Rezension: Schwarze Schwingen

Vorbemerkung: Mehrteilige Romanreihen sind bei DSA in der Vergangenheit nicht immer unproblematisch gewesen. Die neue Reihe Das Blut der Castesier von Daniel Jödemann läuft allerdings gut an, so dass bereits jetzt der zweite Band vorliegt und auch die weiteren Fortsetzungen bereits weit fortgeschritten sein sollen. Schwarze Schwingen soll laut Klappentext schwere Zeiten für die drei Protagonisten mit sich bringen. Nach dem hoffnungsvollen Auftakt ist meine Erwartungserhaltung nun vor allem, dass es gelingt, die drei Handlungsstränge im positiven Sinne noch mehr anzugleichen, nachdem ich bei Blutnacht hier noch Unterschiede gesehen habe.

In Zahlen:

– 328 Seiten

– 3 Erzählperspektiven

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 26.8. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Weiterhin ist der Roman in drei Handlungsstränge eingeteilt, die in diesem Band noch nicht zusammengefügt werden, obwohl sich Sabella und Valerius am selben Ort befinden.

Valerius erhält die Gelegenheit, seinen zuvor begonnenen Aufstieg in der Unterwelt Puninums fortzuführen, indem er weitere Aufträge für Tacitus, den Mittelsmann der großen Banden der Stadt, zu dessen Zufriedenheit erfüllt. Allerdings steht er dabei in direkter Konkurrenz zu seinem Freund Sylvius, der ebenfalls herausragende Talente als Fassadenkletterer und Einbrecher hat. Denn nur einer der beiden kann dort Aufnahme finden. Die baldige Vaterschaft setzt ihn zusätzlich unter Druck, will er doch seiner Geliebten Ariana eine Perspektive bieten, zumal sich deren Schwangerschaft nicht mehr lange verbergen lassen wird vor ihren Eltern, für die er als Ehemann keinesfalls akzeptabel wäre. Im Laufe des Romans wird allerdings die Leichtlebigkeit des jungen Feqz-Anhängers auf eine schwere Probe gestellt, wenn er feststellen muss, dass sein Aufstieg bittere Konsequenzen für die wenigen Menschen hat, die ihm nahestehen.

Sabella steht von Beginn an deutlich unter Druck, nachdem sie realisiert hat, dass ihr Meister Andronicus nicht vorhat, sie in die Selbstständigkeit zu entlassen und zu einer Magierin werden zu lassen, obwohl sie begabter als die anderen Schüler in der Akademie ist. Ihre einzige Hoffnung liegt darin, den Akademieleiter Quintus davon zu überzeugen, sie als Schülerin aufzunehmen. Allerdings würde dies unweigerlich eine Konfrontation mit Andronicus herbeiführen. Parallel dazu stellt sie fest, dass sie weiterhin unter den Folgen der beinahe fehlgeschlagenen Dämonenbeschwörung aus Blutnacht leidet und sie sich offenbar in akuter Gefahr befindet.

Lucia hat zwar einen individuellen Aufstieg zur Centuria erreicht. Allerdings muss sie mit dem Makel leben, Mitglied einer gescheiterten Legion gewesen zu sein, während der Kriegszug weiter gen Süden zieht. Das Verschwinden des Strategus Cassus bedeutet in dieser Situation eine große Chance für sie, die aber mit einem sehr hohen Risiko verbunden ist. Zusammen mit einer kleinen Kommandoeinheit wird sie auf die Spuren der feindlichen Entführer gesetzt. Dabei dringt der Trupp immer tiefer in den Dschungel vor, wobei sie sich in den Einflussbereich der Wudu begeben, die für ihre Blutgier berüchtigt sind. Schnell verlangt der Dschungel zudem seinen Tribut, indem die Einheit langsam dezimiert wird.

Letztlich müssen sich alle drei Protagonisten schweren individuellen Herausforderungen stellen, in denen ihre speziellen Talente gefragt sind: Valerius muss sich entscheiden, welchen Weg er verfolgen wird, da er erkennen muss, dass er seine Leichtlebigkeit verlieren wird, wenn er sich mit finsteren Unterweltgestalten einlässt, deren Preis unter anderem seine Unschuld ist. Sabella muss ihr Talent als Magierin sehr schnell weiterentwickeln, will sie sich Andronicus und den Mächten stellen, mit denen er scheinbar im Bund steht. Lucia muss zuletzt als Kommandantin folgenschwere Entscheidungen treffen, wobei sie das Wohl ihrer Untergebenen mehr als einmal hinter der Mission anstellen muss. Für alle drei ist das mit bitteren Verlusten in ihrem engsten Umfeld verbunden.

II. Figuren

Neben den drei Hauptfiguren wird im zweiten Roman vor allem ihr jeweiliges Umfeld stärker konturiert: Sabella bleibt bis auf ihre Freundschaft zu Jadora, einer anderen Schülerin, weiterhin vornehmlich eine Einzelgängerin. Abhängig ist sie dabei weiterhin von Andronicus, dem allerdings mit Quintus ein mehr als ebenbürtiger Kontrahent gegenübersteht, der zudem offenbar das Wohl von Sabella anstrebt.

Valerius hat einerseits seine gesellige Seite, die er vor allem mit seiner Geliebten Ariana ausleben kann, aber auch im freundschaftlichen Wettstreit mit Sylvius, der ebenso wie er den Typus des charmanten Ganoven verkörpert. Für ihn wesentlich ist aber gleichermaßen seine Beziehung zu Umbra und Tacitus, seinen beiden Mentorfiguren. Gerade in Bezug auf letztere offenbaren sich ihm im Laufe der Handlung neue Erkenntnisse.

Lucia wird nach wie vor von ihrem ruppigen Optio Rufus begleitet, der sich mehr und mehr zu ihrem wichtigsten Rückhalt entwickelt. Entscheidende Figur bei ihrer Mission ist der Strategus Cassus, der sich durch seine Notlage weitaus nahbarer geben muss, als jemand in seiner Person es sonst gewohnt ist.

III. Kritik

Schwarze Schwingen erweist sich als ausgesprochen passender Titel, zieht sich das Todesmotiv doch konsequent durch den gesamten Roman, alle drei Protagonisten erleiden sehr schmerzhafte persönliche Verluste, die sich auch sehr schicksalhaft auswirken.

Allerdings ist die Konsequenz, die sie jeweils daraus ziehen, höchst unterschiedlich. Sabella bleibt als rationalste Figur trotz aller Wendungen stetig auf ihr Ziel konzentriert, was allerdings auch insofern begründet ist, als dass sie mit Andronicus den wahrscheinlich mächtigsten Antagonisten hat, der mehr und mehr der Rolle des alternden Alkoholikers entwächst und zeigt, welches Potential wirklich in ihm steckt. Aus meiner Sicht ergibt sich aus diesem Gegensatz des zynischen Meisters und seiner zielstrebigen Schülerin weiterhin die interessanteste Personenkonstellation innerhalb der gesamten Handlung, auch weil ihr Verhältnis trotz der Grobheit, mit der Andronicus Sabella begegnet, von einer gewissen Ambivalenz geprägt ist, schätzen sie sich doch gegenseitig als hochveranlagt ein und sind sie doch beide Außenseiter, die von ihrer Umwelt maximal geduldet werden.

Lucia fehlt es aus meiner Sicht noch etwas an Profil, bleibt sie doch trotz ihrer neu gewonnenen Position weiterhin oft zu unentschlossen und wenig tatkräftig bzw. lässt sich stark von den umgebenden Einflüssen treiben, wobei ihr Überlebensdrang betont wird. Allerdings ist ihr Handlungsstrang mit dem größten Spannungsfaktor ausgestattet: Wenn sich der kleine Kommandotrupp durch den Dschungel quält, wirkt das wie von vielen klassischen Vietnam-Filmen inspiriert, vor allem wenn sie dabei den Überlebenden einer längst vergessenen Legion begegnet, die von einem Anführer mit wahnhaften Allmachtfantasien befehligt werden. Hinzu kommt die Konfrontation mit den Wudu, deren Verhalten anfänglich schwer einzuschätzen ist, ob es sich wirklich um ein blutgieriges Volk handelt, oder ob dies nur Fassade ist.

Weiterhin etwas weniger interessant wirkt auf mich Valerius, weil er nach wie vor in seiner Rolle als talentierter Einbrecher verhaftet bleibt. Der smarte Dieb wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, erleidet er doch mit Sicherheit die härtesten Schicksalsschläge, zudem entwickeln sich neue Perspektiven auf seine beiden Lehrmeister Umbra und Tacitus. Dennoch würde ich mir für seine Figur noch andere Facetten wünschen, die über den überheblichen Fassadenkletterer und den trauernden Rächer mit selbstverliebtem Fatalismus hinausreichen.

Was andererseits ungewöhnlich erscheint, ist dass alle drei als graue Charaktere gezeichnet werden. Zwar sind sie aufgrund ihres tragischen Schicksals durchaus diejenigen, mit denen man als Leser mitfiebert, keiner jedoch erweist sich nachhaltig als Identifikationsfigur. Lucia ist weiterhin bereit, ihre Untergebenen zu ihrem Vorteil wie Schachfiguren zu opfern, Valerius trägt eine sehr direkte Schuld am Schicksal seines engsten Umfeldes (zumindest für den Tod einer Figur ist er unmittelbar verantwortlich, wobei die Schuldfrage bewusst offen gelassen wird). Sabella hingegen verfügt generell über eine große Gefühlskälte, die sie weit älter wirken lässt, als sie eigentlich ist, wobei Kalkül weiterhin ihre herausragendste Eigenschaft bleibt.

Was mir etwas fehlt ist ein Figurenüberblick im Anhang. Bei einer mehrteiligen Reihe mit drei Handlungssträngen wäre so etwas aus meiner Sicht mehr als sinnvoll, um nach einer Lesepause zwischen dem Erscheinen der Bände ab und an nachschlagen zu können, wer welche Rolle einnimmt.

IV. Fazit

Schwarze Schwingen führt auf interessante Weise die Ereignisse von Blutnacht fort, wobei alle drei Protagonisten teils sehr schmerzhafte Rückschläge in ihren Aufstiegsbestrebungen erhalten, immer auch mit tragischen Verlusten verbunden. Im Bereich der Charakterentwicklung bleibt Sabella die spannendste Figur, während Valerius für mich nach wie vor zu wenig Facetten aufweist. Lucia hingegen ist mir als Figur noch zu schwach für ihren Führungsanspruch, dafür ist ihr Handlungsstrang mit dem knallharten Überlebenskampf im Dschungel fesselnder als diejenigen ihrer Geschwister.

2 Kommentare

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