Auswüchse der Wissenschaft – ein Interview mit Magister Alrico Valdani

[Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im Mai zum Thema „Auswüchse der Wissenschaft“, veranstaltet von Nerd-Gedanken]

Macht, Rang und Geltung basieren häufig auf militärischer Stärke, die in Aventurien im Regelfall den Personen von Rang und Namen vorbehalten ist. Hierarchien werden größtenteils vom Adel dominiert, derjenigen Personengruppe also, der von Geburt an die meisten Vorteile in die Wiege gelegt wurden. Nicht jeder allerdings möchte diese Gesellschaftsordnung akzeptieren, manch einer sieht darin sogar ein grundsätzliches Übel. Macht sollte nach Wissen und Kompetenz vergeben werden. So zumindest lautet die These von Magister Alrico Valdani (auf Wunsch unseres Gesprächspartners wurde der Name geändert), der sogar so weit geht, zu behaupten, dass die Wissenschaft dem Adel die Macht entreißen muss, notfalls mit Gewalt. Brisante Ansichten, denen der Dereblick an dieser Stelle nachgehen möchte, weshalb uns Magister Alrico freundlicherweise eine kurze Audienz gewährt hat, um seine Ansichten auszuführen.

Dereblick: Magister Alrico, eine kurze Frage vorab, wenn Ihr erlaubt. Es ist selbstredend ausnehmend freundlich, dass Ihr für dieses Gespräch zur Verfügung steht. Nur erscheint es offen gesagt ungewöhnlich, vor einem solchen Gespräch mit einem übergeworfenen Sack und einer stundenlangen Kutschfahrt ins Ungewisse empfangen worden zu sein. Und dieses dunkle Kellergewölbe ist tatsächlich auch nicht unbedingt der Ort, an dem man für gewöhnlich eine solche Unterhaltung führt.

Alrico: Nun, ich muss natürlich vielmals Eure Verzeihung erbitten, für die Unannehmlichkeiten, die meine bisweilen etwas groben Angestellten Euch bereitet haben. Aber mein aktueller Rechtsstatus bringt die Notwendigkeit gewisser, sagen wir Vorsichtsmaßnahmen mit sich. Ich versichere Euch, Ihr seid hier so sicher, wie Ihr es nirgend anders sonst sein könnten.

Dereblick: Nun gut, dann sehen wir über die besonderen Umstände einfach hinweg. Natürlich haben wir eine grundsätzliche Anonymität garantiert, aber wärt Ihr trotzdem so freundlich, kurz Euren Werdegang zu schildern?

Alrico: Aber mit Vergnügen. Das Licht Deres erblickte ich im altehrwürdigen Fasar. Und auch wenn ich aus ärmlichsten Verhältnissen stamme, so spürte ich doch schnell, dass in mir Hesindes Gaben schlummerten. Und zu meinem großen Glück ließ mir ein Lehrmeister der Akademie der Geistigen Kraft die Hand nicht abschlagen, als er selbige in seiner Geldbörse fand, sondern stattdessen übernahm er nach intensiver Prüfung persönlich meine Ausbildung und finanzierte meine Aufnahme in dieses honorige Institut. Nach Jahren und Jahren des eifrigen Studiums erfasste mich nach meinem Abschluss der immense Drang, nicht den Rest meines Lebens in der Studierstube zu verbringen. Ergo zog es mich in die weite Welt hinaus.

Dereblick: Und welche Erfahrungen habt Ihr dort gemacht?

Alrico: Mit einem Wort: Schockierend! Jung war ich und grenzenlos naiv. Ich glaubte, Gelehrsamkeit und Kompetenz wären etwas, das etwas gilt den zivilisierten Landen. Zivilisiert! Pah! Sowas gibt es doch kaum noch in diesen finsteren Zeiten!

Dereblick: Wie kommt Ihr zu diesem Urteil?

Alrico: Schaut Euch doch einfach nur mal um! Dummheit, Inkompetenz, Impertinenz! Überall! Das einfache Volk, diese nichtswürdigen Kreaturen, ohne Respekt behandeln sie einen, mein überlegener Intellekt und mein Genie gilt diesen Würmern nichts. Und die Mächtigen erst, die sogenannten Herrscher! Zu einem dumpfen Handlanger wollen sie und Magier und Wissenschaftler degradieren. Dabei müsste es genau umgekehrt sein. Der Schwertarm muss der Gelehrsamkeit dienen, nicht anders herum. Kaum zog ich gen Norden, musste ich schmerzhaft lernen, wie wenig dieses Bauernpack für meinesgleichen übrig hat. Mehr als einmal rannten sie in Scharen mit ihren Mistforken hinter mir her, anfangs bin ich sogar tatsächlich geflohen. Später dann habe ich ein paar angemessene Reaktionen entwickelt. Und wenn man sich an einen Hof begab, musste man sich nur mit diesen  ganzen gestelzten Lackaffen und Speichelleckern abgeben. Der größte Tölpel von allen darf dann auf dem Thron sitzen und kommt einem von oben herab. Dabei besteht die gesamte Lebensleistung von diesen Kretins darin, der Sohn oder die Tochter von irgendjemandem zu sein, der wahrscheinlich genauso wenig konnte. Und die hatten dann die Dreistigkeit, mir einen schlecht bezahlten Posten anzubieten, bei dem ich dann meine Talente damit vergeuden sollte, ihre Fresssucht zu kurieren oder mit billigen Jahrmarktzaubertricks für Unterhaltung zu sorgen. Und sowas von Leuten, die in der Regel nicht mal Lesen und Schreiben können! Das muss man sich mal vorstellen…

Dereblick: Also habt Ihr Euch gegen eine Anstellung als Hofmagus entschieden!

Alrico: Und ob ich das habe! Aber auch sonst war es durchaus schwer, auf sein angemessenes Verdienst zu kommen. Sogar die „werten“ Fachkollegen bringen mir in der Regel nur Misstrauen oder Verachtung entgegen, bloß wegen der freigeistigen Ausrichtung meiner Akademie…

Dereblick: … die allerdings zeitweise von niemand anderem als dem Frevler Tharsonius von Bethana geleitet wurde!

Alrico: Frevler, wenn ich das schon höre! Verzeiht mir, aber in dieser Hinsicht spricht die bloße Unwissenheit aus Euch heraus. Sicherlich hat es Gewalt gegeben und sicherlich hat das auch viel Leid verursacht. Aber doch nur, weil die Menschen SEINE Lehren nicht verstanden haben. ER hat verstanden, dass die Wissenschaft sich den ihr gehörigen Platz endlich einholen muss, koste es, was es wolle. Ich lebe danach!

Dereblick: Könnt Ihr das präzisieren?

Alrico: Aber mit Vergnügen. Natürlich reden wir noch von vergleichsweise bescheidenen Anfängen, aber immerhin, es hat sich viel bewegt in den vergangenen Jahren. Ich habe auf meinen Wanderungen beispielweise festgestellt, dass der Bildungsgrad abnimmt und der Aberglaube im gleichen Maße zunimmt, wenn man in den nördlichen Bereich des Kontinents geht. Und in dieser Kombination liegen dann die Möglichkeiten!

Dereblick: Ich verstehe nicht ganz. Wieso soll ein Gelehrter dort sein Glück suchen, wo wenig Gelehrsamkeit herrscht?

Alrico: Na weil die Menschen einen dort mehr fürchten! Unwissenheit kann ein Garant für Unterordnung sein, wenn man das nur in die richtigen Bahnen lenken kann. Eine alte Kräuterfrau, die nur Gutes wollte, wird von dem wütenden Mob bei einer schlechten Ernte gerne mal dem Feuer übereignet. Wenn man aber über gewisse Fähigkeiten verfügt, die das einfache Volk beindrucken, dann braucht man nur noch eines, um sich eine Führungsposition anzueignen.

Dereblick: …und das wäre?

Alrico: Na, ein paar Geschäftspartner, die die nötige Schlagkraft mitbringen, um seinem Anliegen etwas Nachdruck zu verleihen! Die Sache war im Prinzip ganz einfach. Mit meinen Fähigkeiten war es kein Problem, einen Kredit bei der Nordlandbank zu erhalten. Mit dem Geld habe ich dann ein paar Mietlinge angeheuert und bin mit diesem Gefolge in eine dünn besiedelte Gegend gezogen. Dort haben wir dann eine Inbesitznahme eines renovierungsbedürftigen alten Festungsbaus vorgenommen. Mit etwas Kreativität habe ich mir dort mittlerweile mein persönliches Refugium geschaffen, einen kleinen Hort der Gelehrsamkeit.

Dereblick: Und was sagen die lokalen Machthaber dazu?

Alrico: Sagen wir, mit denen habe ich mich arrangiert. Ich biete diverse Dienstleistungen an, allerdings nicht mehr auf der Basis des Dienstboten, sondern aus der Position desjenigen, der seine Gunst gewährt. Meine Partner haben erkannt, dass alle davon profitieren. Und aus dieser Erkenntnis finanziere ich dann meine laufenden Kosten.

Dereblick: Also dürfen wir uns dieses Landleben als nicht allzu billig vorstellen?

Alrico (schnaubt): Na, was denkt Ihr denn? Allein die Objektkosten sind horrend. Wir mussten sämtliche Mauern wieder hochziehen, Fallgruben ausheben, diese mit allerlei „Füllmaterial“ ausstatten. Dafür habe ich sogar einen mohischen Experten. Zudem darf man ja nicht an der falschen Stelle sparen. Meine Wachhunde beispielsweise sind natürlich Zornbrechter Bluthunde. Allein der Nivese, der meine Lieblinge betreut, kostet ein kleines Vermögen. Außerdem muss man ja auch die natürlichen Schwachstellen absichern, bevor irgendwelches dahergelaufene Abenteurergesindel seine neugierigen Nasen überall reinsteckt. Wisst Ihr beispielsweise, was es kostet, ein Wasserbassin im Keller einzubauen und dann mit den passenden Zierfischen zu versehen?

Dereblick: Offengesagt bin ich kein Experte für Fischpreise…

Alrico: Fische! Pah, nur Banausen werten ein solch edles Tier wie den Irfinshai dermaßen ab. Und das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Die Personalkosten sind immens. Habt Ihr auch nur den Hauch einer Ahnung, was vernünftiges Sicherheitspersonal heute kostet? Allein die Verpflegung der Orks stellt eine ungeheure Belastung dar. Ganz abgesehen von dem, was man für die Dufttinkturen ausgeben muss, um den bestialischen Gestank zu übertünchen. Eine Zeit lang habe ich es sogar mit ein paar Ferkinas versucht, aber das ging leider nicht, die haben doch zuviel Kollateralschäden verursacht. Tobrier, das sind die Besten, können hart zupacken und haben vor allem nicht dauernd diese lästigen Bedenken, auch mal die etwas härteren Befehle durchzusetzen. Aber das alles ist noch nichts gegen die Tribute, die die Wissenschaft fordert.

Dereblick: Was für Forschungen betreibt Ihr denn?

Alrico: Sagen wir, meine Forschungen finden in erster Linie am lebenden Objekt statt. Das ist dann doch sehr aufwändig, geeignete Versuchsobjekte zu finden. Meine Leute sind ständig auf Beschaffungstouren in der Umgebung. Und da wird man nicht immer mit offenen Armen aufgenommen. Dieses kleingeistige Bauerngesindel hat oft nicht den Hauch von Gefühl von den Anforderungen, denen ein Wissenschaftler sich stellen muss und auch kein Verständnis dafür, dass dazu nun auch mal Opfer notwendig sind. Dazu kommen natürlich noch die notwendigen Utensilien, um gewisse Forschungen und Versuche betreiben zu können. Da kommen die Leute teilweise auf die merkwürdigsten Ideen, „Artenschutz für Einhörner“! Das ich nicht lache! Genauso eine Sache ist der Verschleiß von Adeptinnen. Da hat man gerade wieder ein hoffnungsvolles Talent gefunden, schon lässt sich das dumme Ding von diesem schmierigen KGIA-Typen becircen. Nun ja, immerhin hat sich Borbi gefreut…

Dereblick: Borbi?

Alrico: Na, meinen Irfinshai!

Dereblick: Oh, verstehe! Äh ja, und wozu das Ganze?

Alrico: Das ist mal wieder so eine typisch kleingeistige Frage! Aber das ist eben das Los von uns Visionären. Niemand versteht, dass wir all dies auf uns nehmen, um der Menschheit den notwendigen Fortschritt zu bringen. Und niemand will akzeptieren, dass sowas eben auch Opfer kostet. Solange muss man eben die Entbehrungen der Provinz und die Verachtung der Unwissenden auf sich nehmen. Aber wenn dereinst mein Magnum Opus vollendet sein wird, dann werden wir sehen, wer dann vor mir auf dem Boden kriechend um meine Gunst winseln wird…

Dereblick: … vielen Dank für diesen interessanten Einblick in Euer Tagwerk. Ich möchte mich außerordentlich für das Gespräch bedanken. Aber ich denke, ich habe nun mehr als genug von Eurer wertvollen Zeit in Anspruch genommen.

Alrico: Wie bedauerlich. Ich hatte angenommen, Ihr hättet noch Zeit für eine kleine Exkursion zu meinen Laboratorien…

Dereblick: Ein unglaublich reizvolles Angebot. Aber ich brenne förmlich darauf, mich in meine gute Stube zu begeben, um Eure Worte zu Papier zu bringen, Magister ordinarius. Schließlich muss ganz Aventurien an Eurer Weisheit teilhaben.

Alrico: Ich verstehe, dann will ich Euch nicht länger aufhalten.

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