Rezension: Der unsichtbare Jäger

Vorbemerkung: Der Dezember beschließt nicht nur das irdische Jahr, gleichermaßen wird hier auch immer der Schlusspunkt für einen Jahrgang an Heldenwerken gelegt. Das letzte von insgesamt 6 regulär erschienenen Kurzabenteuern ist Der unsichtbare Jäger, das Erstlingswerk von Autor Leon Kronbach. Interessant ist diesmal der Aspekt, dass es einmal mehr in den dünn besiedelten Hohen Norden Aventuriens geht und dass das Abenteuer Ereignisse weiterknüpft, die in dem von mir sehr positiv besprochenen Klingen der Nacht eingeleitet wurden.

In Zahlen:

– Heldenwerk Nr. 46 (erschienen zusammen mit dem Aventurischen Boten 2016)

– 16 Seiten

– erschienen am 24.11. 2022

I. Aufbau und Inhalt

Das Abenteuer hat einen eher temporalen Aufbau, indem nach einer kurzen Hintergrundgeschichte die Struktur an einen zeitlichen Ereignisablauf geknüpft ist. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Heldengruppe sich in dem kleinen Dorf Frisov in der Bernsteinbucht befindet (zur Motivation für eine Reise in die randständige Gegend finden sich einige Anregungen). Vieles ist dort noch sehr improvisiert, nachdem der Ort vor zwei Jahren von einer feindlichen Streitmacht zerstört wurde. Mittlerweile sind aber viele ehemalige Einwohner zurückgekehrt und haben die mühevolle Aufgabe eines Neuaufbaus auf sich genommen. Da das komplette Abenteuer in Frisov spielt, ist eine Karte des Ortes vorhanden, zudem gibt es eine ausführliche Beschreibung in Form eines Stadtrundgangs, wobei auch auf die wichtigsten Anlaufpunkte und einige Bewohner eingegangen wird.

Die konkreten Ereignisse sind eng mit dem Walfänger-Schiff Jolanta verknüpft, dessen Mannschaft sich zu Beginn sehr feierlustig zeigt. Nach dem Auslaufen wird den Seeleuten allerdings der Diebstahl eines Glückbringers vorgeworfen, den sie dem Nivesen Pettajem entwendet haben sollen. Tatsächlich kehrt das Schiff recht bald zurück und in der Folge überschlagen sich die Ereignisse, indem sich das Schiff in einer brisanten Seenotlage befindet, zudem gibt es einige merkwürdige Todesfälle. Schnell zeichnet sich ab, dass sich dahinter Mächte verbergen, die für den gewöhnlichen Aventurier eine immense Herausforderung darstellen (was wiederum dafür sorgen dürfte, dass die Heldengruppe federführend in der Bekämpfung dessen wird).  

II. Figuren

Frisov ist zwar ein kleiner Ort, ist aber schon in der Frühzeit von DSA immer wieder ein wichtiger Anlaufpunkt gewesen (zum ersten Mal in Unter dem Nordlicht), quasi als letzter Vorposten der Zivilisation, bevor man sich in die gefährlichen und unbekannten Gefilde jenseits davon begeben kann. Allerdings ist der Ort aktuell im Neubau, trotzdem sind in den Machtstrukturen immer noch Kontinuitäten zu sehen, so ist es immer noch die norbardische Irgjeloff-Sippe um ihr derzeitiges Oberhaupt Slanka, die dort den Ton angibt. Wichtig für den Verlauf der Handlung ist aber Pettajem. Er ist zwar nur ein einfacher Tagelöhner, seine Anklage bringt die Dinge allerdings erst ins Laufen.

Sobald die Dramatik zunimmt, ist es zudem die Mannschaft der Jolanda um ihren Kapitän Ingrimo Amanda und seinen ersten Maat Gariblad, die in den Fokus rückt. Da die Bedrohung offensichtlich übersinnlicher Natur ist, können sich die Hexe Nornara und die nivesische Schamanin Nurka als wertvolle Ratgeberinnen erweisen.

III. Kritik

Was mir an dem Abenteuer direkt gefallen hat, ist das Aufgreifen der metaplotrelevanten Ereignisse aus Klingen der Nacht. Schien Frisovs Schicksal dort eigentlich schon besiegelt, wird man nun eines Besseren belehrt. Somit ist der Schauplatz eher ungewöhnlich, handelt es sich doch um eine Stadt im Aufbau, in der vieles noch provisorisch wirkt. Generell ist die Schauplatzausarbeitung gelungen, der Ort ist mitsamt seinen Bewohnern gut beschrieben, so dass man die Ereignisse vor Ort passend ausgestalten kann, was zudem noch durch die Karte unterstützt wird (etwas, was in der Vergangenheit durchaus bei einigen Heldenwerken ein Kritikpunkt war).

Allerdings handelt hierbei ja nicht um eine Frisov-Spielhilfe, sondern um ein Abenteuer. Und in dieser Hinsicht habe ich leider eine ganze Reihe von Kritikpunkten. Was aus meiner Sicht noch völlig im normalen Rahmen liegt, ist die Ausgangsidee: Das Erwecken eines alten Übels, das dann fluchartig diejenigen heimsucht, die für dessen Wiedererweckung verantwortlich sind, ist ein ziemlich klassischer Plot. Aber eben auch etwas, was man durchaus gelungen umsetzen kann.

Hier aber mangelt es an einer geordneten Darstellung: Das setzt schon am Ursprung der Bedrohung an. Diese wird nur extrem grob geschildert. Dabei kann man aus zweiter Hand erfahren, dass die Mannschaft der Jolanta eine alte Ruine geplündert hat, dort aber einen Lynx erweckt hat, der seitdem begonnen hat, die Mannschaft zu dezimieren. Was das genau für eine Ruine ist, erfährt man nicht. Ebenso bleibt die Verbindung zu Pettajem unklar: Woher weiß er von der Ruine und warum hat er diese nicht selbst geplündert, wo er doch notleidend ist? Ebenso sind die Angaben zu seinem Glücksbringer widersprüchlich: Zunächst wird gesagt, er hätte diesen in einer (der?) Ruine gefunden (Seite 7). Das würde erklären, warum er Kenntnis von der Ruine hat, nicht aber, warum für den Diebstahl nicht selbst vom Lynx verfolgt wurde. Später wird dann behauptet, dass er den Glückbringer als Geschenk erhalten habe (Seite 9). Das würde zu der Regelsetzung in der Artefaktbeschreibung passen, dass er nur dann Glück bringen würde, wenn der Träger ihn als Geschenk erhalten haben, das von Herzen kommt. Hier finde ich ausgesprochen schade, dass ein derartiger Widerspruch durch das Lektorat gegangen ist.

Ganz generell ist mir der komplette Plot viel zu diffus. Gerade die Spielleitung erhält viel zu wenig Informationen, um den Hintergrund auszugestalten. So wird auf die Ruine, in der die Schätze liegen, die die Mannschaft der Jolanda in Besitz gebracht hat, überhaupt nicht näher eingegangen: Wer ist dort begraben? Warum ist der Lynx dort aktiv? Genauso ist es möglich an einer Rettungsaktion zur Jolanta teilzunehmen, die in Seenot geraten ist. Das stellt quasi ein Abenteuer für sich dar und ist auf 8 halbspaltigen Zeilen beschrieben. Somit muss so ein Part komplett improvisiert werden, wenn man nicht auf das vorgeschlagene Probenbeispiel zurückgreifen will. Genauso wird fast nichts darüber gesagt, was die Seeleute aus dem Grab mitgenommen haben, es wird nur von Schmuckstücken gesprochen.

Das Grundproblem liegt für mich dann in der Gesamtanlage: Es ergibt für mich wenig Sinn, in einem Heldenwerk mit dem überschaubaren Textraum das lange Vorgeplänkel zu beschreiben: So wirkt es wenig stringent, dass die Jolanta zunächst im Hafen liegt, während die Spielgruppe anwesend ist. Zwar lernt man so die Mannschaft schon als eher unangenehmes Element kennen, im Ganzen ist es aber eher ein längendes Element, das Platz kostet. Aus meiner Sicht wäre es eher günstig gewesen, wenn die Heldengruppe ankommt, nachdem die Jolanda in See gestochen ist und dann nur Gerüchte über deren Diebstahl von Pettajem erfährt. Damit könnte das Abenteuer nach einer kürzeren Startphase (es gibt ja genug Interaktionsmöglichkeiten durch die Stadtbeschreibung, um die Menschen vor Ort schon mal kennenzulernen) direkt mit der Rückkehr der Jolanda beginnen und dann wäre mehr Raum vorhanden gewesen, den Hintergrund besser auszugestalten, z.B. über Fundstücke aus dem Grab, die verraten, wem die Schmuckstücke gehört haben und warum sie von dem Lynx beschützt werden. So etwas würde dem Ganzen noch mehr Atmosphäre verleihen. Dann müsste man den gesamten Ablauf auch nicht mehr so szenisch gestalten, sondern könnte etwas freier vorgehen, vor allem im Finale. In der Variante, die das Abenteuer vorsieht, besteht meiner Auffassung nach die Gefahr, dass die NSC, die als Unterstützer genannt werden, der Gruppe die Show stehlen, da ihre Fähigkeiten den Lynx zur Strecke bringen.

IV. Fazit

Leider endet das Heldenwerk-Jahr meiner Meinung nach schwach. Der unsichtbare Jäger verfügt zwar über eine gute Beschreibung des Schauplatzes, hat aber gravierende Schwächen in der Konstruktion als Abenteuer. Dabei ist für mich ein ungünstiger Aufbau erkennbar, stellenweise sind es aber auch grobe handwerkliche Schnitzer, wenn relevante Aspekte innerhalb des Abenteuers im eindeutigen Widerspruch stehen.   

Bewertung: 2 von 6 Punkten

6 Kommentare

  1. Hallo Engor,
    vielen Dank für die wie immer sehr ausführliche und fundierte Rezension.

    Spannend, wie die Blickwinkel auseinander gehen können. Ich habe das Abenteuer für den Ringboten rezensiert und war wirklich, wirklich angetan von dieser Ausgabe des „Heldenwerks“. Manchmal tue ich mich schwer damit, dass in diesem Format wichtige Informationen zu knapp – oder auch gar nicht – transportiert werden, aber hier hat es mich überhaupt nicht gestört.

    Ich komme allerdings auch aus einer anderen Richtung und bin normalerweise passionierter CTHULHU-Spieler. „Der Unsichtbare Jäger“ bietet alle Zutaten für einen tollen Horror-Plot, einen One-Shot mit eingeengtem Setting, der ohne große Anbindung an den Rest des Settings funktioniert. So betrachtet machen eher eindimensionale Rollen wie die von Pettajem vielleicht auch mehr Sinn, da sie nur eine einzelne Funktion erfüllen, um den „Horror“ zu steigern (in diesem Fall: Roter Hering). Und so wird es auch egal, welche Ruine geplündert wird, warum der Fluch darauf liegt und was der Lynx sonst so treibt. Alles dreht sich nur um die „zwei Stunden Film“, welche die SC in Frisov erleben, ohne die Hintergrunde näher zu erläutern.

    Gerade klassische Horror-Aspekte wie Isolation, Furcht vor dem Unbekannten, das Fehlen von Ressourcen und falsche Fährten verpackt das Abenteuer eigentlich recht gut. Das es kein Plot-Highlight ist – klar. Aber als Horror-One-Shot hat es mir wirklich gefallen.

    Viele Grüße
    Seanchui

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    1. Hi Seanchui,

      stimmt, sonst sind wir bei den Heldenwerken ja nicht selten in etwa einer Meinung, diesmal gehen wir extrem auseinander. Ich hab tatsächlich kein besonderes Horror-Faible und Cthulhu ist gar nicht meins, mein Kryptonit ist eher Epik.
      Bei dem Heldenwerk hat mich schlicht gestört, dass so viel unpräzise ist, eben auch in der Figurenzeichnung, da lege ich auf jeden Fall Wert drauf.
      Aber ist doch auch mal schön, wenn die Leser*innen ganz unterschiedliche Blickwinkel präsentiert bekommen. Dann müssen sie es selber spielen, um rauszukriegen, wer von uns recht hat:)
      LG
      Engor

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