an die HPNC, die Horaskaiserlich Privilegierte Nordmeer-Compagnie.
    Ich erinnere mich an das Computerspiel „Schicksalsklinge“, in dem die Helden das Schwert des Hetmanns Hyggelik suchen mussten und dabei kreuz und quer durch Thorwal reisten – wahrscheinlich das Abenteuer, das Thorwal am ausgiebigsten behandelte.

    Und das ist nur das, was mir auf Anhieb einfällt. Da gibt es sicher noch mehr.

    Gefällt mir

  2. Danke für die Ergänzung, den Boten hatte ich nicht so im Blick. Die „Schicksalsklinge“ hatte ich hier extra rausgelassen, weil ich die Abenteuer in den Fokus nehmen wollte, genauso gibt es natürlich auch noch „Unter dem Westwind“ als Regionalbeschreibung, die zur Vollständigkeit dazugehört.
    Stimmt aber vollkommen, gerade durch die „Schicksalsklinge“ dürften sich viele DSA- Spieler sehr viel in Thorwal bewegt haben, gerade auch in den frühen 90ern, wo es kaum Print- Abenteuer in Thorwal gab.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s