Rezension: Lowanger Lügenmärchen

Vorbemerkung: Rohals Erben wird ja vom Aufbau her wie eine Regionalspielhilfe gehandhabt, demzufolge gibt auch ein weiteres Auf ins Abenteuer, das diesmal den Titel Lowanger Lügenmärchen trägt (von Julian Härtl und Fred Ericson). Im Rahmen einer Magiespielhilfe bringt dies sicherlich einige Besonderheiten mit sich, u.a. den Umstand, dass als Figuren primär ein magisches Ensemble zur Verfügung stehen soll. Nach dem, was im Vorfeld zudem schon bekannt wurde – unter anderem durch eine Online-Spielrunde zur Bewerbung des Crowdfundings – wird außerdem diesmal sogar der Metaplot durch die Abenteuerhandlung bewegt, was sich von den ersten beiden Ausgaben dieser Publikationsreihe merklich unterscheidet.

In Zahlen:

– 32 Seiten

– 6 direkt spielbare magiebegabte Beispielcharaktere

– Preis: 29,95 Euro (als Bestandteil des Meisterschirmsets Schwarze Kunst und Limbusreisen)

– Erschienen am 30.10. 2022

I. Aufbau und Inhalt

Auch hier beginnt das Auf ins Abenteuer zunächst mit den sechs spielfertigen Figuren, die den Spieler*innen optional zur Verfügung gestellt werden. Dabei handelt es sich um eine mittelreichische Hofmagierin, einen Puniner Magietheoretiker, einen tulamidischen Dämonenjäger, einen magischen Ermittler, eine reisende Elfenmagierin und eine meridianische Leibmagierin. Für jede Figur ist ein Wertekasten mit allen Spielwerten vorhanden. Gleichermaßen hat jede Figur eine Vorgeschichte erhalten, die einerseits zur Vorstellung des Charakters dient, andererseits aber auch eine Herleitung zum Abenteuer darstellt. Gemeinsam ist dabei allen Figuren, dass sie ihr Weg nach Lowangen führt, wo Elcarna von Hohenstein als Spektabilität der Akademie der Verformungen zum sogenannten Mandricon-Symposium eingeladen hat, wo die Zusammenarbeit vieler Gildenmagier gefördert werden soll.

Eben dieses Symposium stellt den Rahmen des Abenteuers dar. Dazu werden zunächst der Hintergrund des Abenteuers vorgestellt und die maßgeblichen Figuren. Lowangen weist dabei die Besonderheit auf, dass dort gleich zwei Magierakademien beheimatet sind (neben der Akademie der Verformungen noch die Halle der Macht) sowie eine Ordensburg der Grauen Stäbe zu Perricum, womit Magie dort etwas sehr Präsentes ist. Neben einer Kurzbeschreibung ist noch eine kleine Karte der Stadt vorhanden.

Auch der geplanten Ablauf des Symposium wird geschildert, zudem gibt es beispielhafte Skizzierungen von Vorträgen, die dort gehalten werden können, sowie eine Liste von Gerüchten, die den Spielercharakteren zur Ohren kommen können. Wie es sich für ein Abenteuer gehört, verlaufen die Ereignisse nicht im Rahmen gepflegter Dispute, sondern außergewöhnliche Geschehnisse geben dem Ganzen schnell eine dramatische Wendung. Da immense magische Kräfte am Werk sind, steht sogar bald das Schicksal der Stadt auf dem Spiel. Dabei ergeben sich sowohl Rechercheaufgaben als auch die Notwendigkeit, handfest in die Ereignisfolge einzugreifen. Das alles kulminiert in einem effektreichen Finale, dessen Resultate sogar eine gewisse Relevanz im Metaplotrahmen hat.

II. Figuren

Bei einem Symposium kommen naturgemäß viele bedeutende Magier zusammen, die viele Interaktionsmöglichkeiten bieten. An Prominenz stechen dabei aber drei Teilnehmer deutlich heraus: Zum einen ist dabei der Gastgeber Elcarna zu nennen, der zwar mittlerweile ein Greisenalter erreicht hat, aber immer noch einer der bedeutendsten Magier Aventuriens ist. Dem in nichts nach steht die zweite Spektabilität Lowangens, der sinistere Oswyn Puschinske, der auch innerhalb der Schwarzen Gilde eine Führungspersönlichkeit ist. Als bedeutendste Person von außerhalb ist zudem Ugo von Uspiauen angereist, der von Thomeg Atherion dorthin entsandt wurde.      

III. Kritik

Tatsächlich unterscheidet sich Lowanger Lügenmärchen doch recht deutlich von den bisherigen Auf ins Abenteuer-Publikationen. Diese waren bisher recht eindeutig als Abenteuer für Einsteiger*innen gehalten. Als Kritikpunkt brachte das zumindest bei mir immer den Eindruck mit, dass die Handlungsinhalte vergleichsweise eher unspektakulär und weniger fordernd gewesen sind. Das kann man dem vorliegenden Abenteuer nun wirklich nicht vorwerfen, im Gegenteil, für ein Szenario mit einer eher überschaubaren Seitenzahl wird hier ein Maximum an Metaplotrelevanz herausgeholt, indem es immerhin um das Schicksal einer ganzen Stadt geht und um den perfiden Plan eines Magiers, der die ganze Gildenwelt Aventuriens beeinflussen soll. Das erklärt auch die etwas szenische Abfolge mit einigen Erzähltexten (inklusive eines längeren Schurkenmonologs in klassischster Tradition).

Das ist in einen reizvollen Plot gegossen worden, der viele spannende Versatzstücke miteinander verbindet, wie Besessenheit, Verrat, effektreiche magische Auseinandersetzungen, die Konflikte der Magiergilden etc. Das wird mit aussagekräftigen Figuren unterstützt, bei denen man sich teils nicht sicher sein kann, ob sie wirklich passende Verbündete darstellen oder eher zur Riege der Feinde zu zählen sind.     

Umgekehrt gibt es auch einige Aspekte, die etwas zu kurz kommen. Beispielsweise wird Lowangen zwar als Schauplatz kurz beschrieben und es gibt sogar eine kleine Karte, aber gerade gegen Ende spielt die Stadt eine größere Rolle, wenn die Magier z.B. beschließen durch Lowangen zu ziehen und dort auf Widerstand stoßen. Das wiederum lässt sich nur mit den Angaben aus dem Abenteuer eher schwer ausgestalten. Hier wundert mich etwas, wieso man angesichts der beschränkten Seitenzahl nicht einfach die Akademie als zentralen Schauplatz belassen hat und einen erzählerischen Kniff gefunden hat, auch das Finale dort stattfinden zu lassen. So fällt umgekehrt auf, dass auch für den Finalschauplatz eine Karte fehlt. Leute mit Erfahrung in der Spielleitung können das sicher trotzdem leisten, ich halte das allerdings trotzdem für einen Kritikpunkt.

Ebenso ist der Rechercheanteil innerhalb der Handlung ausgesprochen überschaubar, letztlich muss man nur einen einzigen Raum durchsuchen bzw. kann eine magische Analyse einiger magischer Aspekte durchführen, der Hintergrund einer Akademie hätte auch hier möglicherweise deutlich mehr hergegeben, auch wenn man berücksichtigt, dass mit dem magischen Ermittler und dem Magietheoretiker ja explizit Figuren als Charaktere angeboten werden, deren Stärken in diesem Bereich liegt.

Die Beispielcharaktere sind aus meiner Sicht gut ausgewählt. Es passt angesichts des Crowdfundings mit einem Magieschwerpunkt, aber auch inhaltlich wegen des Symposiums als Anlass, dass ausschließlich magiebegabte Figuren angeboten werden, hier erscheint mir eine Themengruppe völlig angebracht. Es ist ja umgekehrt auch nicht ausgeschlossen, einen eigenen profanen Charakter zu verwenden, sofern man eine passende Erklärung findet, warum so jemand an dem Symposium teilnehmen bzw. Zutritt zur Akademie haben sollte. Gut gelöst ist außerdem die Anbindung an Rohals Erben, indem immer wieder Verweise auf den Kernband vorhanden sind und gerade für magische Aspekte Auslagerungen ersichtbar sind.  

IV. Fazit

Lowanger Lügenmärchen ist ein gelungenes Abenteuer, das den Schwerpunkt der Auf ins Abenteuer-Reihe vom reinen Einsteigerabenteuer hin zum bespielbaren Metaplot verschiebt. Der Inhalt ist kurzweilig und sehr effektreich, gerade weil man es fast ausschließlich mit magiebegabten Figuren zu tun hat. Im Rahmen der Verwendung des Schauplatzes fallen einige Beschreibungslücken auf, ebenso kommen Rechercheaspekte etwas kurz.     

Bewertung: 4 von 6 Punkten

2 Kommentare

  1. SPOILER
    Bei diesem Abenteuer schlagen wirklich zwei Herzen in meiner Brust.
    Einerseits finde ich es temporeich, episch und dynamisch. Außerdem treib es aktiv den Metaphor voran, löst alte Mysteria er Arcana auf (Das Geheimnis der Spektabilität), entsorgt alt NSCs (Oswyn), entwickelt etablierte NPCs weiter (Ariana), führt glaubwürdig neue NPCs ein (Ugo) und deutet länger währende Metaplots subtil an (das Ork-Verwandlungs-Projekt)
    Was ich schade finde, ist dass der der interessante Oswyn hier zum James Bond Schurken verkommt, samt Monolog, reichlich wackeligem Masterplan, Skybeam und letztendlich würdelosem Scheitern. Alles in einem Abenteuer, dass für alle, die das CF nicht unterstützt haben schnell unter dem Radar verschwinden dürfte. Das ist irgendwie ein bisschen wenig für eine so ambivalente Figur, von der immer gesagt wurde, sie würde im langen Zügen denken, die teils nachvollziehbare Motive und übergreifende Pläne für ganz Aventurien hatte.
    Andererseits kann man den Autoren echt nicht vorwerfen, dass eine Figur mit solchem Potenzial 20 Jahre lang nicht angefasst wurde und sie ihm hier auf wenigen Seiten einen Masterplan und einen Tod verpassen müssen, alles noch eingebettet in ein Abenteuer, wo die SCs mehr als nur Zuschauer sind.
    Und letztlich ist es mir so lieber, als wenn er ganz vergessen wurde und dann einfach an Altersschwäche stürbe.

    Gefällt mir

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