Rezension: Brennen soll Bosparan

Vorbemerkung: Abseits der Reihe um die Abenteuer der Thorwalerkapitäne Phileasson und Beorn hatte man zuletzt das Gefühl, dass der DSA-Romansektor ein wenig eingeschlafen ist. Dem hilft aber jetzt Judith Vogt mit ihrem Roman „Brennen soll Bosparan“ ab. Und sorgt damit zugleich ebenfalls für ein deutlich Lebenszeichen eines in den letzten Jahren fast sträflich vernachlässigten Settings, ist die Handlung doch in den Dunklen Zeiten zu verorten.

In Zahlen:
– 397 Seiten
– Preis: 14,95 Euro
– Erschienen am 19.7. 2017

I. Inhalt
Im Zentrum der Handlung steht eines der wesentlichen Ereignisse der Dunklen Zeiten: die Plünderung Bosparans durch einen wagemutigen Vorstoß von 16 Drachenbooten der Thorwaler im Jahre 331 v. BF. Dabei lässt sich der Roman in vier Handlungsebenen einteilen, jeweils von einer der vier Hauptfiguren geprägt.
Zwei der Handlungsstränge stellen den großen militärischen Konflikt in den Mittelpunkt. Auf Seiten der Thorwaler begleitet der Leser den Herjatuga (der thorwal’sche Begriff für einen Flottenkommandanten) Hrutgar Roggoson, der ausgehend von den Zyklopeninseln sein wagemutiges Unterfangen beginnt, so weit wie nie zuvor ins Feindesland vorzudringen und die Hauptstadt des Reichs selbst anzugreifen. Erschwerend wirkt für ihn die Kommandostruktur der Thorwaler, die ihn als Ersten unter Gleichen sieht, womit er die anderen Kapitäne mit ihren Eigenheiten zusammenhalten muss, während er an seiner eigenen Saga arbeitet.
Ihm gegenüber steht Yilia Cadicia, eine unerfahrene Patriziertochter, die eher zufällig das Kommando über die berüchtigte Legio V erhalten hat. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Himmelfahrtskommando, bei dem wenig Ruhm im Kampf gegen Barbaren am Rande des Imperiums zu erwarten ist. Dass eben solche Barbaren nun aber unaufhaltsam ins quasi ungeschützte Herz des Reichs vordringen, eröffnet ihr unverhofft eine große Bewährungschance, weshalb sie alle Kräfte mobilisiert, um Hrutgar aufzuhalten bzw. rechtzeitig in Bosparan einzutreffen, um seiner Flotte Einhalt zu gebieten. Genau wie Hrutgar ist auch ihr Kommando erschwert, in ihrem Fall durch den Umstand, dass ihre Legionäre sich nur ungern von einer gänzlich unerfahrenen Legatin kommandieren lassen, die obendrein noch den Geboten Rondras folgt, während ihre ganze Legion dem hornissengestaltigen Shinxir anhängt.
Neben diesen vordergründigen Auseinandersetzungen spielt sich im Hintergrund aber noch ein weiterer, tiefergehender Konflikt auf einer überderischen Ebene ab, in dem verschiedene Gottheiten um den Einfluss auf die Sterblichen ringen (in den Dunklen Zeiten ist das Pantheon der Zwölfe noch nicht so festgezurrt wie in der aventurischen Gegenwart). Hier prallen unterschiedliche Wesenheiten wie Efferd, Hranngar, Hesinde, Rondra oder Shinxir aufeinander. Zwei Schachfiguren in diesem Gebilde sind die Alhanierin Shinja und der Aveshapriester Yagheer. Beide werden von ihnen anfangs kaum zu durchschauenden Mächten mit ungewissen Missionen beauftragt: Shinja will unschätzbar wertvolle Schriften vor dem Zugriff den Tyrannen Amagomer retten, während Yagheer nach der Ermordung seiner Familie einen Weg sucht Bastrabuns Bann gegen echsische Einflüsse zu erneuern. Anders als bei den beiden vorgenannten Protagonisten kreuzen sich ihre Wege im Verlauf des Romans und sie werden zu Schicksalsgefährten.
Trotzdem führt jenes Schicksal letztlich alle Figuren in das umkämpfte Bosparan. Hier wird eine fast endzeitliche Stimmung kreiert, wenn der fast teilnahmslos wirkende Dalek-Horas II. und die übrigen Bewohner der Stadt den unaufhaltsam scheinenden Vorstoß der Nordleute hinnehmen müssen, während alle Abwehrversuche fehlschlagen. In den Wirren der Kriegshandlungen stehen alle vier Protagonisten vor ihren Bewährungsproben, bei denen sie allerdings oft mit eingeschränkten Handlungsoptionen leben müssen. Yagheer und Shinja geraten unter den Einfluss des Legaten Jelianus, der seine ganz eigenen Ziele verfolgt, während Hrutgar zunehmend auf die unheimlichen Kräfte der Windruferin Hildur angewiesen ist, die sich nur ungern kontrollieren lässt und eine unklare Agenda betreibt.

II. Figuren
Die vier genannten Protagonisten sind nur einige von zahlreichen Figuren, die eine Rolle im Rahmen eines solchen Großereignisses spielen. Letztlich handelt es sich um zwei Großgruppen, die Bosparaner und die Thorwaler. Hrutgar steht einer Reihe von stolzen und eigenwilligen Seeleuten vor, wobei neben Hildur der walwütige Hersir Mando hervorsticht, der mit seinen schwer zu beschwichtigenden Berserkern die Allzweckwaffe im Flottenverband darstellt. Interessant ist hier vor allem, dass die Nordleute eine sehr flache Hierarchie pflegen und sich – unabhängig von der Rangordnung – gerne unverblümt die Meinung sagen.
Ganz anders gestaltet sich dies bei den Bosparanern, einer dekadenten und stagnierenden Gesellschaft, der ein maskenhafter Delek-Horas ll. vorsteht, während Karrieristen wie Jelianus und Yilia offensiv ihren Aufstieg vorbereiten. Sehr ambivalent gestaltet sich auch Yilias Verhältnis zu ihrem Adjutanten Dolokranes Chaerea, der als altgedienter Soldat hinter ihr zurückstehen soll, obwohl er der geeignetere Kommandant wäre.
Yagheer unnd Shindra schließlich befinden sich als Außenseiter zwischen diesen Fraktionen, dafür stehen sie in direkter Verbindung zu den Mächten, die hinter den Kulissen des Feldzuges die Auseinandersetzungen der Sterblichen lenken bzw. zu ihren Zwecken ausnutzen.

III. Kritik
Für den Leser bringt ein Roman in den Dunklen Zeiten zunächst einen kleinen Nachteil mit sich: Selbst wenn man in der aventurischen Geschichte halbwegs sattelfest ist, stößt man immer wieder auf Begriffe oder Sachverhalte, die man nochmal nachschlagen muss, die Vertrautheit mit einigen Begebenheiten ist nicht immer gegeben und sei es nur durch alte Bezeichnungen verursacht.
Dafür weist das Setting einen aus Autorensicht mutmaßlich unschätzbaren Vorteil auf: die deutlich geringere Beschreibungsdichte. Anders als in der von unzähligen Spielhilfen fast minutiös erfassten aventurischen Gegenwart sind hier maximal Rahmenbedingungen vorgegeben (Hier: Thorwaler plündern 331 v. BF Bosparan, zur Regierungszeit von Dalek-Horas II.). Innerhalb dessen existieren kaum wirkliche Setzungen, ein Großteil der Figurenriege steht frei zur Verfügung, ohne einen übergreifenden Metaplot berücksichtigen zu müssen.
Judith Vogt hat sich hier sehr gelungen an einem Großereignis ausgetobt und nutzt dabei die Stärken des Settings. Die historischen Anleihen sind unverkennbar, dabei wirklich gut umgesetzt, wenn ein erschwachendes Großreich jenseits seines Machtzenits an den eigenen Unzulänglichkeiten scheitert, bei dem verzweifelten Versuch sich hochmotivierter Barbaren zu erwehren, deren Vorteil in der größeren Mobilität liegt. Besonders anschaulich wird dies in den kurzen Szenen, in denen man Einblick in die Gedanken des Horas erhalt, der das Schicksal seines Reiches meist teilnahmslos hinnimmt und sich vollständig von seinem Volk distanziert hat. Genauso lebendig wird dies im Vergleich der beiden Heerführer unter den Protagonisten. Hrutgar ist der Prototyp des geborenen Anführers, der seine Leute mit einer Mischung aus Entschlossenheit, persönlichem Einsatz und Humor führt und Widerstände seiner Unterführer überstimmt, während Yilia um jeden kleinen Funken Anerkennung kämpfen muss, wobei ihr offene Missachtung entgegenschlägt. Trotzdem entwickelt sich ein interessanter Antagonismus, dessen Ausgang einen großen Teil der Spannung ausmacht.
Tatsächlich empfinde ich diesen Handlungsstrang als mitreißender als die Reise von Yagheer und Shindra. Beide agieren als einfache Figuren ohne Machtbefugnis aus einer ganz anderen Position, müssen viel verborgener agieren, wobei sie am Ende trotzdem für den Ausgang der Ereignisse genauso wichtig sind wie die Militärführer. Allerdings entwickelt sich dieser Teil der Handlung weniger stringent, erst langsam versteht man, welche Rolle die beiden im Gesamtgefüge spielen. Ein Grund ist der bereits angesprochene mythologische Hintergrund, der die Motivation teils etwas schwerer nachvollziehen lässt. So erscheint mir gerade die finale Entwicklung von Hildur etwas zu konstruiert, die ihre Pläne recht plötzlich fallen lässt. Im Gesamtblick ist die Figurenkonstellation mit vielen sehr unterschiedlichen Charakteren sonst eine Stärke des Romans, indem Figuren mit Stärken und Schwächen gezeichnet werden, die zumeist bewusst nicht als reine Sympathieträger taugen, deren Handlungen man trotzdem oft nachvollziehen kann. Stellvertretend ist hier der tatkräftige und aufrechte Anführer Hrutgar zu nennen, der am Ende unter Druck plötzlich eine fatale Fehlentscheidung trifft, nachdem er zuvor mit umsichtigen Entscheidungen seine diskussionsfreudigen Gefolgsleute zusammenhalten konnte. Ähnlich verhält es sich mit dem sympathischen Schlitzohr Yagheer, der irgendwann die Grenze zwischen der Manipulation seines Gegenübers und der eigenen Manipulation durch sein Gegenüber nicht mehr erkennt.
Die Stimmigkeit ist sicherlich auch dadurch bedingt, dass die Autorin Aspekte miteinander verbindet, die sie schon zuvor mit entwickelt hat, z.B. die Rolle des Shinxirkults der Legion (aus den beiden vorherigen Romanen um den „Tanz der Biene“). Zudem fungieren Teile des Romans als Hintergrundgeschichte für das Abenteuer „Friedlos“, ebenfalls aus der Feder von Judith und Christian Vogt. Die Thorwalerdarstellung ist dementsprechend gelungen, wenn die Nordleute zwar mit deutlich mehr Leichtigkeit als ihre Gegner in den Kampf ziehen, die Kämpfe aber verbissen und in klarer Sprache, mit aller verwendeten Härte, beschrieben werden.

IV. Fazit
„Brennen soll Bosparan“ ist ein spannender Roman, der gekonnt die Konfliktsituation des erschlaffenden Großreichs mit entschlossenen Barbaren aufnimmt, die in den Dunklen Zeiten herrscht. Dabei sind vor allem der Feldzug und der Antagonismus der Kriegsführer das dominierende Spannungsmoment, während das Schicksal anderer Figuren etwas zurücksteht.

2 Comments

  1. Danke für deine Rezension.
    Ich liebe die Dunklen Zeiten und finde sie sehr unterschätzt, habe 2 Jahre eine Kampagne 550vBF geleitet und neben einigen anderen Dingen auch die Vasen mit den Quallenwesen thematisiert, die schon in den anderen Romanen angesprochen wurden.
    Mehr DZ!

    Gefällt mir

  2. Pingback: J C Vogt

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