Rezension: Charypto Rex

Vorbemerkung: Neben den offiziellen Publikationen bemühe ich mich, immer auch einen Blick auf inoffizielle Veröffentlichungen zu tätigen. Durch den geschätzten Kai Frerich bin ich dabei auf das Abenteuer Charypto Rex gestoßen, das in der Tradition von trashigen Monsterfilmen stehen soll. Da zudem der Autor mit Rafael Knop auch noch jemand ist, der auch schon eine Reihe von guten DSA-Abenteuern geschrieben hat, war mein Interesse tatsächlich geweckt, so dass ich im Folgenden meine Eindrücke zusammenfassen möchte.

In Zahlen:

– 32 Seiten

– Preis: 4 Euro (downloadbar im Scriptorium Aventuris)

– Erschienen am 20.11. 2020

I. Aufbau und Inhalt

Das Abenteuer weist schon in den einleitenden Bemerkungen darauf hin, dass der Inhalt nicht ganz so ernst genommen werden sollte und dass Railroading häufig als klares Steuerungsmittel verwendet wird, auch um den Trashfaktor der filmischen Vorlagen einzufangen, in denen die ProtagonistInnen ja oft genug von einer haarsträubenden Situation in die nächste geraten. Demnach erfolgt ein Aufbau mit einer sehr klaren Chronologie, in der vieles sehr szenisch strukturiert wird, meist eingeleitet durch Vorlesetexte, die immer neue dramatische Wendungen beinhalten.   

Das Abenteuer beginnt mit einer Schilderung der Vorgeschichte, in der die Forscherin Babesca ya Lysuma im Mittelpunkt steht, da sie fast fluchgleich auf ihren jüngeren Reisen immer wieder mit seltsamen Monstren konfrontiert wurde, die es fast auf sie abgesehen zu haben scheinen. Genau diese Dottora ist es auch, die im Einstieg des Abenteuers in Al´Anfa auf die Heldengruppe aufmerksam wird, wozu mehrere Situationen angegeben sind, in denen es gelingen kann, ihre Gunst zu erwerben. Auf eine Einladung zu einem Fest in einer Grandenvilla erfolgt die Anwerbung zu einer Expedition zu den Waldinseln, wobei sie als Leibwachen für Babesca fungieren sollen. Diese Fahrt auf einer Galeere endet allerdings fatal, da nach einem Piratenüberfall nur die Flucht ins Wasser übrigbleibt, was letztlich dazu führt, dass sie auf einer Insel stranden.

Ab diesem Moment beginnt eine wilde Achterbahnfahrt, in der die Gruppe einerseits zwischen die Intrigen der Anführer der dort lebenden Utulus gerät und andererseits zwischen die Fronten einer Riesenschlange und – noch fataler- dem titelgebenden Ungeheuer, das nach der ersten Begegnung fortan Jagd auf sich machen wird und sich als fast unmöglich zu bezwingen erweist. Aber auch hier bietet das Abenteuer einen Ausweg, allerdings müssen die HeldInnen sich ein weiteres Mal in große Gefahr begeben, um sich Mittel zu verschaffen, dem Biest den Garaus zu machen. Dieser Teil des Geschehens hat den Charakter eines Dungeonabenteuers, wozu Karten von jeder Dungeonebene existieren sowie kurze Beschreibungen den Inneren. Zuletzt steht natürlich ein großes und effektreiches Finale an, in dem es notwendig ist, alle Ressourcen einzusetzen, die man bis dahin gewonnen hat, was sowohl Ausrüstung als auch potentielle Verbündete betrifft.

II. Figuren

Die bestimmende Figur ist mit Sicherheit Babesca ya Lysuma, die eine Art Mischung aus Indiana Jones und James Bond darstellt, freilich aber nur in dem Talent des Ersteren, überall in abenteuerliche Schlammassel zu stolpern und große Zerstörung zu hinterlassen und dem Hang zu oberflächlichen amourösen Verwicklungen des Letzteren. Die meisten handfesten Tätigkeiten überlässt sie der Heldengruppe, die sie ja genau dafür angeheuert hat (und zu ihrer persönlichen Unterhaltung).

Neben ihr sind vor allem die drei Oberhäupter der Ultulus dominante Faktoren: Aya-Sira, die örtliche Prinzessin, ihr Bruder Ishu-Take und der Priester Yaz-Kayate ringen um die Macht auf der Insel und schrecken auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurück.

Der eigentliche Star des Abenteuers ist aber der titelgebende Charypto Rex. Mit ihm findet Interaktion aber nur eingeschränkt statt, handelt es sich doch letztlich um eine furchteinflößende Bestie, die allerdings für die Spielercharaktere eine extreme Herausforderung darstellen dürfte,

III. Kritik  

Sicherlich muss man hier auf eine gewisse Geschmacksfrage hinweisen: Charypto Rex wird wahrscheinlich nicht jeden Geschmack treffen: Wer ein ausgiebiges Charakterdrama mit vielschichtigen Figuren erwartet, der wird hier sicherlich nicht fündig werden. Eher sollte man eine gewisse Begeisterung für die schon angesprochen Trash- und Actionfilme haben. RollenspielerInnen mit einer allzu großen Aversion gegen Railroading werden zudem ein ordentliches Maß an Leidensfähigkeit mitbringen müssen.

Das Abenteuer orientiert sich bewusst an Leitlinien, die eher den 80er Jahren entsprechen. Dementsprechend sollte man auch ein teils eher unkorrektes Verhalten der Figuren einkalkulieren. So agiert Babesca (getreu ihres Namens) oft eher irrational, indem sie selbst in größter Gefahr den eigenen Hedonismus in den Mittelpunkt stellt. Immerhin findet hier aber eine geschickte Geschlechterumdrehung statt, indem sie und auch Aya-Sira im Abenteuer eher Rollen einnehmen, die in einem Film der damaligen Zeit eher Männer erhalten hätten und die ein dementsprechend besitzergreifendes Verhalten imitieren. Hier sollte man sich der Zitate dementsprechender Vorbilder ein wenig bewusst sein und sie mit einem gewissen Abstand reflektieren. Gleiches gilt für einige Umstände, die sicher nicht jedem gefallen, z.B. der Tatsache, dass Babesca keine Skrupel beim Besitz von Sklaven empfindet. Das erschließt sich mit tatsächlich nicht ganz logisch, ist sie doch trotz einer Adoption durch Shantalla Karinor eine Horasierin und den entsprechenden Abschnitt im Abenteuer hätte ich persönlich auch nicht gebraucht, auch weil er für die Handlung nicht maßgeblich ist.

Generell gilt, dass die Charaktere allesamt eher flach gezeichnet sind, meist über eine gewisse Skrupellosigkeit verfügen und vor allem ihre eigenen Ziele im Fokus haben. Das passt aber aus meiner Sicht sehr gut in den Hintergrund, zumal großartiges Charakterspiel gar nicht Ziel des Abenteuers ist. Vielmehr handelt es sich um die schon erwähnte Achterbahnfahrt, die ab dem Auslaufen aus Al´Anfa eigentlich nur eine lebensgefährliche Situation an die nächste reiht: Piraten, Haie, Intrigen unter den Utulus, je eine Riesenschlange und ein Wasserdrachen-Schlinger-Mischwesen, dazu der Überlebenskampf im Dschungel und ein dämonisch pervertiertes Dungeon. Alle Zutaten sind darauf geeicht, einen abwechslungsreichen Mix zu bieten, der den SpielerInnen wenig Raum für Atempausen gewährt, sondern stattdessen Highlight an Highlight reihen soll. Das könnte in einem eher ernsthaften Abenteuer möglicherweise schnell ermüdend wirken, in der Kombination mit den überzeichneten Figuren, die eher wie Bösewichter aus James-Bond-Filmen chargieren, kann das aber sehr viel Spaß bereiten. Das bietet stellenweise sogar einen ganz interessanten Kontrapunkt zu dem Realismus, der ja innerhalb der Spielregeln und der innerweltlichen Zusammenhänge mit ihrer Kleinteiligkeit sonst recht häufig angestrebt wird. Hier stören dann auch die Story-Schienen eher wenig, sind doch auch diese Teil der effektreichen Inszenierung, indem immer wieder Überleitungen zum folgenden Abschnitt geschaffen werden, Logik ist hier eindeutig eher zweitrangig.          

Für ein Scriptoriums-Abenteuer muss man auf jeden Fall außerdem die professionelle Machart hervorheben. Hier merkt man, dass Rafael Knop schon viele offizielle Abenteuer geschrieben hat, auch die Illustrationen sind nicht nur die generischen Beigaben aus dem Scriptorium, sondern es finden sich auch viele eigens für das Abenteuer gezeichnete Illustrationen von Diana Rahfoth (die auch schon viele offizielle Beiträge zu DSA geleistet hat), die vor allem Charypto Rex in Szene setzen, zudem schöne Dungeon-Pläne von Kai Frerich.

IV. Fazit

Charaypto Rex ist ein Abenteuer, das sicherlich nicht die Vorlieben aller SpielerInnen gleichermaßen bedient, vor allem die eher eindimensionalen Figuren und die klare Schienenführung treffen nicht jeden Geschmack. Wer sich aber auf ein trashig angehauchtes Abenteuer einlassen mag, findet eine abwechslungsreich-überzogene Story mit einem erinnerungswürdigen Monsterkampf.      

6 Kommentare

    1. Ja, das stimmt, da gibt es echt viele gute Sachen. Ich bemühe mich auch immer, da ein Auge drauf zu haben. Allerdings hab ich da als Alleinblogger schlicht ein Ressourcenproblem, mehr wird schwer. Der Kernfokus liegt bei mir schon auf den offiziellen Sachen, aber wann immer es geht, schau ich gerne links und rechts des Weges nach interessanten Funden.

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    1. Das klingt ja wirklich nach einen sehr interessanten und vor allem spaßigen Abenteuer. Ich persönlich stehe auf sowas 🙂

      Wurde es mal mit einer Gruppe probegespielt? Wenn ja, wusste die Gruppe im Vorfeld vom linearen und leicht trashigen Charakter des Abenteuers?

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  1. Danke für die – wie immer – ausgezeichnet geschriebene Rezension. Ich werde mir das Abenteuer kaufen, um es nächstes (?) Jahr auf unserer Con zu leiten.

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