Rezension: Stadt der hundert Türme

Vorbemerkung: Das Schicksal der letzten überlebenden Mitglieder der Familie der Castesier hat in den bisherigen beiden Romanen vor allem schmerzliche Verluste und Schicksalsschläge beinhaltet. Der dritte Roman von Daniel Jödemann mit dem Titel Stadt der hundert Türme führt nun langsam zu einer Konsolidierung der Verhältnisse, suchen doch die Protagonisten nach einer Position, aus der sie in die Rolle von Agierenden wechseln können, statt ständig nur reagieren zu können. Zwei von ihnen gelangen nun auch in das legendäre Bosparan, in den Dunklen Zeiten die wichtigste Metropole Aventuriens.

In Zahlen:

– 352 Seiten

– 3 Handlungsstränge

– Preis: 14,95 Euro

– Erschienen am 26.10. 2019

I. Aufbau und Inhalt

Weiterhin sind die Kapitel abwechselnd aus der Sicht der drei Geschwister Lucia, Sabella und Valerius verfasst, die alle nach wie vor davon ausgehen, das letzte lebende Mitglied ihrer einstmals mächtigen Familie zu sein.

Allerdings haben sich die Vorzeichen für alle drei massiv geändert, im Prinzip hat eine Umkehrung ihrer bisherigen Rollen stattgefunden. Lucia, die einzig privilegierte Castesierin, hat ihr Kommando nach den vorherigen Ereignissen verloren und ist tief gefallen. Statt an der Spitze ihrer Soldaten findet sie sich nunmehr auf dem Sklavenmarkt wieder, wodurch sie nach dem harten Überlebenskampf im Dschungel in der Stadt Belanas landet, wo sie von Darius erworben wurde, dem Besitzer einer Gladiatorenschule. Dort soll sie zu einer Arenakämpferin ausgebildet werden. Obwohl ihre Voraussetzungen prinzipiell günstig erscheinen – immerhin hat sie als Adelige und als Offizierin in der Legion eine dementsprechende Kampfausbildung bei hervorragenden Lehrern erhalten – erweist sich das Training als extrem fordernd. Immerhin gilt es, ihre jahrelang angeeigneten Reflexe zu verändern, das Denken der Soldatin, die ihren gefährlichen Gegner schnell ausschalten will, abzuwandeln hin zur Kampfweise einer Gladiatorin, die dem Publikum einen mitreißenden Kampf bieten soll. Dazu fällt es ihr als befehlsgewohnte Patrizierin schwer, sich an ihre neue Position als Sklavin zu gewöhnen, was auch zu Akzeptanzproblemen bei den anderen Mitgliedern der Gladiatorenschule führt.

Sabella hingegen hat sich endlich aus dem Zugriff ihres ehemaligen Meisters Andronicus gelöst. Ihr neuer Weg führt sie nach Bosparan, wo sie versucht an der Accademia Arcomagia Horasiens Imperatique unterzukommen, um in Bälde eine anerkannte Magierin zu werden. Auch wenn ihr dort viel Skepsis entgegenschlägt, findet sie in der Magistra Arcavia eine Mentorin, die ihr Talent als Nekromantin für ihre Zwecke nutzen will. Dazu erteilt sie Sabella einige pikante Aufträge, die allesamt von ihr verlangen, sich mit Toten auseinanderzusetzen. Nach wie vor verspürt sie die Auswirkungen ihrer dämonischen Beherrschung, der sie Andronicus zuvor gegen ihren Willen ausgesetzt hat.

Valerius ist genau wie seine Zwillingsschwester ebenfalls in Bosparan angelangt, allerdings nicht wie sie als Suchender mit dem Verlangen nach persönlicher Entfaltung, sondern als Gefallener, den nicht mehr der Wunsch nach Wohlstand antreibt, sondern nur noch das Verlangen nach Vergeltung. Somit folgt er seinem ehemaligen Mentor Tacitus in die Reichshauptstadt, um ihn wegen seiner Taten zu strafen. Dazu ersinnt er einen Racheplan, der darauf ausgelegt ist, unauffällig in dessen Geschäfte einzudringen. Zu diesem Zweck sucht er die passenden Verbündeten, wobei er auf den einarmigen Ex-Legionär Rufus stößt, der ihm als Leibwächter und ortskundiger Komplize dienen soll. Zudem versucht er Geschäftsmodelle für sich einzunehmen, wozu er unter anderem als Bordellbetreiber und Wettanbieter tätig wird. Relativ schnell bringen ihn diese Tätigkeiten in Kontakt zu Tacitus, wobei er direkte Begegnungen natürlich vermeiden muss.

II. Kritik

Besonders überzeugend am dritten Teil der Romanserie finde ich die bereits angesprochene Wandeldynamik, die alle drei Handlungsstränge erfasst. Besonders Lucia ist im Negativen betroffen, verliert sie doch alle Privilegien, die sie zuvor besessen hat und muss sich in einem ihr völlig unbekannten Lebensbereich neu orientieren. Symbolhaft dafür steht dann auch die Änderung ihres Kampfstils, weg von einer kühl kalkulierenden Kriegerin hin zu einer Showkämpferin. Sabella und Valerius hingegen lösen sich aus der Kontrolle und Manipulation ihrer beiden bisherigen Mentoren und verfolgen nun offen ihre eigenen Pläne, wobei Sabella um Anerkennung ringt, während ihr Bruder nur noch seinen Racheplan im Fokus hat. Gänzlich frei sind sie dabei jedoch nicht, schließlich werden sie buchstäblich von den Geistern ihrer tragischen Vergangenheit verfolgt, haben sie doch innerliche Einflüsse, die sie weiterhin bestimmen, in Form von dämonischer Besessenheit bei Sabella und der Wahnvorstellungen von Valerius.

Im Vergleich zu den ersten beiden Romanen empfinde ich Valerius Wandel dabei am interessantesten, handelt es sich doch bei ihm nicht mehr um den glatten Fassadenkletterer und Charmeur, sondern um einen gebrochenen Charakter, der allerdings paradoxer Weise durch seinen Rachetrieb an Klarheit in seinen Handlungen gewinnt, wenn er die ersten Schritte gegen Tacitus einleitet. Als sehr gelungen sehe ich zudem die Idee an, mit Rufus den meiner Meinung nach sympathischsten Charakter in seinen Handlungsstrang wechseln zu lassen. Der bärbeißige Optio mit seiner nüchternen Art stellt einen passenden Gegenpol zum oftmals ungestümen Valerius dar.

Sabella hat nach wie vor den Vorteil, für den Leser vollkommen unberechenbar zu agieren. Weiterhin fiebert man stellenweise mit ihr mit, z.B. wenn sie sich in den Händen eines wahnsinnigen Mörders befindet, während man an anderen Stellen vermeint, ihren scheinbar verhängnisvollen Weg in die Finsternis von Mord und Nekromantie zu verfolgen, der sie eher als Schurkin denn als tragische Heldin dastehen lässt. Negativ wirkt sich allerdings aus meiner Sicht das frühe Ausscheiden von Andronicus aus der Handlung aus, fehlt es doch an einem gleichfalls kompetenten und diffusen Gegenspieler. Man ahnt zwar, dass auch ihre neue Mentorin Arcavia sie ebenfalls nur ausnutzen will, allerdings hat sie noch kein ausgeprägtes Profil.

Lucias Schicksal sehe ich sehr zwiespältig. Sicherlich sind ihre Erlebnisse besonders dramatisch, wenn sie in der Arena oder auch als Käfigkämpferin um ihr Überleben kämpfen muss und sie andererseits auch die Anerkennung ihres Herrn, ihrer gestrengen Trainerin und ihrer Schicksalsgenossen in der Gladiatorenschule gewinnen will. Im Gesamten erscheint mir dieses Gemenge als etwas zu klischeehaft, die ehemalige Legionskommandeurin, die als Opfer einer Intrige als Gladiatorin die Gunst des Publikums erringen muss, das klingt für meinen Geschmack doch etwas zu sehr nach Filmen wie Gladiator. Zudem bleibt mir ihr Antrieb – anders als im Fall ihrer Geschwister – weitgehend unklar, sie wirkt eher resignativ, selbst die dargebotene Möglichkeit der Flucht nimmt sie nicht wahr, wobei mir der plötzliche Einfluss ihres Herrn Darius als Begründung nicht ganz schlüssig erscheint.

Für die kommenden Romane gilt es sicherlich, die einzelnen Handlungsstränge nicht mehr rein parallel zu gestalten, hier finde ich den Ansatz richtig, dass am Ende dieses dritten Teils Tendenzen sichtbar werden, dass eine erste Annäherung stattfinden könnte, was zusätzlich noch dadurch verstärkt wird, dass mit Rufus erstmals eine Figur diese Trennlinie überschreitet.

III. Fazit

Stadt der hundert Türme löst sich spürbar von den beiden Vorgängerromanen, indem die Rollen der Castesier-Geschwister sich verändern, teils sogar ins Gegenteil verkehren. Besonders Valerius gewinnt somit an Profil, da er weniger glatt wirkt und mehr Facetten erhält. Sabella bleibt als unberechenbare Figur weiter hochinteressant, es fehlt allerdings an einem reizvollen Antagonisten. Lucias Werdegang sorgt für eine gehörige Prise Action, ihre Entwicklung von der Legionsoffizierin hin zur Arenakämpferin kommt aber nicht ohne klischeehafte Wendungen aus.

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