Rezension: Dunkles Verlangen

Vorbemerkung: Die Schlagfrequenz, mit der aktuell Band um Band der Romanreihe Das Blut der Castesier veröffentlich wird, ist schon beachtlich. War die Reihe zu Jahresbeginn noch gar nicht angekündigt, ist nun pünktlich zum Jahresende bereits der vierte Band erschienen. Dunkles Verlangen stellt dabei für die drei überlebenden Castesier im Vergleich zu den vorherigen Teilen einen gewissen Wendepunkt dar, lässt Autor Daniel Jödemann doch seine Protagonisten ihren selbstgewählten Zielen ein Stück näher rücken. Weiterhin wird dabei ein opulentes Gemälde der Dunkeln Zeiten gezeichnet, in denen Dekadenz und Machtgier das Handeln der Figuren bestimmt.

In Zahlen:

– 344 Seiten

– 3 Erzählperspektiven

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 6.12. 2019

I. Inhalt und Aufbau

Zwar sind nach wie vor drei Erzählperspektiven vorhanden, auffällig ist allerdings diesmal, dass Sabella etwas in den Hintergrund rückt und die Schilderungen aus der Sicht von Valerius und Lucia mehr Raum einnehmen. Gemeinsam ist den drei Geschwistern, dass sie alle in ihren Plänen vorankommen und Erfolge für sich verbuchen können.

Sabella steht kurz vor ihrer Prüfung, nach der sie endlich als Magierin anerkannt werden wird. Zwar bedeuten ihr Titel vergleichsweise wenig, dieser Schritt soll ihr aber nach den langen Jahren der Ausnutzung durch ihren ehemaligen Lehrmeister Andronicus endlich die angestrebte Unabhängigkeit verschaffen. Allerdings liegen weiterhin die Schatten der Vergangenheit auf ihrer Seele, einerseits in Form der spürbaren Präsenz des Dämons, dem Andronicus sie ausgesetzt hat, andererseits hat sie Visionen von ihrem totgeglaubten Bruder Valerius. Beiden Spuren geht sie nach, wobei sie unter anderem auf das Wissen von Fran-Horas höchstselbst zurückgreifen möchte. Daneben muss sie sich dem Prüfungszeremoniell unterziehen, das sie in Kontakt mit der Akademieleiterin Glaciana bringt, der Frau, die maßgeblich für die Ermordung ihre Familie verantwortlich ist.

Valerius Antrieb ist nach wie vor die Rache für den Tod seiner Geliebten Ariana. Um seinen ausgeklügelten Plan umsetzen zu können, geht er weiterhin im Verborgenen gegen seinen ehemaligen Auftraggeber Tacitus vor. Dazu hat er sich in gleich mehreren Geschäftssparten der Halbwelt ausgebreitet, unter anderem als Buchmacher und Bordelbetreiber. Zu diesem Zweck hat er mittlerweile ein erkleckliches Gefolge um sich geschart, allesamt Personen, die einen ähnlich ungeraden Lebenslauf wie er selbst vorweisen können, allen voran seine rechte Hand, der ehemalige Optio Rufus. Nach wie vor stehen seinem Ziel allerdings einige Hindernisse entgegen, vor allem Amara, Tacitus gnadenlose Leibwächterin und Vollstreckerin.

Lucia hingegen hat sich weitgehend von ihrer alten Existenz als Legionskommandantin verabschiedet und arrangiert sich immer mehr mit ihrem neuen Dasein als Gladiatorin Furia. Nach ihren ersten Siegen ringt sie allerdings weiterhin noch um die Anerkennung der anderen Kämpfer ihres Ludus, die sie noch nicht als eine der ihren akzeptiert haben. Dafür steigt sie in der Gunst ihres Dominus Darius, der sie teilweise sogar als Leibwächterin einsetzt, während er undurchsichtigen Geschäften nachgeht. Auch seine junge Gemahlin Felicita entdeckt ihr Interesse an der Kämpferin, erweist diese sich doch für sie, die sich durch ihre arrangierte Ehe mit Darius von Bosparan nach Belenas als abgeschoben empfindet, als eine gute Ratgeberin. In der Arena steht Lucia allerdings noch im Schatten von Rekker, dem Hjaldinger, der als Primus die Gladiatorenriege von Darius anführt.

II. Figuren

Besonders die Figurenriege um Valerius wächst immer stärker an, schart er doch systematisch andere Ausgestoßene um sich, die zwar einerseits Handlanger bei seinem Racheplan sind, andererseits aber auch mehr und mehr zu einer Art Ersatzfamilie für ihn werden. Bei seinem engsten Vertrauten Rufus ziehen hingegen dunklere Wolken auf, kommt bei ihm doch immer mehr das Schwermütige zum Vorschein, gerade auch in Situationen, die von Gewalt und Verlust geprägt sind.

Auch Lucia versucht immer mehr, sich mit den Personen ihrer Umgebung zu arrangieren, neben Darius und Felicita, in deren Ansehen sie steigt, wird spürbar, dass Rekker eine Schlüsselfigur unter den Gladiatoren ist. Gewinnt sie sein Vertrauen, folgen ihm auch die übrigen ihrer Kampfgefährten. Erschwert wird ihre Situation durch das plötzliche Auftauchen von Flavius in Belenas, der Mann, dem sie ihre jetzige Situation überhaupt verdankt und der sie als Lucia identifizieren kann.

Sabella hingegen bleibt weitgehend eine Einzelgängerin, die den Personen ihres Umfeldes misstrauisch begegnet, kennt sie doch nur das Gefühl, von Menschen wie Andronicus oder Arcavia als Schachfigur missbraucht zu werden. In der vorliegenden Handlungsepisode ist sie allerdings gezwungen, sich mit Glaciana auseinanderzusetzen, da diese als Prüferin für sie verantwortlich ist.

III. Kritik

Man verspürt deutlich, dass die zweite Hälfte der Romanreihe angebrochen ist: Nach den Rückschlägen der vorherigen Bände verschaffen sich alle drei Protagonisten nunmehr eine Position, in der sie sich ein gewisses Prestige erarbeitet haben bzw. nicht nur auf ihre Umwelt reagieren müssen, sondern eigene Handlungsfähigkeit erlangen.

Allen voran ist dabei Valerius zu nennen, der sicherlich die größte Entwicklung vollzieht, vom leichtlebigen Dieb, der in der Vergangenheit völlig naiv agiert hat, hin zum kalkulierenden Rächer, der Schritt für Schritt seinen Masterplan verfolgt. Dabei wächst er auch als Person, wird er doch schleichend zu einer Art Familienoberhaupt für den engen Zirkel seiner Vertrauten. Nach wie vor muss er dabei feststellen, dass seine Handlungen sich auf seine Freunde auswirken, was bis zum Verlust ihres Lebens gehen kann. Diese Metamorphose halte ich für sehr gelungen, aus meiner Sicht ist Valerius, der mir anfangs viel zu glatt und klischeehaft war, mittlerweile der interessanteste Protagonist geworden. Gerade einzelnen Etappen seines Planes zu verfolgen, bei denen sich neben Erfolgen auch immer wieder Rückschläge einstellen, zählt zu den stärksten Momenten von Dunkles Verlangen.

Etwas schade ist, dass dafür umgekehrt Sabella ein wenig in den Hintergrund rückt und ihre Entwicklung im vierten Band weniger intensiv begleitet wird. Einige Szenen zeigen dabei aber immer wieder, was für ein erzählerisches Potential in ihrer unterkühlten Persönlichkeit liegt. Beispielhaft dafür steht das gelungenste Kapitel des Romans, in dem sie heimlich in die Bibliothek der Akademie eindringt und sich plötzlich in einer Verhandlung mit einem Wächterdämon befindet, der sie dabei ertappt. Das ist so weit von gängigen Erzählmustern im Stile von Harry Potter entfernt, dass dieser Gegenentwurf einer Identifikationsfigur weiterhin etwas sehr Erfrischendes hat, nach wie vor ist für mich noch nicht absehbar, ob sie ihren eigenen (inneren und äußeren) Dämonen unterlegen wird oder ob doch noch ein guter Kern in ihr vorhanden ist.

Nach wie vor weniger fesselnd ist für mich der Werdegang Lucias. Zwar ist ihr Alltag als Gladiatorin natürlich mit viel Action und Spannung verbunden, trotzdem erscheint hier vieles zu vorhersehbar, vor allem was Konstellation und Ausgang ihrer Arenakämpfe angeht. Bei ihr fehlt – anders als bei ihren Geschwistern – auch der Eigenantrieb, letztlich folgt sie nur den Umständen ihrer Unfreiheit, ihr Dasein ist im Wesentlichen auf den Überlebenskampf fixiert. Beispielsweise erscheint es mir nicht glaubhaft, dass die Anwesenheit von Flavius, der aus ihrer Sicht immerhin für den Tod ihres Sohnes verantwortlich ist, bei ihr im Prinzip kaum einen Gedanken an eine Möglichkeit zur Rache erzeugt.

Nach wie vor wird insgesamt die Atmosphäre der Dunklen Zeiten gut getroffen. Aventurien ist eine weit weniger freundliche Welt als in der Gegenwart. Zwar existieren durchaus Werte wie Freundschaft und Loyalität, trotzdem leben alle drei Geschwister in einem Umfeld, das für sie jederzeit bedrohlich ist. Sabellas Akademie setzt sich mit Tod und Untoten auseinander, wobei anscheinend die Beschaffung von Leichen auf kriminelle Weise geschieht. Lucia lebt als Gladiatorin mit der steten Gewissheit, dass nur Siege ihr Überleben sichern und Valerius macht sich in Unterweltkreisen einen Namen, in denen ein Leben wenig wert ist und ständig Morde geschehen. Alle drei Geschwister bewegen sich dabei moralisch aus Leserperspektive außerhalb normaler Vorstellungen, töten sie doch alle zur Erreichung ihrer Zwecke bzw. gegeben Tötungen in Auftrag. Trotzdem gelingt es gerade im Fall von Valerius mehr und mehr, ihn zu einem Sympathieträger aufzubauen, auch Lucia hat kaum eine andere Wahl und ist deutlich nahbarer geworden als zu ihrer Zeit als Legionskommandantin, die Menschen ihrer Umgebung sind nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern bedeuten ihr etwas. Lediglich Sabella behält ihre Gefühlskälte bei, was aber einen guten Kontrast zu ihren Geschwistern darstellt.

IV. Fazit

Dunkles Verlangen ist ein gelungener Roman, der sichtlich Fortschritt in die Gesamtentwicklung bringt, weil die vom Schicksal geplagten Geschwister einige ihrer Ziele erreichen und damit auch mehr persönliche Handlungsfreiheit erlangen. Vor allem Valerius schart dabei immer mehr Verbündete um sich und wird so schlagkräftiger, auch weil ihm echte Loyalität entgegengebracht wird. Lucia feiert Erfolge in der Arena und entdeckt, dass sie erstmals mehr fühlt für die Menschen in ihrer Schicksalsgemeinschaft. Sabellas Handlungsstrang rückt etwas in den Hintergrund, aber auch sie kommt ihrem großen Ziel der Unabhängigkeit näher.

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