Rezension: Aventurisches Götterwirken II

Vorbemerkung: Eine der wichtigen Neuerscheinungen des Jahres 2019 habe ich in meinem Jahresrückblick nicht berücksichtigen, weshalb ich dieses Versäumnis nunmehr beseitigen möchte. Das Aventurische Götterwirken II erschien eigentlich schon Ende des vergangenen Jahres, ist allerdings wie der erste Band ein ziemlich seitenstarker Wälzer, der sich eben nicht mal eben zwischendurch besprechen lässt. Anders als im Vorgänger liegt der Fokus nicht auf dem traditionellen Pantheon der Zwölfe, sondern auf den Dienern anderer Götter, zudem ist vor allem schamanisches Wirken ein Schwerpunkt.

In Zahlen:

– 240 Seiten

– Preis: 39,95 Euro

– erschienen am 28.11. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt zunächst mit Geweihten-Traditionen, d.h. mit einer Vorstellung des Aufbaus einer Kirche bzw. einer Glaubensrichtung, wozu Moralkodex, Aspekte, Bräuche, Kirchenränge und Zeremonialgegenstände (die Sonderfertigkeiten ermöglichen) gehören. Insgesamt werden 10 Traditionen berücksichtigt, die Glaubensgemeinschaften von Angrosch, Levthan, Marbo und Rur und Gror, sowie die Schamanen der Ferkina, Fjarninger, Gjalsker, Moha, Nivesen und Trollzacker.

Im Kapitel zu den Liturgieerweiterungen werden zunächst die Talismane der Kirchen beschrieben, also besondere Gegenstände der einzelnen Glaubensgemeinschaften, wobei hier wiederum der Großteil auf die Zwölfe entfällt. Kurz wird zudem auf Kirchenprägungen (Pragmatismus, Mysterienkult, traditionelle Denkrichtung und moderne Sichtweise) eigegangen. Für die neuen Glaubensgemeinschaften sind außerdem einige Liturgiestile vorhanden. Für die Schamanen wird auch die Herbeirufung von Geistern erläutert.

Die Kapitel zu den Sonderfertigkeiten und Liturgien erweitern die Möglichkeiten der Geweihten und Schamanen erheblich, wobei hier natürlich auch die regeltechnische Umsetzung ausgeführt wird, auch um zusätzliche Regelelemente ergänzt, z.B. um die Werte von Tieren, da viele Schamanen/Geweihte über eine Verwandlungsfähigkeit verfügen.

Die Professionen stellen Geweihte, Schamanen und auch denkbare Laienprofessionen der einzelnen Glaubensrichtung vor. Auf je einer Seite gibt es einen Beschreibungstext, der die typische Lebensweise der Mitglieder dieser Gemeinschaft aufschlüsselt. Dazu sind zwei Kästen vorhanden, wobei einer kurz Ausrüstung und Tracht beschreibt und einer das Professionspaket mit allen notwendigen Regelangaben enthält.

Mehr Raum erhalten die insgesamt 8 Archetypen. Hier werden Charaktere auf einer Doppelseite dezidiert mit einer individuellen Hintergrundgeschichte versehen, dazu gibt es noch Anmerkungen dazu, wie man diesen Helden/diese Heldin im Spiel einsetzen kann. Auch hier ist ein Wertekasten enthalten, mit dem die Figur direkt spielbar ist. Wie üblich sind die Hintergrundgeschichten so miteinander verknüpft, so dass sie ein gemeinsames Erlebnis schildern, wobei es diesmal um einen geheimnisvollen schwarzen Kristall geht, von dem großes Bedrohungspotential ausgeht.

Eine Besonderheit des Bandes stellt der über 60seitige Anhang dar, der alle Hintergründe und Regeln beinhalten soll, die man als zusätzliche Informationen benötigt, um die vorgestellten Professionen verwenden zu können. So erhalten die Geweihten neue Kampfsonderfertigkeiten und Kampfstilsonderfertigkeiten und neue Ausrüstungsgegenstände. Für die Marbo-Anhänger wird auf Aspekte des Vampirismus eingegangen, wozu auch viele Regeln gehören. Für Beschwörungen und Anrufungen sind einige Kreaturen vorhanden, vor allem Dschinne und Geister, aber auch gewöhnliche Tierwesen. Gerade die Schamanen bedingen, dass viele exotische Kulturen enthalten sind. Zu diesem Zweck sind auch Kulturbeschreibungen der Ferkinas enthalten, dazu wird ausführlich auf den Hadjinim-Orden, die Beni Uchakani, die Tarisharim, die Al´Drakorhim und die Sahabiyat al´Qamar eingegangen. Der Band schließt mit einem Schlagwortindex.

II. Kritik

Sehr positiv ist Aventurisches Götterwirken II anzurechnen, dass das Spektrum an spielbaren Professionen massiv erweitert wird und vor allem ein Schwerpunkt auf eher exotischen Figuren gelegt wird, was vor allem die vielen Schamanen betrifft. Teilweise unterscheiden sich die beinhalteten Figurenkonzepte erheblich von den bislang vorhandenen, was beispielsweise für die Marbiden gilt, die in ihrer Anlage mit vampiristischen Tendenzen sehr ambivalent erscheinen. Gerade die Kapitel mit den Professionen und den Archetypen bieten enorm viele Charakterkonzepte, auch in einer Bandbreite von Ordensmitgliedern, die sich den Zwölfen zugehörig fühlen, über die Schamanen bis hin zu einigen Laienprofessionen.  Generell wird mit dieser Vielfalt eine der Stärken von Aventurien betont, zumal es sich aus meiner Sicht auch durchweg um interessante Konzepte handelt, die wenig mit dem üblichen Zuckerbäckerklischee gemein haben. Selbstverständlich gibt es aber deutlich erkennbare Unterschiede, wie einfach oder schwer die Integration einer Figur in eine Heldengruppe zu gewährleisten ist, handelt es sich ja oft um Charaktere, die an einen bestimmten Kodex gebunden sind, der sich nicht immer konfliktfrei mit dem Handeln einer Gruppe von Abenteurern verbinden lässt.

Sehr interessant erscheint mir zudem der längere Abschnitt über die Talismane der verschiedenen Kirchen, die als besondere Gegenstände verfügbar gemacht werden und zumeist das Potential haben, ein Geschehen stark zu beeinflussen. Zudem sind es keine alltäglichen Ritualgegenstände, womit sie allein schon den Mittelpunkt eines Abenteuers darstellen können, immerhin dürften sie Sterblichen nicht ohne weiteres anvertraut werden.

In der Stilistik des Bandes bin ich nach wie vor kein ausgesprochener Anhänger der Konzepte für die Regelerweiterungsbände zu Magie und Götterwirken. Auch hier ist mir – gerade in dem ersten Kapitel zu den Traditionen – die Hintergrundausgestaltung viel zu sehr in den Hintergrund gerückt, werden die einzelnen Glaubensausrichtungen doch sehr nüchtern und stichwortartig geschildert. Das allein in die Vademeci auszulagern, halte ich für keine sinnvolle Idee, Einsteigern fehlt hier sicherlich viel Kontext.

Zudem bedingt nach wie vor die Grundvoraussetzung der Spielbarkeit allein in Verbindung mit dem Basisregelwerk wieder enorm viel Auslagerung von ergänzenden Fakten, was in einen extrem langen Anhang mündet. Die hier enthaltenen Informationen, vor allem im Bereich der Kulturvorstellungen, sind zwar sehr interessant, aber aus meiner Sicht sorgt das für immer mehr Zersplitterung von Regeln und Hintergrundinformationen auf immer mehr Bände. Das bringt weiterhin jede Menge Wiederholungen mit sich, nicht wenige Textanteile sind auch schon aus anderen Publikationen bekannt. Ohnehin existiert wiederhin das Problem, dass die Verteilung der Informationen auf so viele Bände dafür sorgt, dass sie sich als reine Nachschlagewerke (oder gar zum Mitführen zu einer auswärtigen Spielrunde) kaum eigenen, muss man doch oft zunächst erstmal ermitteln, in welchem Band was zu finden ist.

Das ist natürliche eher eine Kritik am allgemeinen Bandkonzept, weniger am Aventurischen Götterwirken II selbst. Allerdings bin ich auch innerhalb des Bandes der Meinung, dass sich bestimmte Textelemente viel zu sehr wiederholen. Beispielsweise sind im Kapitel zu den Traditionen auch Zeremonialgegenstände vorhanden. Schamanen haben dabei eine Knochenkeule zugedacht bekommen. Weil es aber 6 unterschiedliche Schamanen gibt, wird dabei gleich 6x quasi wortgleich die sogenannte Keulenweihe beschrieben. Gleiches gilt auch für einige Liturgien und Zeremonien, z.B. die Anrufung von Elementarwesen. Auch hier ist die Liturgie Diener der Erde/Flammen/Kälte etc. quasi identisch. Letztlich ist das aus meiner Sicht keine effiziente Seitenausnutzung.

III. Fazit

Aventurisches Götterwirken II erweitert die Bandbreite an spielbaren Charakteren um ein sehr breites Spektrum, vor allem ist es der Verdienst den Bandes, den Fokus auf Figuren zu legen, die abseits der herkömmlichen Konzepte liegen, vor allem die Schamanen als Mitglieder von eher kleineren Kulturgemeinschaften sind sicherlich eine Bereicherung. Nach wie vor sehe ich aber konzeptionelle Probleme, die in erster Linie viele Wiederholungen erzeugen und die Nutzbarkeit als Nachschlagewerk einschränken. Wie üblich bei Regelpublikationen verzichte ich auf eine Punktewertung.

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