Rezension: Boron-Vademecum

Vorbemerkung: Das aventurische Götterpantheon ist im Alltag der Helden ständig gegenwärtig, bewegt man sich doch meistens in der Interessensphäre einer bestimmten Gottheit, sei es im Kampf (Rondra), bei der Jagd (Firun) oder bei der Krankenpflege (Peraine), die Liste lässt sich beliebig fortführen. Um einen Gott allerdings macht man für gewöhnlich gerne einen großen Bogen: Boron als Totengott hat etwas sehr Endgültiges an sich. Allerdings genießt er einen hohen Stellenwert, in Al´Anfa wird er sogar anstelle von Praios als Oberhaupt der Götterfamilie angesehen. Im dunklen Ledereinband präsentiert sich nun das Vademecum des Göttes, der vor allem mit Dunkelheit, Schweigsamkeit und Tod verbunden wird.

In Zahlen:
– Boron-Vademecum
– 167 Seiten
– Preis: 14,95 Euro
– Erschienen am 28.10. 2015

I. Aufbau und Inhalt
Ein prägendes Element der Boronkirche ist die Spaltung in den Puniner und Al´Anfaner Ritus, die zwar nicht in allen Glaubensfragen unterschiedlich sind, allerdings in vielen Details differieren. Somit finden sich an vielen Stellen Verweise auf die verschiedenen Handhabungen in beiden Kirchenzweigen, was sich unter anderem im Götterbild selbst widerspiegelt, wenn der Puniner Ritus die Gnade des Gottes betont, während in der Al´Anfaner Auslegung auch der Machtfaktor unterstrichen wird. Gleich sind hingegen die Scharen der Alveraniare, während die Heiligen nicht immer deckungsgleich sind, findet sich bei den Al´Anfanern doch z.B. auch der ehemalige Patriarch Tar Honak, hier als Sankt Tarquinio, der sicherlich in großen Teilen Aventuriens gänzlich anders eingeordnet wird.

Da die Organisationsstruktur beider Kirchen einige Unterschiede aufweist, erhalten diese jeweils ein eigenes Kapitel, wobei auffällt, dass in Punin vieles bodenständiger gehandhabt wird, während in Al´Anfa die enge Verbindung von weltlichen und geistlichen Fragen deutlich wird. Ebenso wird in einem späteren Kapitel der Ablauf von Gottesdiensten und Ritualen in beiden Glaubensrichtungen beschrieben. Hier gibt es natürlich auch spezifische Besonderheiten, z.B. den „Flug der Zehn“, ein Gottesurteil, bei dem Personen ihr Leben in die Hand Borons legen, wenn sie sich vom Rabenfelsen in Al´Anfa stürzen. Viel Platz wird auch der Aufnahme von Akoluthen eingeräumt.

Sehr umfangreich fällt das Kapitel zu den Liturgien aus, die den Geweihten zur Verfügung stehen, die natürlich primär in Verbindung zu den Domänen Borons stehen, also vor allem Tod, Schlaf und Vergessen behandeln und die Geweihten mit entsprechender Verfügungsgewalt in diesen Bereichen ausstatten, wobei immer wieder zum vorsichtigen Einsatz der teilweise machtvollen Gottesgaben gemahnt wird.

Beim Blick auf die Artefakte der Boronkirchen fällt auf, dass hier einige vergleichsweise prominente Objekte vorhanden sind, wie das Schwarze Buch, das alle Glaubensgrundlagen enthält oder der Stab des Vergessens, von dem aber nur noch das Kopfstück erhalten ist. Ungewöhnlich ist z.B. die Rüstung Bal Honaks, die dem Umstand Respekt zollt, das der Boronglaube auch eine wehrhafte Komponente enthält.

Eben diese Wehrhaftigkeit findet sich auch in den Orden der Boronkirche wieder, sind doch z.B. die Basaltfaust oder die Golgariten Orden mit militärischer Ausrichtung. Allerdings gibt es hier natürlich eine ganze Bandbreite, u.a. mit seelsorgerischen Orden wie den Etilianern oder den Noioniten oder auch geheimnisumwitterten Organisationen wie der Hand Borons.

Irdisch wird es im obligatorischen Kapitel über die Ausgestaltung eines Boron-Geweihten am Spieltisch. Hier wird unter anderem darauf eingegangen, wie man einen solchen Helden, der in der Regel kein Mensch großer Worte sein dürfte, so in eine Heldengruppe einbindet, dass er keine Randfigur ist. Dazu werden Grundprinzipien aufgeführt, die als Leitlinien dienen, z.B. der Respekt vor Tod und Schlaf. Ebenso wird das Verhältnis zu den Geweihten anderer Kirchen geklärt. Wichtig für Spieler ist natürlich die Frage nach der Motivation, warum eine solche Figur sich in das Heldenleben stürzen könnte. Ergänzend dazu finden sich mögliche Heldenkonzepte wie der Seelsorger oder die Ordenskriegerin, wobei hier eine sehr breite Palette angeboten wird.

Als Praxisbeispiel für das Handeln eines Borongeweihten schließt das Bändchen mit der Schilderung einer Weihe eines Boronangers.

II. Kritik
Eine Schwierigkeit der Vademeci ist die Zielgruppenrelevanz. Hier kann man in der Regel viel Wissenswertes über die Diener der jeweiligen Gottheit und die Glaubensgrundsätze erfahren, wirklichen Wert im Spiel selbst haben die einzelnen Bände aber eigentlich nur dann, wenn man tatsächlich einen solchen Geweihten als Charakter führen möchte. Allerdings sehe ich hier auch immer die Möglichkeit, mein bestehendes Bild einer solchen Figur zu überdenken, stellen die Vademeci doch im Prinzip die ausführlichsten Auseinandersetzungen mit einem Einzeltyp dar, die im Bereich DSA vorhanden sind.

Nimmt man den Ruf eines Borongeweihten mit den dieser Figur nachgesagten typischen Eigenschaften und Merkmalen, klingt dies grundsätzlich nicht nach dem attraktivsten Heldenkonzept, stellt man sich doch hierunter eine eher humorlose, ernsthafte und einsilbige Person vor, mehr auf die Beschäftigung mit dem Tod denn auf das Leben fixiert. Allerdings begegnet man solchen Charakteren recht häufig in Abenteuern, gerade auch im Kontext der Ereignisse der jüngeren aventurischen Vergangenheit, in der die Anhänger Borbarads dafür gesorgt haben, dass der Totengott allzu oft um sein Recht gebracht wird und verstärkt Untote auf den derischen Gefilden wandeln.

Tatsächlich überrascht mich der Band mit einem ausgesprochen spannenden Bild der Boronkirche, die sehr facettenreich skizziert wird. Natürlich liegt dabei der Schwerpunkt auf dem Schisma, indem beide Glaubensrichtungen in ihren zentralen Unterschieden aufgezeigt werden, wobei die Kirche in Punin deutlich tugendhafter, aber auch ernsthafter erscheint, während Al´Anfa mehr weltlichen Ereignissen zugewandt ist.

Als sehr gelungen betrachte ich das Kapitel über den Borongeweihten am Spieltisch, hier werden abwechslungsreiche Prototypen vorgestellt, die viele unterschiedliche Motivationen berücksichtigen, sich einer Heldengruppe anzuschließen. Dabei wird aber auch deutlich, dass ein solcher Spielercharakter immer eine Sonderrolle einnehmen wird, hat er doch spezielle Bindungen und Verpflichtungen, die er einbringen muss, um seinem Gott zu dienen. So wird sich ein solcher Geweihter sicherlich nicht aus Profitzwecken ins Abenteuer stürzen, sondern natürlich primär aus Gründen der Berufung. Dabei bricht das Vademecum durchaus auch mit einigen Vorurteilen, beispielsweise beweist die gewählte Erzählerfigur, ein Noionit, teilweise sogar Humor, vor allem in den Fußnoten, die sich mit den gewollten und ungewollten Effekten von Liturgien auseinandersetzen. Generell fällt auf, dass das Vademecum gut geschrieben worden ist und die Texte atmosphärisch und interessant sind, ohne in langweilige Alltagsbeschreibungen des Lebens eines Ordensmitglieds abzuschweifen.

Interessant ist auch die Glaubensgeschichte, wird doch eine Kirche mit einer reichhaltigen Tradition aufgezeigt, was vor allem in der Vorstellung der Alveraniare und Heiligen aber auch der Talismane und Artefakte deutlich wird. Die Orden sind recht vielseitig angelegt, verweisen zudem auf eine Kirche, die gerade aktuell sehr präsent ist, z.B. durch recht junge Vereinigungen wie den Golgariten (die ja auch in Abenteuern zuletzt mehrfach berücksichtigt wurden).

Ein wenig hebt sich das Vademecum auch von den anderen Bänden der Reihe durch seine Illustrationen ab, die bisher meist eher im gegenständlichen/symbolischen Bereich angesiedelt waren, während hier verstärkt auch szenenhafte Abbildungen vorhanden sind, die im Stile von Bleistiftskizzen erstellt sind. Das betont meiner Ansicht nach sehr gelungen den Charakter eines Breviers für einen Geweihten, der im Auftrage seines Gottes unterwegs ist.

III. Fazit
Für mich stellt das Boron-Vademecum die bislang gelungenste Publikation der Reihe dar, weil es gelingt, den Glauben in vielen unterschiedlichen und abwechslungsreichen Facetten zu zeigen. Zudem sind in diesem Fall gerade auch die konkreten Hinweise zur Spielbarkeit hilfreich, auch weil eine breite Palette von Charakterkonzepten angeboten wird.

Bewertung: 6 von 6 Punkten

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