Reingeschaut: Hinter der Maske des Meisters

Vorbemerkung: Gerade angesichts der Jubiläen der vergangenen Jahre wird einem immer bewusster, wie alt DSA mittlerweile ist. Das bedingt nicht nur eine immense Fülle an Material und Inhalten, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind, sondern natürlich auch eine ereignisreiche Produktionsgeschichte, die hinter dem Spiel steht. Genau diesem Aspekt widmet sich die 7teilige Dokureihe von Orkenspalter TV (in Zusammenarbeit mit Ulisses Spiele) mit dem Titel Hinter der Maske des Meisters, in der viele prägende Personen zu Wort kommen und in Schlaglichtern einige besondere Phasen der DSA-Geschichte beleuchten. Als jemand, der schon sehr lange mit DSA vertraut ist, konnte ich mir das selbstredend nicht entgehen lassen und möchte die Doku im Folgenden ein wenig Revue passieren lassen. Da es sich mit einer Videodoku allerdings um etwas handelt, was außerhalb meiner üblichen Kernkompetenz steht, handelt es sich eindeutig nicht um eine Rezension, sondern eher um eine Sammlung von persönlichen Eindrücken, die auch nicht in jedes Detail gehen sollen.

Inhalt und Aufbau

Um das Thema des Rollenspiels aufzunehmen, wurde der Doku auch ein ebensolcher Rahmen gegeben, indem Mhaire Stritter eine fiktive Rollenspielgruppe leitet, in der die Spieler die „Gründerväter“ Aventuriens Ulrich Kiesow, Werner Fuchs und Hans-Joachim Alpers verkörpern. Der größte Teil besteht aber aus einer Vielzahl von Interviewschnipseln mit unterschiedlichen Gesprächspartnern. Dabei handelt es sich vor allem um eine Reihe von AutorInnen, die unterschiedliche Phasen gestaltet haben, wobei Werner Fuchs als letzter Überlebender des Schöpfertrios die ersten Schritte schildert. Zusätzlich kommen aber u.a. auch Hadmar von Wieser und Tom Finn (u.a. mit einem Fokus auf die G7 als die zentrale Kampagne), Bernhard Hennen (der natürlich u.a. von der Phileasson-Kampagne berichtet), Thomas Römer und Lena Falkenhagen zu Wort. Alle beschreiben dabei vor allem die vergleichsweise unkonventionelle und eher unstrukturierte und unkoordinierte Arbeitsweise der 80er und 90er Jahre. Natürlich werden aber auch spätere Phasen berücksichtigt, so kommt auch Ulisses-Chef Markus Plötz zu Wort. Wolfgang Hohlbein trägt als eher Außenstehender vor allem die Entstehung seines „Beitrags“ zur Romanumsetzung von Das Jahr des Greifen bei.

Jede Folge hat einen anderen Schwerpunkt, neben der Gründungszeit werden u.a. auch die Fans als wesentlicher Faktor beschreiben, dazu aber auch andere Aspekte neben dem Rollenspiel beleuchtet, wie LARP-Aktivitäten oder Computerspiele, die wesentlich zu einem großen Bekanntheitsgrad von DSA beigetragen haben. Zu diesen Bereichen kommen demzufolge auch Fans Wort, sowie beispielhaft die Macher der Daedalic-Spiele. Insgesamt liegt ein sehr deutlicher Schwerpunkt auf der Anfangszeit von DSA, gerade die ersten drei Folgen konzentrieren sich sehr stark auf die Erschaffung der Spielwelt und deren Umstände sowie die ersten Jahre, dazu wird vor allem die Arbeitsweise unter der inhaltlichen Leitung von Ulrich Kiesow bis zu dessen Tod von seinen WeggefährtInnen beleuchtet. Die Entstehung einzelner Regeleditionen ist nur teilweise ein Thema, gleiches gilt für die anderen Kontinente, wobei Myranor und Tharun aber Erwähnung finden. Zusätzlich zu den Interviews bestehen die Füllung der einzelnen Episoden auch aus viel Bildmaterial (z.B. Cover- und Illustrationsbeispiele der besprochenen Bände), alten Fotos (gerade für die ersten Jahre existieren anscheinend wenige bewegte Bilder) und Filmsequenzen. Die Folgen haben eine Länge von 20-35 Minuten, es soll aber auch noch ein Zusammenschnitt der Gesamtfolgen erscheinen.

Eindruck    

Ein Lob möchte ich den Machern gleich eingangs aussprechen: In den vergangenen Wochen habe ich mich sehr über die wöchentliche Fortsetzung der Reihe gefreut und fand die einzelnen Episoden durchweg sehr unterhaltsam, selbst dann, wenn Themen (wie z.B. der LARP-Bereich) im Fokus standen, die ich sonst eher uninteressant finde.

Die große Stärke liegt dabei eindeutig in den vielen Interviewschnipseln. Gerade den AutorInnen merkt man durchweg an, dass sie aus der Erzählbranche stammen, sie sind dankbare Gesprächspartner, die bereitwillig interessante Fakten und Anekdoten aus ihrer jeweilen DSA-Schaffensphase zum Besten geben. Wer in den vergangenen Jahren bei Orkenspalter oder auch anderen Quellen (z.B. den hervorragenden Interviews im Escapodcast) reingeschaut hat, der wird sicherlich viel Altbekanntes gehört haben, nicht wenig ist schon vorher erzählt worden und viel Material ist offensichtlich auch nicht originär für die Doku entstanden, sondern wurde auch schon einmal verwendet. Allerdings ist die Zusammenstellung gelungen, gerade über die Zeit von der Entstehung von DSA bis zum Tod von Ulrich Kiesow wird man umfassend informiert. Dabei erfährt man durch die Distanz der Beteiligten zu den damaligen Ereignissen auch viel unverblümte Offenheit, z.B. wenn einhellig betont wird, dass eine durchgehende Publikationsstrategie lange nicht existent war (z.B. bis zum Extrem, dass dem Verlag einfach Abenteuertitel genannt wurden, zu denen keinerlei inhaltliche Planung bestand und die dann vom jeweiligen Autor vorgenommen wurde) oder wenn Wolfgang Hohlbein schildert, dass sein Name bei den Romanen zu Das Jahr des Greifen nur auf dem Cover steht, um die Bände damals bei einem Verlag zu platzieren und sein Beitrag in einigen Anmerkungen zum Text von Bernhard Hennen besteht (der dies angesichts seiner positiv verlaufenen Schriftstellerkarriere sehr gut verkraften kann). Ein Highlight dieser Kategorie ist zudem aus meiner Sicht eindeutig das offene Eingeständnis von Werner Fuchs, dass bei neue Regeleditionen der finanzielle Aspekt die zentrale Rolle spielt.

Positiv ist auch der Versuch, eine thematische Vielfalt zu bieten, indem viele andere Themenkomplexe aufgegriffen werden, z.B. ein Blick auf die Fanbasis und wie diese sich eingebracht hat oder die Bedeutung der Computerspiele. Allerdings ist das tatsächlich der Bereich, in dem mir eine etwas andere Konzeption gewünscht hätte, z.B. indem etwas mehr die Chronologie berücksichtigt wird, schließlich geht die DSA-Produktionsgeschichte ja auch in den 2000ern weiter, was allerdings etwas kurz kommt. So wäre sicherlich die Tendenz hin zu mehr Detailfülle (die vor allem von Thomas Römer zwar kurz aufgegriffen wird, aber eher kurz abgehandelt wird, obwohl es sich ja um einen stilprägenden Wandel handelt) ein wichtiger Aspekt gewesen, aber sicherlich auch Brüche und Kontroversen um die Arbeit hinter den Kulissen, was sich in einem großen Wechsel der Redaktion zum Wechsel des letzten Jahrzehnts manifestiert hat. Genauso wäre aus meiner Sicht gerade im Fall von Myranor auch die Arbeit des Uhrwerk-Verlags durchaus erwähnenswert gewesen. Sicherlich ist das angesichts der Länge, die die Doku auch so schon hat, eine Frage der Konzeption, hier hätte ich mir aber eine Verlagerung der Schwerpunkte gewünscht, so dass im Resultat die ersten knapp 15 Jahre deutlich überproportional im Vergleich zur Zeit seit der Jahrtausendwende berücksichtigt werden, was aus meiner Sicht viele interessante Episoden der Produktionsgeschichte ausblendet, wozu es sicher auch Gesprächspartner gegeben hätte. Gleiches gilt für die Darstellung der Fanbasis, die zwar in mehreren Stellen positiv erwähnt wird, aber schon mit einem Schwerpunkt auf dem LARP-Bereich, während vieles andere unterwähnt bleibt, was gerade an kreativem Input vorhanden ist, Foren kommen sogar vergleichsweise negativ weg, was ich ein wenig unausgewogen finde.

Das sind allerdings sicherlich auch Fragen, die mit der Schwerpunktsetzung zu tun haben, was natürlich auch mit dem vorhandenen Material verbunden ist. Immerhin handelt es sich um eine kostenfreie Produktion, mit der kaum Geld verdient werden dürfte. Somit ist es auch verständlich, viel auf schon vorhandenes Material zurückzugreifen. Etwas unglücklich empfinde ich dagegen die Entscheidung, einen Rahmen durch die fiktive Spielrunde zu setzen. Diese Szenen wirken doch sehr gekünstelt und stellen in meiner Wahrnehmung auch kaum einen Mehrwert dar, wobei ohnehin auffällt, dass diese Idee nicht konsequent verfolgt wurde, nach einigen Szenen in der ersten Episode wird nur noch sehr selten darauf zurückgegriffen.

Fazit

Hinter der Maske des Meisters ist eine sehr kurzweilige und interessante Dokumentation über die Geschichte von DSA. Während die jüngere Vergangenheit dabei für meinen Geschmack etwas zu kurz kommt, wird vor allem die Entstehungszeit sehr anschaulich dargestellt, was vor allem von den vielen ZeitzeugInnen getragen wird, die die Interviews mit einer Mischung aus Fakten, Anekdoten und auch vielen sehr ehrlichen Anmerkungen ausgestalten. Man merkt, dass hier das Resultat von vielen Jahren Tätigkeit im DSA-Bereich vorliegt, wobei auch positiv hervorgehoben werden sollte, dass darauf verzichtet wurde, die Doku kommerziell zu verwerten, sondern diese kostenfrei anzusehen ist.

3 Kommentare

  1. Danke für den Artikel Engor, ich gebe zu ich habe nicht alle Folgen gesehen, nur drei und ich werde mir die anderen wohl auch nicht ansehen, aus einigen Gründen die hier auch zu lesen sind. Meinem Eindruck nach kommt die Fanbase auch eher schlecht weg, klar als Forenbetreiberin stößt es mir natürlich auch sauer auf was ich dazu gehört habe. Die Vielfalt der Szene kommt gar nicht gut heraus finde ich. Kurze Frage von mir: Wird die Wiki Aventurica eigentlich irgendwo erwähnt?
    Liebe Grüße,
    Fenia 🙂

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    1. Ja, Foren bzw. Internetprojekte werden da in nur einem O-Ton berücksichtigt, der eher negativ ist, das stellt sicher nicht die Vielfalt war. Das Wiki wird nicht erwähnt, allerdings wird ohnehin kein konkretes Projekt genannt, auch Orkenspalter selber nicht. Das halte ich da aber für nachvollziehbar, weil es generell ja nur um eine sehr allgemeine DSA-Rückschau geht. Es werden beispielsweise auch unter den offiziellen Sachen kaum Abenteuer oder Spielhilfen genannt, das war schlichtweg nicht das Konzept der Doku, in große inhaltliche Details zu gehen.

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  2. Hallöle, ich bin sonst stiller Leser deiner Artikel, hier will ich aber ein paar Punkte ergänzen.
    -das auf die jüngere Vergangenheit (Redationsumstrukturierung etc.) nicht eingegangen wurde liegt daran, dass diese Ereignisse noch nicht weit genug in der Vergangenheit liegen. Auch hat Orkenspalter und Ulissen wohl Inhaltliche Differenzen und das ist dann natürlich schwierig objektiv darzustellen. Das wurde mir zumindest so auf Youtube von den Orkenspalter gesagt. Ich kann die Entscheidung auch irgendwie nachvollziehen.
    -ich möchte sagen, dass ich Werners Kommentar zu den Regeleditionen ein bisschen übertrieben fand. Zwischen den Editionen liegt doch teils ein starker Unterschied. Wäre DSA 4 nicht gewesen würden wir z.B. immernoch mit einem zufälligen Steigerungssystem rumlaufen. Die Notwendigkeit der Regeleditionen sehe ich deswegen schon. Ob die Editionen gelungen sind (z. B. DSA 5) steht aber natürlich auf einem anderen Blatt. (ich finde „ja“ aber das ist natürlich Geschmackssache).
    -ich persönlich empfand nicht, dass Onlineprojekte wie Foren und das Wiki so schlecht weggekommen sind. Ja Lena Falkenhagen (korrigiert mich wenn ich falsch liege) erzählte eine negative Geschichte aber sonst fiel mir nur die Nonexistenz von Abschnitten dazu auf. Das so wichtige Dinge wie das Wiki aber nicht erwähnt wurde ist zwar schade aber ich würde das nicht als negativen Punkt anmerken.

    Zusammenfassend fand ich die Dokureihe sehr gut auch wenn mir manche DSA Urväter ein bisschen unsympathisch geworden sind 😉

    LG Eloquent

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