Rezension: Die gehäutete Schlange

Vorbemerkung: Nachdem ich mich vor kurzem noch darüber beschwert habe, dass unter anderem das Liebliche Feld in den letzten Jahren in Abenteuern viel zu selten eine Visite erhalten hat, kommt dafür nun im Gegenteil fast eine Flut an Material. Nach dem Katastrophenszenario „Unheil über Arivor“ bedient „Die gehäutete Schlange“ von Michael Masberg allerdings wieder die etwas feinsinnigere Fraktion, handelt es sich doch um ein Detektivabenteuer in der Hauptstadt Vinsalt.

In Zahlen:
– Heldenwerk Nr. 003 (in Kombination mit dem Boten 174)
– 14 Seiten
– Erschienen am 3.12. 2015

I. Aufbau und Inhalt
Tatsächlich beginnt das Abenteuer am Ende einer längeren Vorgeschichte, die ihren Anfang mit dem Mord an dem Hesindegeweihten Melchior Arenbruch hat. Dieser hat in den letzten Jahren im Horasreich eine gewisse Prominenz erreicht, verursacht durch seine Forderung, die Wissensschätze der Hesindekirche allen Wissbegierigen (sprich: eben auch Personen außerhalb der Kirche) zur freien Verfügung zu stellen. Dies jedoch konnte von konservativen Kräften innerhalb der Kirche nicht zugelassen werden, weshalb Melchior ermordet wurde. Allerdings blieb die Tat nicht unentdeckt, vor allem, da die die junge Adelige Elysia ya Bersisac sich an die Fersen des Mörders heftet.

Die Helden geraten dabei eher zufällig in das Geschehen, als sie einen Brand in ihrer Herberge für die Nacht löschen und dabei ihren Mut beweisen können. Damit haben sie sich als genau diejenigen Personen entpuppt, nach denen Elysia sucht, da sie dringend Hilfe braucht, wenn sie den Mörder im nahen Vinsalt aufgreifen will.

Lässt sich die Heldengruppe von ihr anwerben, gelangen sie gemeinsam in die Hauptstadt des Lieblichen Feldes. Im knappen Rahmen der Heldenwerk-Reihe bleibt kein Raum für eine Stadtbeschreibung, weshalb lediglich einige Anlaufstellen benannt werden und welche Informationen die Helden dort erhalten können.

Schnell verschärft sich die Lage durch einen zweiten Mord, bei dem die Helden selbst in das Visier der Gesetzeshüter gelangen, womit sie umso mehr darauf angewiesen sind, den Fall selbst aufzuklären. Auch hier folgen keine konkreten Szenarien, es werden lediglich einige Figuren beschreiben, denen die Helden begegnen, sowie natürlich das Verhalten der Gegenspieler. Ein konkretes Finale ist dabei nicht vorgesehen, womit der Spielleiter relativ offen auf die Handlungen der Spielercharaktere eingehen muss, sobald sie die Untersuchung des Tatortes und der Umstände des Mordes abgeschlossen haben. Insgesamt erweist sich die gesamte Geschichte der Morde als relativ komplex, da nichts so gewesen ist, wie es auf den ersten Moment scheint, vor allem die Drahtzieher im Hintergrund bleiben diffus. Im Anhang finden sich die Charakterisierungen der zentralen Antagonisten nebst einigen Erläuterungen der jeweiligen Motive.

II. Figuren
Trotz der Platzknappheit sind auffällig viele Figuren enthalten, die eine wichtige Rolle spielen. Als ständige Begleiterin dürfte dabei Elysia fungieren, die zwar selbst wenig erfahren und schlagkräftig ist, dafür als Wundärztin auch praktische Hilfe beisteuern kann. Ihr Charakter hat dabei auch eine tragische Komponente, befindet sie sich doch unter anderem auf der Spur ihres ehemaligen Geliebten.

Als prominenteste Ansprechpartnerin innerhalb der Handlung dürfte sich die Hesindehochgeweihte von Vinsalt, Arba von Silas, erweisen, in deren Einflussgebiet die Ermittlung stattfindet, zumal sie als ehemalige Konkurrentin um den Posten des Tempelvorstehers auch Melchior gut kannte.

Als interessanter Antagonist schließlich kreuzt der Kriminalermittler Festo ya Corsi die Wege der Spielercharaktere, der seine eigenen Nachforschungen über die Morde anstellt und dabei durchaus auch die Helden in den Fokus seiner Recherchen rückt und – je nach Entwicklung der Geschehnisse – auch ein gewisses Hindernis verkörpern kann, wenn er als Vertreter der Obrigkeit einen falschen Eindruck der Tatumstände gewinnt.

III. Kritik
„Die gehäutete Schlange“ stellt mich als Rezensenten vor einen großen Zwiespalt: Einerseits liegt eine gute und interessante Hintergrundgeschichte mit einem nachvollziehbaren Intrigenplot vor, andererseits halte ich die Detailumsetzung für problematisch, schlichtweg weil dem Heldenwerk-Format der Platz fehlt, um alle Aspekte (großer Intrigenplot mit Involvierung der Hesindekirche neben konkreter Mordermittlung) in angemessener Ausführung abzubilden.

Die Hintergrundgeschichte ist spürbar durchdacht, wird ja auch schon seit längerem durch den Aventurischen Boten begleitet. Die Mordkaskade (immerhin suchen die Spieler den Mörder des Mörders) ist angemessen motiviert und so konstruiert, dass die Helden reichlich Ermittlungsarbeit leisten müssen.

Der Einstieg mit der brennenden Scheune ist zwar simpel, kann aber als hinreichende Erklärung für die Entscheidung Elysias dienen, den Spielercharakteren genügend Vertrauen entgegenzubringen, um sie in die Geschichte einzuweihen. Ebenso wird eine plausible Erklärung gefunden, warum später die Helden selbst in Verdachtsmomente geraten können.

Dies bringt dann mit Festo auch die gelungenste Figur ins Spiel, dient er doch als Antagonist, der aber nicht aus niederen Motiven handelt, sondern selbst eigentlich die Sache der Gerechtigkeit vertritt. Richtig eingesetzt kann sich daraus ein spannendes Katz- und Maus-Spiel ergeben, mit überraschender Wendung, sollte es den Helden gelingen, Festo vom enervierenden Verfolger zum wertvollen Verbündeten zu transformieren. Hilfreich in diesem Kontext ist auch die Tatsache, dass der Mord in Vinsalt der Teil des Abenteuers ist, der sehr präzise beschrieben worden ist.

Generell sind die Figuren gut gestaltet und decken facettenreich mehrere Bedarfsfelder ab, Elysia ist zwar einerseits hilfsbedürftig, dafür aber als Heilerin auch von praktischem Nutzen, Arba als hohe Vertreterin der Kirche ist vergleichsweise unnahbar, der eigentliche Gegenspieler in seiner Rolle als unscheinbarer Meuchler passend gewählt.

Als problematisch sehe ich allerdings die Rahmenbedingungen, innerhalb denen alle Handlungsbereiche stattfinden. An sehr vielen Stellen existieren nur grobe Verweise, da schlichtweg der Platz fehlt. Mit Vinsalt spielt das Abenteuer immerhin in einer der größten Städte Aventuriens, eine echte Beschreibung kann aber auf 14 Seiten nicht vorgenommen werden, so dass lediglich ein paar Vignetten und Angaben von möglichen Anlaufpunkten gegeben werden, dazu eine Handvoll Zufallsereignisse.

Konkrete Handlungen und Schauplätze werden (außer dem Tatort) nicht gegeben, vor allem die Auseinandersetzung mit dem Meuchler muss vom Spielleiter (bis auf ein paar Tipps für mögliche Aktionen des Mörders) vollständig improvisiert werden. Einfacher wäre es natürlich, wenn man hier auf eine Spielhilfe verweisen könnte (allerdings existiert ja im Moment nur eine Beschreibung des Lieblichen Feldes aus DSA4- Zeiten, auf die man wohl kaum noch hinweisen möchte). Die gesamte Umgebungsgestaltung liegt damit in den Händen eines Meisters, wozu wahrscheinlich noch viel Zusatzarbeit einfließen muss.

Dazu kommt, dass sich das Abenteuer eigentlich vergleichsweise komplex gestaltet, da ja auf zwei Ebenen agiert wird. Auf den ersten Blick sichtbar ist ja nur der konkrete Mord in Vinsalt, die Vorgeschichte um Melchior steht in viel komplexeren Zusammenhängen und kann nur durch intensive Recherche entschlüsselt werden, wobei der echte Drahtzieher im Dunkeln bleiben dürfte. Tatsächlich wird im Abenteuer vergleichsweise viel Platz auf diese Hintergrundgeschichte verwendet, die zwar als generelles Wissen interessant ist und die Botenartikel der letzten Monate im Nachhinein erläutert, aber zum Teil für das konkrete Abenteuer gar nicht so relevant ist, da vieles von den Spielern aller Wahrscheinlichkeit gar nicht in Erfahrung gebracht wird (zumindest ist dies eigentlich nicht vorgesehen). Dafür fehlen dann aber Vorschlage zur Gestaltung eines Finales oder für Aktionen Festos, z.B. wird generell nicht wirklich deutlich, über welche Ressourcen die Gegenspieler verfügen. An anderer Stelle finden die Helden ein Tagebuch, bei dem lediglich zwei knappe Einträge vorgegeben sind, die einen längeren Zeitraum abdecken sollen und dazu noch sehr kryptisch abgefasst sind. Will man die Helden nicht mit der Nase auf diese beiden Einträge stoßen, dann muss der Spielleiter hier einiges an Kreativität beweisen.

Generell denke ich, dass es sich als schwierig erweist, Abenteuer im Längenformat der Heldenwerk-Reihe in Großstädten spielen zu lassen, wenn man nicht mit Verweisen auf eine Spielhilfe arbeiten möchte. In „Ein Goblin mehr oder weniger“ ist dies am Beispiel von Festum vergleichsweise elegant gelöst worden, indem dort eine Kriminalhandlung auf ein überschaubares Stadtviertel reduziert wurde. Dafür fehlt dann aber in diesem Abenteuer das, was in „Die gehäutete Schlange“ gut umschrieben wurde, nämlich eine vernünftige Hintergrundgeschichte, die das Verbrechen nachvollziehbar werden lässt.

„Die gehäutete Schlange“ bietet eigentlich das Potential für die doppelte Seitenanzahl, würde man beide Seiten der Intrige stufig behandeln. Dann könnten die Helden erst an dem Problem arbeiten, dass sie selbst plötzlich als Verdächtige verfolgt werden, anschließend den Mord zu klären, um sich schlussendlich den Schattenmännern und -frauen dieses Mordkomplotts zu widmen. So werden beide Handlungskomponenten zwar erläutert, spielbare Umsetzungen existieren aber nur zum Teil, was gerade aufgrund vieler guter Ideen schade ist. Positiv ist dafür natürlich die Kompatibilität mit den Botenartikeln der letzten Monate, die auch (so vorhanden) als Handouts empfohlen werden, hier also gut ins Spiel integriert werden können.

IV. Fazit
„Die gehäutete Schlange“ verfügt über einen guten und durchdachten Hintergrund, der sehr wendungsreich konzipiert ist, vor allem im Bereich der Figuren. Leider bietet das Heldenwerk-Format zu wenig Raum, um dies angemessen ausgestalten zu können, vor allem dann, wenn dies auch noch in einer Großstadt spielt, die ebenfalls nur skizzenhaft eingebunden bzw. konkretisiert werden kann.

Bewertung: 4 von 6 Punkten

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