Rezension: Intrigenspiel und Leidenschaft

Vorbemerkung: Der Hauptband des Wege der Vereinigungen-Crowdfundings konnte mich leider nicht überzeugen, wobei dies unter anderem auch an den für mich absurden Regeln liegt. Davon aber grundsätzlich erstmal unbetroffen sind aber der überwiegende Teil der vielen anderen Bände, die ebenfalls im Paket erschienen sind. Intrigenspiel & Leidenschaft ist eine von zwei Abenteueranthologien, wobei schon der Titel den amourösen Schwerpunkt verrät. Für mich ist hierbei die Frage maßgeblich, ob die Abenteuer abseits davon aber auch genügend Spannung beinhalten und auch ganz normal spielbar sind.

In Zahlen:

– 64 Seiten

– 3 Abenteuer

– Preis: 14,99 Euro

– Erschienen am 1.8. 2018

I. Aufbau und Inhalt

Für alle Abenteuer gilt, dass sie zwar durchaus eigenständig sind, allerdings existiert natürlich eine Anbindung an die restlichen Anteile der Spielhilfe, so finden sich mehrfach Regelverweise auf Wege der Vereinigungen. Auch wird in allen Abenteuern Belhanka als Hintergrund verwendet, wozu ergänzend die Stadtbeschreibung aus Kurtisanen & Bordelle benötigt wird, falls man nicht improvisieren will.

Ein Spiel um Macht und Liebe

Hierbei handelt es sich um kein originär neues Abenteuer, sondern um ein bereits 2011 in der Anthologie Maskenspiele und Kabale erschienenes Intrigenszenario von Alex Spohr. Im Kern des Abenteuers steht die anstehende Wahl zum Consilium, dem Stadtrat von Belhanka. Einer der Kandidaten, der wohlhabende Malrizio ya Durindanya, wird Opfer eines Entführungsversuchs, der von den Helden im letzten Moment abgewehrt werden kann. Malrizio vermutet, dass hier weitere Störungsversuche seiner Bewerbung erfolgen werden und heuert seine Retter deshalb an, um ihn zu beschützen. Somit ist es im Folgenden ihre Aufgabe, ihren Auftraggeber einerseits zu beschützen und andererseits herauszufinden, wer hinter den Attacken auf Malrizio steckt. Dazu sind mehrere Recherchewege beschrieben, je nachdem, welche Spuren die Helden verfolgen. In einem anderen Handlungsstrang gilt es, dem Bäckergesellen Amaldo unter die Arme zu greifen, der sich in die für ihn unerreichbare Mythraela verliebt hat, eine Konkurrentin Malrizios bei der Wahl.

Feuer der Leidenschaft

Das zweite Abenteuer nimmt seinen Beginn buchstäblich mit einem Feuer, bei dem die Helden zwei Frauen aus einem brennenden Kurtisanen-Lyceum retten sollen. Schnell offenbart sich, dass die Ursache nicht natürlich war, sondern dass es sich um eine gezielte Brandstiftung handelte. Eines der Opfer, die wohlhabende Sariya, vermutet, dass sich dahinter ein gezielter Anschlag auf ihre Geliebte, die Kurtisane Dominga, verbirgt. Somit engagiert sie ihre Lebensretter als Leibwächter für Dominga. Natürlich ist das Ziel des Abenteuers, die Hintergründe des Anschlags zu ermitteln, wobei die Helden wiederum verschiedene Spuren verfolgen können, die sowohl mit der Vorgeschichte beider Frauen verbunden sind, aber gleichzeitig auch mit den Glaubensgemeinschaften der Stadt. Da sie Dominga auf Schritt und Tritt begleiten sollen, werden verschiedene ihrer Kunden und Ereignisse beschrieben. Dabei kann sowohl eine vorgeschlagene Reihenfolge der Geschehnisse ausgespielt werden als auch eine freie Ereigniskette gebildet werden.

Zeilen, die den Tod bedeuten

In vielen Abenteuern finden sich als amüsante Bonmots kurze Verweise auf die Rapiro Floretti-Romane, in denen der Titelheld kitschige Abenteuer erlebt, die stets mit seinen neuesten Eroberungen in Zusammenhang stehen. Nun jedoch vermischen sich Fiktion und Realität, findet doch in Belhanka eine Mordserie statt, bei der exakte Kopien von Morden aus den Romanen erzeugt werden. Schnell fällt dabei der Verdacht auf den Autor Lessandero Phelean Caldanyeda, der deshalb nun im Kerker schmort. Sein Geschäftspartner, der Drucker Tassilo Graziani, beauftragt die Helden daher, die Mordtaten aufzuklären und möglichst Lessanderos Unschuld zu beweisen.

Die konkrete Recherche lässt sich dann durch Beschreibungen von Lessanderos Behausung und der drei Tatorte ausgestalten. Hier findet man einführend zunächst den betreffenden Textauszug aus einem der Romane mit der literarischen Mordvorlage, dann die Begebenheiten vor Ort, mit möglichen Gesprächspartnern bzw. Funden. Zusätzlich wird natürlich auch der reale Hintergrund, den die Helden erst noch aufklären müssen, erläutert, zudem werden Verdachtsmomente und Verdächtige präsentiert.

II. Kritik

Tatsächlich muss ich direkt feststellen, dass mich diese Anthologie deutlich mehr überzeugen kann, als es beim Hauptband der Fall ist. Allen Abenteuern gemein ist dabei die Anlage als Rechercheabenteuer, mal im Bereich der Intrigen, mal im Kontext von Kriminalfällen. Positiv fällt dabei auf, dass der Schwerpunkt jeweils anders gelegt ist, so dass trotzdem Abwechslungsreichtum gegeben ist. Zudem passt es zum Hintergrund des eher feinsinnigen Belhanka, dass weniger auf Muskelkraft als auf Geistesgaben und Intuition gesetzt werden muss.

Ein Spiel von Macht und Liebe hat die größte politische Komponente und mit der Wahl auch einen gewichtigen Einfluss auf die gesamte Stadt. Die Aufgaben, vor die die Helden gestellt werden, sind vielfältig, da ja auch noch die Geschichte der unmöglichen Liebe aufgrund von Standesunterschieden hinzukommt. Die letztliche Aufklärung ist allerdings nicht sonderlich originell, handelt es sich bei den Urhebern der Anschläge auf Malrizio doch ausgerechnet um die Personen, von denen man es auch am ehesten annehmen würde. Zudem wird die andere Konkurrentin durch die Liebesgeschichte ebenfalls viel zu schnell zu positiv besetzt, um als Antagonistin in Frage zu kommen. Trotzdem ist es inhaltlich ein ansprechendes und abwechslungsreiches Abenteuer.

Was ich einschränkend als etwas enttäuschend bezeichnen muss, ist der Umstand, dass mir hier eindeutig ein Mehrwert im Vergleich zur Originalversion des Abenteuers fehlt. Abgesehen von einer Veränderung der Werte und ein paar kleinen Umformulierungen ist es eigentlich nur ein Neuabdruck. Hier hätte ich mir schon auch inhaltliche Erweiterungen, z.B. in Form zusätzlicher Szenen gewünscht. Bei alten vergriffenen Abenteuern kann ich solche Versionen ja verstehen, Maskenspiele und Kabale, die Originalanthologie, ist aber zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension sogar noch im F-Shop erhältlich.

Feuer der Leidenschaft merkt am deutlichsten die Anbindung an die Spielhilfe an, wird doch die Lebenswelt einer Kurtisane hier besonders greifbar, wenn die Helden sie auf Schritt und Tritt begleiten. Der Hintergrund mit der Verbindung zu Uthuria wirkt etwas überkonstruiert, was auch für die etwas diffuse Personenkonstellation gilt. Zudem wird nicht so recht darauf eingegangen, wie der neue Kult eigentlich auf Sicht der Rahjakirche zu beurteilen ist, ob dessen Anhänger beispielsweise als Frevler bestraft werden müssten. Mit nur zwölf Seiten ist allerdings die Handlung generell sehr skizzenhaft ausgefallen.

Zeilen, die den Tod bedeuten erhält dafür immerhin fast den doppelten Raum an Seiten und stellt für mich auch gleichzeitig das Highlight der Anthologie dar. Das liegt vor allem an der gelungenen Grundidee, die Kitschromane hier handlungstragend in die Mordserie einzubauen, wobei sich die einleitenden Texte dementsprechend herrlich übertrieben-trivial lesen. Die einzelnen Morde und die Hintergründe sind gut ausgearbeitet und mit interessanten Figuren versehen, zudem ist der gesamte Kriminalfall plausibel aufgebaut, was die Motive und die jeweilige Tatdurchführung angeht. Tatsächlich hätte ich aber auch hier gut und gerne ein paar Seiten mehr für ratsam gehalten, ein paar mehr falsche Fährten wären sicherlich nicht verkehrt gewesen.

Positiv finde ich, dass hier die Auflösung offengehalten ist, ohne vorgeplantes großes Finale, zudem ist der Zeitpunkt der Aufklärung nicht vorgegeben, es gibt sogar noch einen optionalen fünften Mord. Kriminalfälle sind im Rollenspiel ja ohnehin immer kniffelig zu konstruieren, was hier dadurch elegant gelöst wurde, dass die ersten drei Morde ja bereits in der Vergangenheit stattgefunden haben und der vierte Mord sich kaum vorhersehen lässt, es sei denn, die Überführung gelingt schon zuvor. Einzig die Plot-gewollte Liebesbeziehung von Elysia zu einem Helden erscheint mir zu erzwungen, was aber den Regeln von Wege der Vereinigungen geschuldet ist, die hier Anwendung erfahren sollen.

III. Fazit

Die Anthologie bietet unterm Strich drei gute Detektivabenteuer, die sich auch jeweils unterschiedlich spielen, obwohl die Aufgaben der Helden ähnlich gestrickt sind. Allen Abenteuern gemein ist allerdings auch der Umstand, dass jeweils ein paar Seiten mehr wünschenswert gewesen wären. Das gilt insbesondere für Ein Spiel um Macht und Liebe, das in der vorliegenden Form keinen echten Mehrwert zum Original bietet. Das Highlight ist für mich eindeutig Zeilen, die den Tod bedeuten, mit der cleveren Einbindung der Rapiro Floretti-Romane.

Bewertung: 4 von 6 Punkten

1 Kommentar

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