Rezension: Das Heldenbrevier der Streitenden Königreiche

Vorbemerkung: Seit dem Erscheinen von DSA5 ist nun schon einige Zeit vergangen und nach anfangs etwas zögerlichem Start werden mittlerweile sehr regelmäßig Produkte veröffentlicht. Nachdem mit dem Regelwerk und dem Almanach ein erster Überbau gestaltet wurde, steht nun mit dem Regionalband zu Nostria und Andergast bald der erste Detailband zu einer Region an. Quasi als Ouvertüre ist nun der Ingame-Band „Das Heldenbrevier der Streitenden Königreiche“ erschienen, in dem Daniel Simon Richter aus der Sicht zweier Figuren aus beiden Lagern eine Reisebeschreibung zu den Streitenden Königreichen verfasst hat.

In Zahlen

– 158 Seiten

– 2 Erzähler

– Preis: 14,99 Euro

– erschienen am 11.5. 2016

I. Aufbau und Inhalt

Tatsächlich stellt der Band ausschnittweise die Reise zweier junger aufstrebender Charaktere dar, die sich auf den Weg in ein erstes selbstständiges Abenteuer begeben. Dabei weisen beide zunächst eine grundsätzliche Gemeinsamkeit auf, handelt es sich doch um zwei Ritter, die gerade an dem Punkt im Leben angekommen sind, an dem ihnen ein erstes Mal ein Auftrag anvertraut wird, bei dem sie sich ihrer jüngst erworbenen Ritterweihe würdig erweisen sollen. Beide schildern abwechselnd ihre Erlebnisse, wobei natürlich vor allem ihre Sicht auf Land und Leute im Vordergrund stehen.

An dieser Stelle hören die vordergründigen Gemeinsamkeiten aber auch erstmal auf, handelt es sich bei Brealetha von Hyttenhau doch um eine Ritterin von der nostrischen Küste, während Stanislaus von Tatzenhain aus der andergast´schen Freiherrschaft Albumin stammt.

Schnell werden auch unterschiedliche Facetten und Charakterzüge deutlich. Brealetha wirkt deutlich bodenständiger, fühlt sie sich doch mit den einfachen Leuten sehr verbunden und begegnet ihrer Umgebung vornehmlich mit einer aufgeschlossenen Neugier. Stanislaus hingegen ist ein standesbewusster Ritter aus einem alten Geschlecht, der vornehmlich auf seinen sozialen Aufstieg bedacht ist und seine Reise eher aus einem zweckrationalen Blickwinkel sieht, nämlich als Möglichkeit, sich auszuzeichnen und wichtige Kontakte für die Zukunft zu knüpfen.

Passend dazu haben beide auch unterschiedliche Aufträge. Während Brealetha nach dem Verlust ihrer Kinderfrau , der Hexe Lynea, deren Mutter den Nachlass bringen möchte (also eine persönliche Queste angeht, die mit wehmütigen Erinnerungen verbunden ist), erhält Stanislaus die Order, einen jungen Knappen zu seinem Bestimmungsort zu eskortieren.

Die Reisebeschreibungen erhalten so eine stark unterschiedliche Färbung. Brealetha betont beispielsweise immer wieder ihre Verbundenheit mit der See, während Stanislaus vornehmlich aus der Sicht des herrschgewohnten Adligen schreibt. Dabei werden auch viele kleinere Facetten deutlich, z.B. ist Stanislaus als schwerbewaffneter Panzerreiter unterwegs, während Brealetha eher eine leichte Rüstgewandung bevorzugt, die ihr mehr Beweglichkeit ermöglicht.

Zuletzt sind beide natürlich auch von ihrer Nationalität bestimmt, so finden sich allenthalben Lobpreisungen der eigenen Fraktion bzw. Schmähungen des Feindes, wobei den Leser häufig vor Augen geführt wird, dass vieles davon auf Basis von Vorurteilen und purer Unkenntnis entstanden ist. Im Bereich der Kulturen wird beispielsweise auch der Umgang mit Magiebegabten thematisiert, wobei Brealetha als Nostrierin eher mit Hexen vertraut ist, Stanislaus dagegen die typische Nähe der Andergaster zu den Sumen verkörpert und im Verlauf der Handlung sogar einen Bund mit einem dieser eingeht.

Insgesamt wird auf diese Art und Weise eine jeweils zusammenhängende Geschichte beider Figuren erzählt, zwischenzeitlich laufen beide Handlungsstränge sogar zusammen, so dass auch eine Begegnung zwischen beiden Rittern zustande kommt, wobei man Schilderungen aus beiden Blickwinkeln erhält. Dabei nimmt die bis dahin eher ruhige Erzählung sogar leicht dramatische Züge an.

II. Kritik

Ich muss zugeben, dass ich nach meinen durchwachsenen Eindrücken von „Auf Avespfaden“ eher skeptisch an den neuen Ingame-Band herangegangen bin, da der Erstling dieser Reihe trotz eines durchaus innovativen Konzepts meiner Auffassung nach einige grundlegende Schwächen aufweist.

Allerdings hebt sich „Das Heldenbrevier der Streitenden Königreiche“ für mich doch im Vergleich positiv ab, weil hier das Gesamtergebnis deutlich stimmiger wirkt. Vor allem ist der Band durch die Konzentration auf lediglich zwei Erzähler nicht so zerstückelt, statt kurzen Texthäppchen wird sich hier meist auf mehreren Seiten die Zeit genommen, die einzelnen Reiseepisoden ausführlicher zu schildern. Somit erhält auch der Aspekt der Beschreibung von Land und Leuten den notwendigen Raum, der mir in „Auf Avespfaden“ gefehlt hat. Zwar geben die Figuren durchaus auch Persönliches preis, dies überlagert aber zumeist (sieht man von den letzten Seiten ab) nicht das Kernanliegen, eben Nostria und Andergast anschaulicher und lebendiger werden zu lassen.

Die Wahl der unterschiedlichen Protagonisten erscheint hier auch vollkommen logisch, beide sind mit ihrer Heimat verwurzelt, als eher unerfahrene Charaktere ist ihnen aber selbst die Umgebung ihrer Heimat bisher nur vage vertraut, so dass der Leser mit ihren Augen alles Neue wahrnimmt. Ihre jeweilige Herkunft sorgt auch für den nötigen Lokalkolorit, der immer nur dann anstrengend wird, wenn zu viel über die feindlichen Nostrier/Andergaster“ lamentiert wird. Dafür sorgen die Schilderung der Umgebung und ihrer Bewohner sowie die immer wieder eingestreuten Sagen dafür, dass man der Region deutlich mehr Facetten abgewinnen kann als dem Klischee von provinzieller Borniertheit und Streitlust.

Beide Figuren dienen gut dazu, ihre jeweilige Gesellschaft zu verkörpern, z.B. unterstreicht Stanislaus anfängliches Misstrauen gegenüber Brealetha seine patriarchalische Gesinnung, getreu den Sitten der Andergaster. Interessant ist auch, dass beide Figuren, obwohl eher in einer ländlichen und wenig weltoffenen Umgebung großgeworden, wenig Berührungsängste mit Magiebegabten zu haben scheinen, was den naturverbundenen Charakter aufzeigt, insbesondere die Sonderstellung der Sumen.

Die Grundgeschichte ist natürlich vergleichsweise simpel gehalten und die beiden Protagonisten bleiben etwas eindimensional, indem Brealetha durchweg sehr sympathisch und bodenständig gezeichnet wird, während Stanislaus lange Zeit der klassische Provinzadelige mit ausgeprägten Standesdünkeln zu sein scheint. Das bricht gegen Ende etwas auf, allerdings fällt es mir doch etwas schwer, ihm seinen abschließenden Charakterwandel abzunehmen. Allerdings liest sich die Gesamtgeschichte dafür trotz der den Handlungsgang naturgemäß unterbrechenden Landschaftsbeschreibungen durchaus flüssig, auch weil Daniel Simon Richter durchaus auch ein paar Spannungsmomente eingebaut hat.

So entsteht zwar kein vollends geschlossener Roman, aber eine zusammenhängende Geschichte, die passender Weise auch nicht den Anspruch hat, eine vollständige Reise durch jeden Weiler der Region zu schildern. Hier hat sich „Auf Avespfaden“ etwas zu sehr zerfasert, das Heldenbrevier beschränkt sich auf allgemeine Aspekte, die wahrscheinlich stellvertretend für die restliche Region stehen. Stellenweise sind auch neuere Begebenheiten des lokalen Metaplots bereits eingearbeitet, z.B. existieren einige Bezüge zum Roman „Mehrer der Macht“ und den dort beinhalteten politischen Entwicklungen.

Natürlich stellt sich letztlich auch hier die Frage nach der Zweckmäßigkeit einer solchen Publikation, die eben nicht für den direkten Einsatz im Rollenspiel geeignet ist. Das muss aber meiner Auffassung jeder für sich selbst entscheiden, ob ein reiner Ingame-Band, der aber kein Roman ist, wirklich seinen Reiz ausübt.

III. Fazit

„Das Heldenbrevier der Streitenden Königreiche“ ist ein gelungener Ingame-Band, der die Bewohner der Streitenden Königreiche mit ihren Sitten und Legenden anschaulich werden lässt. Die Hintergrundgeschichte ist zwar konventionell, die Charaktere mit ihren gegensätzlichen Facetten erfüllen aber ihren Zweck.

Bewertung: 5 von 6 Punkten

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2 Gedanken zu “Rezension: Das Heldenbrevier der Streitenden Königreiche

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