Rezension: Der Andergaster

Vorbemerkung: Die DSA-Produktpalette wird immer breiter, neben dem Kerngeschäft Rollenspiel wagt Ulisses in den letzten Jahren immer wieder Ausflüge in andere Bereiche, wie z.B. mit Aventuria als Kartenspiel oder dem Brettspiel Orkensturm, wobei es sich allerdings nicht um die ersten Versuche in diesen Kategorien handelt. „Der Andergaster“ von Autor Reinhard Kotz und Zeichner Carsten Dörr beschreitet hingegen völlig neue Wege, handelt es sich doch um den ersten offiziellen Comic, der in Aventurien spielt.

In Zahlen:

– DSA-Comic Nr. 1

– 80 Seiten

– Preis: 19,99 Euro

– Erschienen am 13.9. 2017

I. Aufbau und Inhalt

Der Band verfügt über eine Zweiteilung: Die ersten 57 Seiten beinhalten den Comic mit der eigentlichen Geschichte, während die folgenden 22 Seiten zusätzliches Hintergrundmaterial liefern, sowohl auf den Comic als auch auf Aventurien als Handlungsort bezogen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Ritter Leandro von Arvun, der im Auftrag der albernischen Königin Invher ni Bennain auf dem Weg nach Nostria ist, um der dortigen Königin Yolande ein Geschenk zu überreichen. Nachdem er sich mit den beiden Landsknechten Yann und Yoris auf die Reise begeben hat, stellt er schnell fest, dass Nostria aktuell von einem seltsamen Schrecken heimgesucht wird. Ein schwarzer Ritter, überall als sagenhafter „Andergaster“ bekannt, zieht offenbar eine blutige Spur durch das Land und begeht grausame Morde.

Einen wichtigen Verbündeten findet Leandro in dem schlitzohrigen nostrischen Grenzwächter Answin von Orkenwall, der ihn in die Landeshauptstadt begleitet. Dort angekommen erhält Leandro von Königin Yolande den Auftrag, den Andergaster zur Strecke zu bringen. Leandro und Answin beginnen dieses Unterfangen mit umfangreichen Recherchen, die sie allerlei alte Geschichten um den mysteriösen schwarzen Ritter in Erfahrung bringen lassen. Eine interessante Spur scheint zudem die junge Südländerin Sefira zu sein, der der Andergaster offenbar nach dem Leben trachtet. Die Situation spitzt sich zu, als der Außerordentliche Rat von Nostria ein andergast´sches Komplott hinter den Morden vermutet und die Forderungen nach einer Kriegserklärung lauter werden. Diese Verschärfung der Lage bringt die beiden jungen Krieger dazu, die finale Konfrontation mit ihrem Widersacher zu suchen.

Der folgende Anhang setzt zwei unterschiedliche Schwerpunkte: Zunächst ist eine kurze Einführung in Aventurien und DSA vorhanden, um auch Lesern, die mit Rollenspiel und Spielwelt nicht vertraut sind, ein vertiefendes Verständnis zu ermöglichen. Außerdem gewährt ein Making of Einblicke in die Entstehung des Comics, von der Grundidee über die Konzeption bis hin zu den Schritten der konkreten Umsetzung.

II. Figuren

Im Mittelpunkt steht das ungleiche Duo Leandro und Answin. Leandro verkörpert dabei eher den gradlinigen Helden, getragen von dem Ehrgeiz, sich in den Augen seiner Königin zu beweisen, während Answins Charakter als sympathisches Schlitzohr angelegt ist, der von seinem Charme und einer guten Portion Dreistigkeit lebt. Die beiden Landsknechte Yann und Yoris hingegen sind alles andere als geborene Helden, sondern stehen eher stellvertretend für das einfache Volk und sind für die humoristische Note zuständig.

Neben den neu kreierten Hauptfiguren Leandro und Answin sind eine ganze Reihe aventurischer Bekanntheiten vorhanden, allen voran die beiden Königinnen Invher und Yolande. Vor allem letztere wird als junge und unterschätzte Herrscherin hervorgehoben, die versuchen muss, ihre zum Teil ausgesprochen verbissen und wichtigtuerisch agierenden Ratgeber anzuleiten, wobei bei allen die nostrische Sturheit betont wird. Dabei hat auch ein Großteil des nostrisches Hofstaats seinen Auftritt, z.B. die hartgesottene Marschallin Rondriane von Sappenstiel, der die Leichtlebigkeit Answins mehrfach ein Dorn im Auge ist.

III. Kritik

Genau hier liegt auch eine große Stärke des Bandes: Mit der Rollenspielvorlage und insbesondere den Hintergrundbeschreibungen wird sehr sorgsam umgegangen. Wer mit DSA vertraut ist, findet überall viele bekannte Details wieder, wenn viele NSCs ihren Auftritt haben und auch ihr Verhalten ihren teils seit vielen Jahren entwickelten Profilen entspricht.

Auch sonst ist die aventurische Stimmigkeit gelungen umgesetzt, z.B. wenn in den Zeichnungen die Stadt Nostria den Kartenvorlagen entspricht und auch die Atmosphäre des Kleinkönigreichs gut eingefangen wurde, indem Land und Leute sehr bodenständig charakterisiert werden, beherrscht von einer Königin mit begrenzten Mitteln, die Answin auch deshalb beauftragt, weil die schwache Zentralgewalt schnell überfordert ist. Der schwarze Ritter bedient zudem das typische Motiv des Aberglaubens in den eher rückständigen Streitenden Königreichen.

Gerade in diesen Passagen, die das Thema einer Schauergeschichte transportieren sollen, überzeugt der Comic. Die Story ist dabei natürlich von populären Vorbildern inspiriert, v.a. die Parallelen zu Sleepy Hollow sind augenfällig, aber in dieser Hinsicht gibt es wahrlich schlechtere Geschichten als Inspirationsquelle. Stellenweise hätte ich mir allerdings ein paar zusätzliche Erläuterungen gewünscht, vor allem der Hintergrund des Andergasters bleibt mir am Ende zu diffus, auch die Frage nach Bedeutung seiner finalen, rituell wirkenden Handlung wird einfach offengelassen.

Die Geschichte ist sonst weitgehend gradlinig gehalten und orientiert sich an Leandros Reiseweg, wobei dieser im Vergleich zu Answin deutlich weniger an interessantem Profil entwickelt. Sprachlich wirkt mir der Text manchmal etwas zu einfach oder auch sehr salopp, z.B. kann ich mir nicht vorstellen, dass „Mami“ eine passende aventurische Anrede darstellt, dass wirkt mir zu irdisch und modern. An vielen Stellen ist das Umständliche aber verständlich motiviert, so wirken viele Erläuterungen in den Sprachakten der Figuren zwar etwas künstlich, dienen aber letztlich dazu, auch DSA-Anfängern alle notwendigen Sachverhalte zu erläutern, was eben nur teilweise in Randinformationen verpackt wurde, sondern häufig Figuren in den Mund gelegt wird.

Grafisch gefallen mir bei den Zeichnungen vor allem die Hintergründe und die gute Mischung aus kräftigen Tönen und erdfarbenen Bildern für Erzählungen innerhalb der Geschichte, während die Figuren stellenweise etwas gröber gezeichnet sind, wobei umgekehrt das Cover die gruselige Komponente hervorragend umsetzt.

Die Bandpräsentationen mit dem wertigen Hardcover und dem umfangreichen Zusatzmaterial halte ich für äußerst gelungen, z.B. in dem Anliegen, die Hintergrundwelt für DSA-Laien kompakt vorzustellen. Mein Highlight ist hier allerdings das kleine Making of, weil hier einerseits die Bandgenese und andererseits die handwerkliche Machart gut aufgearbeitet wird.

IV. Fazit

„Der Andergaster“ stellt ein gelungenes aventurisches Comic-Debüt dar. Vor allem sorgt die gewissenhafte Recherche für eine überzeugende Darstellung der nostrischen Verhältnisse mit viel lokalem Flair. Die Geschichte ist spannend gestaltet, allerdings ist die Auflösung der Mordserie etwas zu grob gestaltet.

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Rezension: Der Andergaster

Ein Gedanke zu “Rezension: Der Andergaster

  1. Sehr schön, freut mich, dass es Dir genauso wie mir gefallen hat. Ich hoffe, dass noch viele dieses Kleinod entdecken und wir schon bald eine Fortsetzung in Form einer halbwegs regelmäßigen Comic-Reihe erhalten. Gerne auch früher als erst in fünf Jahren…

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