Rezension: Travia-Vademecum

Vorbemerkung: Ein besonderes Ereignis im DSA-Jahr ist tatsächlich eher beiläufig vorübergegangen, obwohl eigentlich ein langer Zyklus beendet wurde. Mit dem Travia-Vademecum von David Lukaßen und Anni Dürr ist der Reigen der Zwölfe nach 5 Jahren nun abgeschlossen (auch wenn trotzdem weitere Bände in diesem Format erscheinen sollen, z.B. das Kor-Vademecum). Was mit der Kriegsgöttin begann, wird nun von der eher friedlich geprägten Göttin des Herdfeuers beendet. Ob dies also gepflegte Langeweile oder eine passsende Bereicherung der Spielwelt bedeutet, dieser Frage möchte ich im folgenden Beitrag gerne nachgehen.

In Zahlen:
– Travia-Vademecum
– 153 Seiten
– Preis: 14,95 Euro
– Erschienen am 10.12. 2015

I. Inhalt und Aufbau
Wie die anderen Bände auch, ist das Traiva-Vademecum ebenfalls vornehmlich in einer Ingame-Perspektive verfasst, in Form von nützlichen Ratschlägen und einer Zusammenfassung von Glaubensregeln- und Grundsätzen, hier von dem Geweihten Cordovan von Rabenmund niedergeschrieben.

Zu Beginn werden einige kurze Gebete und anschließend etwas längere Lieder und Choräle zu Ehren Travias vorgestellt (die zumeist an irdische Lieder und Gebete angelehnt sind). Thematisch werden dabei vor allem die zentralen Domänen von Schutz und Freundschaft in den Fokus genommen. Dies wird in dem liturgischen Wirken und den Göttinnendiensten weitgehend unterstrichen bzw. konkretisiert, wenn die Aufgabenfelder der Geweihtenschaft näher umrissen werden, die vor allem die Segnung häuslicher Tätigkeiten betonen. Als mitunter wichtigste Tätigkeit wird dazu ausführlich der Traviabund benannt, wobei z.B. Quellentexte über Hochzeiten in verschiedenen Regionen und Milieus Aventuriens enthalten sind.

Bei der Beschreibung von Travia und ihrem Gefolge wird vor allem ein Glaubensgrundsatz verdeutlicht: die Notwendigkeit, seinen Platz innerhalb einer Gemeinschaft zu kennen und zu akzeptieren. Dabei wird auch deutlich, dass Travia mehr als nur Mildtätigkeit verkörpert, sondern durchaus auch Härte und Konsequenz kennt. So sind bestimmte Gruppen nicht gern gesehen, deren Lebensweise einer traivagefälligen Ordnung widerstrebt, z.B. fahrendes Volk oder auch Prostituierte.

Das Kapitel über die Kirchengeschichte zeugt von der langen Glaubenstradition, die hier bis auf die ersten güldenländischen Siedler zurückgeführt wird. Interessant und bemerkenswert erscheint hier der Aspekt, dass eben kein Bild einer unfehlbaren Kirche gezeichnet wird, sondern auch Fehler eingestanden werden, wie in der unverhohlenen Kritik an der Führung der Traviamark ersichtlich wird. Die Ränge innerhalb der Kirche unterstreichen den hohen Stellenwert von Ehe und Familie innerhalb der Traviakirche, was sich z.B. darin manifestiert, dass Familienbezeichnungen für die einzelnen Mitglieder innerhalb der Kirchenhierarchie verwendet werden.

Die große Vielfalt der Glaubensgemeinschaft zeigt sich in der umfangreichen Schilderung der unterschiedlichen Glaubensauslegungen in den verschiedenen Regionen Aventuriens, wobei auch unverhohlen Kritik an lokalen Sitten und Gebräuchen geäußert wird, vor allem in den Aspekten von Scheidung, Prostitution oder der Verehrung anderer Götter. Vergleichsweise kurz fällt dafür das Kapitel der Orden aus, wo die Badilakaner den meisten Platz einnehmen. Auffällig ist, dass es sich bei den beiden anderen größeren Orden zum einen um eine Vereinigung mehrerer Götterglauben (Drei-Schwestern-Orden) und zum anderen um eine mittlerweile gar nicht mehr existente Gruppierung (die Gänseritter) handelt.

Das abschließende Kapitel zur Ausgestaltung eines Geweihten konzentriert sich darauf, Konzepte vorzustellen, wie ein solcher Charakter, der tendenziell eher friedfertig eingestellt ist und sicherlich auch konservative Auslegungen verinnerlich hat, in eine Gruppe integriert werden kann. Dabei wird auch die Problematik aufgegriffen, wie jemand in eine Gruppe von Spielercharakteren passt, die permanent auf Reisen ist, während seine Gottheit gleichzeitig den hohen Wert von Heim und Sesshaftigkeit predigt.

II. Kritik
Nimmt man meine persönlichen Vorlieben, dann findet sich der Traviageweihte sicherlich nicht unter den Rollen, die ich als besonders attraktives Figurenkonzept empfinde, schlichtweg, weil mir bisher kaum ein Anlass eingefallen wäre, wieso eine solche Figur Teil einer Heldengruppe sein sollte oder welche Fähigkeiten so jemand einbringen könnte, um in Abenteuern und Gefahrensituationen wirklich nützlich für seine Gefährten zu sein.

Tatsächlich erweist sich das Vademecum hier als ausgesprochen interessant und unterhaltsam. Die Stärke liegt eindeutig in einer sehr gewissenhaften Darstellung der gesamten Kirche. Mehr noch als in den meisten anderen Bänden dieser Reihe haben die Autoren viel Wert darauf gelegt, die Gemeinschaft der Traviagläubigen in all ihren regionalen Ausprägungen vorzustellen.

Dabei wird ein durchaus ambivalentes Bild entworfen: Einerseits werden Milde und Güte betont, die zum Grundwesen der Geweihten gehören, gerade auch in Bereich von Travias Funktion als Schutzgöttin des Herdfeuers, die die Wertigkeit des häuslichen Lebens hochhält. Umgekehrt wird aber auch mehr als deutlich, dass Travia für viel konservatives Gedankengut steht, das Ehe als einzige wahre Lebensgemeinschaft ansieht und andere Formen des Zusammenlebens geringschätzt, ganz zu schweigen von käuflicher Liebe oder ähnlichem. Hier allerdings kommt die Option der Buße ins Spiel, die Glaubensgemeinschaft gibt jederzeit die Gelegenheit zur Umkehr, wenn sich jemand (freilich aus ihrer Perspektive) auf seinem Lebensweg verirrt hat.

Dies erstreckt sich sogar auf die kritische Reflexion über die eigenen Taten, keines der Vademeci ging bisher so offen mit eigenen Fehlern um, z.B. im Fall der Gänseritter, deren Gründung hier mittlerweile als Überschreitung der eigenen Kompetenzen bezeichnet wird. Nicht auf eigener Unfehlbarkeit zu bestehen ist für eine aventurische Kirche keine Selbstverständlichkeit, was aber zu den Prinzipien der Traviajünger passt, die – nach dem Vorbild der Göttin selbst – die Fähigkeit wertschätzen, den eigenen Platz innerhalb einer Gruppe realistisch einordnen zu können.

Gut durchdacht wirken ebenfalls die Hinweise zur Darstellung eines Geweihten am Spieltisch, die zunächst die klaren Grenzen der Figur aufzeichnen, die kaum als Anführer oder als Haudrauf agieren dürfte, sondern eben in der Mitte einer Heldengruppe stehen kann, mit einer praktischen und anpackenden Weltsicht zu nüchterner Betrachtung fähig ist, dabei aber prinzipientreu vorgehen sollte, natürlich den allgemeinen Glaubenswerten verpflichtet. Somit ist das Profil durchaus facettenreich, es gibt sogar mit dem Typus der „Wildgänse“ eine Option, das Dilemma zu umgehen, dass eine solche Figur besonders auf Aspekte wie Heim und Sesshaftigkeit fixiert sein sollte.

Als etwas banal empfinde ich dafür die Gebete und Choräle, die sich zum Teil an meiner Meinung nach extrem platte irdische Liedtexte anlehnen und inhaltlich eben eher langweilige Klischeebilder aufwerfen. Hier hätte ein wenig mehr Finesse durchaus hilfreich sein können, was zum Glück angesichts der anderen, deutlich informativeren Kapitel weniger ins Gewicht fällt. Gründsätzlich liegt meiner Auffassung nach die Stärke dieses Vademecums eher in den Informationstexten, weniger im erzählerischen Bereich.

III. Fazit
Auch das Traiva-Vademecum hält das gute Niveau der gesamten Reihe, überzeugt vor allem in der detaillierten Darstellung regionaler Unterschiede in der Glaubensauslegung. Dazu erhält man als Spieler ausgesprochen hilfreiche Hinweise zur Darstellung einer solchen Figur, wie man die grundlegenden Werte und Prinzipien mit einem Heldenleben vereinbaren kann.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

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