Rezension: Elfenkönig

Vorbemerkung: Auch wenn die Reise der beiden Thorwaler-Kapitäne Beorn und Phileasson langwierig sein mag, so war die Wartezeit auf den 11. Roman der Reihe vergleichsweise kurz. Vor ein paar Tagen ist somit Elfenkönig erschienen, womit uns die beiden Autoren Bernhard Hennen und Robert Corvus auf die vorletzte Runde des Wettstreits um den Titel des Königs der Meere schicken. Erneut kommt der Roman enorm seitenstark daher, diesmal sind es über 700 Seiten, die das Schicksal beider Ottajaskos weiterzählen.

In Zahlen:

– 736 Seiten

– Band 11 von 12

– Preis: 17,00 Euro

– Erschienen am 11.7. 2022

I. Inhalt

Der Prolog weist diesmal die Besonderheit auf, dass er nicht in Aventurien spielt, sondern auf einer der Reisen, die Phileasson in den Jahren zuvor nach Myranor unternommen hat. Der Schauplatz ist die aus einigen Myranor-Publikationen bekannte Hafenstadt Daranel. Phileassons Fahrt hat sich als ausgesprochen erfolgreich erwiesen und sein voll beladenes Schiff liegt im Hafen der Stadt. Allerdings steht noch ein weiteres Abenteuer an, als er von einer Optimatin beauftragt wird, ein gestohlenes Schmuckstück wiederzubeschaffen, dessen Verlust Auswirkungen auf das Mächteverhältnis der Optimatenhäuser hätte. Gemeinsam mit Irulla, die ihn auch dorthin begleitet hat, und seiner Kusine Ragnild begibt er sich auf eine rasante Verfolgungsjagd auf den Spuren des Diebes.

Die Kernerzählung hingegen setzt einen Einschnittpunkt im Rahmen der Wettfahrt. Nach langer Zeit gelangen die Ottajaskos wieder an aventurische Gestade (Beorns Mannschaft hat ja sogar die letzten drei Romane auf den Nebeninseln verbracht) und kehren sogar vorzeitig wieder zurück nach Thorwal. Dort hat sich seit dem Beginn ihrer Reise einiges getan, unter anderem werden sie nicht mehr von der mittlerweile verstorbenen Initiatorin ihres Kräftemessens Garheld begrüßt, sondern von ihrem Sohn Tronde Torbensson, der nun als Oberster Hetman amtiert.

Allerdings ist der Empfang weit weniger herzlich, als sie es nach ihren Großtaten und den damit verbundenen Verlusten erwartet hätten: Den Mächtigen Thorwals ist es nicht verborgen geblieben, dass nach dem Auftakt der Fortgang des Wettbewerbs nicht mehr dem geplanten Ablauf gefolgt ist, sondern in Form der Visionen völlig andere Aufgaben gestellt wurden, als dies ursprünglich von Garheld erdacht wurde. Zwar werten Phileasson und Beorn dies als göttliches Eingreifen und somit sogar als Aufwertung der Gesamtqueste, allerdings wird diese Ansicht nicht von allen gleichermaßen positiv gesehen. Treibende Kräfte sind die oberste Swafnirgeweihte Bridgera, die eine Einmischung anderer Götter nicht akzeptieren will und Eldgrimm, der Hetmann von Kendrar, der sich lieber konkreten Eroberungszügen widmen will und keine Kräfte in internen Streitigkeiten vergeuden will. Somit beschließt Tronde, dass beide Ottajaskos eine Art Rechenschaftsbericht ablegen sollen und folgend die Hetleute Thorwals darüber abstimmen sollen, ob sie den Kapitänen und ihren Mannschaften eine Fortsetzung ihres großen Abenteuers gestatten wollen.

Zähneknirschend müssen Beorn und Phileasson dieser Order Folge leisten. Somit ergibt sich ein umfangreiches Zwischenspiel, in dem aber weniger eine Verschnaufpause eintritt, sondern primär Konflikte fortgeführt werden. Seit dem Ende von Nebelinseln herrscht seitens Vascal großes Misstrauen gegenüber Irulla, da er nicht weiß, mit welchen Mächten sie im Bunde steht. Weiterhin schwelt natürlich die von Anfang an herrschende Fehde zwischen Zidaine und Tylstyr, wobei beide mittlerweile fest entschlossen sind, dies zu einem Ende zu bringen. Die Ereignisse auf den Nebelinseln haben dabei gerade den gealterten Tylstyr nachhaltig verändert und deutlich härter gemacht. Über all dem steht aber auch das Ringen zwischen Beorn und Phileasson um Ansehen. Beorn scheint nun einen Vorteil zu haben, da er – anders als Phileasson – auf den Nebelinseln für aventurische Verhältnisse schier unfassbare Reichtümer erworben hat, die er nur zu gerne offen herumzeigt. Mittelfristig scheinen diese dazu angetan, die Kräfteverhältnisse in Thorwal zu Beorns Gunsten nachhaltig zu verändern, so dass dieser schon von Plünderfahrten träumt, die ganz Aventurien in Aufruhr versetzen dürften. Ein erstes Zeichen will Beorn damit setzen, dass er Zidaine heiraten will und eine Hochzeit plant, an die sich die ganze Stadt Thorwal noch lange erinnern wird.

Dieser Teil nimmt fast zwei Drittel des Romans ein, während das Schlussdrittel dann wieder die Fortführung der Wettfahrt schildert (soviel darf an dieser Stelle verraten werden), indem die Ottajaskos sich aufmachen, um die 11. Aufgabe zu erfüllen, bei der sie fest davon überzeugt sind, dass diese mit dem Schicksal des Elfenkönigs Fenvarien verbunden ist.   

II. Figuren

Immer mehr ist die Phileasson-Saga eine Ensemble-Geschichte geworden. Somit gibt es über zwei Dutzend Zentralfiguren aus beiden Ottajaskos. Weiterhin wird dabei der Kontrast zwischen dem machtbewussten Beorn und dem vom ihm geringgeschätzten „Kartentuscher“ Phileasson kultiviert. Ihre Ziele mögen zwar ähnlich gelagert sein, die Methoden, die sie bereit sind anzuwenden, sind aber grundverschieden. Im Fokus stehen aber auch die mittlerweile zu Todfeinden gewordenen Zidaine und Tylstyr, die einen großen Showdown vorbereiten. Shaya hingegen steht zwischen Vascal und Irulla, zwischen denen sich plötzlich ein weiterer Krisenherd auftut.  

Die Rückkehr nach Thorwal bedingt zudem, dass auch hier viele Figuren auftauchen, die die dortigen Machtverhältnisse bestimmen und die auch die Entscheidungsgewalt über den Fortgang der Reise besitzen. Allen voran ist dies der Oberste Hetman Tronde, der beiden Kapitänen mit einer klar erkennbaren Distanz begegnet, auch in dem Kalkül, dass ein zukünftiger König der Meere gleichermaßen ein wichtiger Verbündeter als auch ein gefährlicher Konkurrent sein könnte. Die Swafnirgeweihte Bridgera hingegen stellt die größte Skeptikerin dar, da sie den „südlichen Göttern“ gegenüber nicht nachgeben will, während die Traviageweihte Cunia dies natürlich völlig anders sieht.

III. Kritik

In der Zusammenfassung mag es möglicherweise etwas langatmig klingen, dass eine Art Zwischenspiel zwei Drittel eines Romans von über 700 Seiten einnimmt. Das ist allerdings aus meiner Sicht eindeutig nicht der Fall, denn auch Thorwal geschieht einiges: So werden die Ottajaskos mit den dortigen Machtverhältnissen konfrontiert, die sich ja seit ihrer Abreise verändert haben und insbesondere Beorn zeigt auch selbst politische Ambitionen, was langfristig Trondes Amt betreffen könnte. Dabei wird auch die Haltung, die möglicherweise die Mehrheit der Leser*innen einnimmt, sichtlich unterlaufen, da der durchschnittliche Bewohner Thorwals weniger von dem edelmütigen Entdecker Phileasson beeindruckt ist als von dem selbstbewussten Plünderfahrer Beorn, der als steinreicher Mann von den Nebelinseln zurückkehrt, noch dazu mit dem eindrucksvollen Beinamen des Städtezerstörers ausgestattet.

Dazu ergibt sich einmal mehr aus der Fülle der Figuren viel Erzählpotential, u.a. aus dem neuen Konflikt zwischen Irulla und Vascal. Hinzu kommen aber auch neue Figuren, beide Kapitäne müssen ja ihre Mannschaft aufstocken. Phileasson wird dabei auch mit unangenehmen Konsequenzen seiner Entscheidungen konfrontiert, u.a. durch seine treue Gefährtin Swafnild, die er mit der Seeadler im dritten Band Die Wölfin zurück in die Heimat geschickt hat und die nun von ihm verlangt, zumindest für die letzten beiden Questen nicht erneut in die 2. Reihe versetzt zu werden. Ohnehin verfügt der Roman über jede Menge abwechslungsreiche Subplots: politische und persönliche Intrigenspiele, tödliche Konfrontationen zwischen Einzelpersonen und Gruppen, Geistererscheinungen, göttliche Wunder und ein Herdentrieb nach Thorwal. Damit können sich auch 700 Seiten gut füllen, ohne dass ein Gefühl von Langeweile aufkommt, im Gegenteil lässt sich aus meiner Sicht der gesamte Roman flüssig lesen und die Dramaturgie sorgt eigentlich immer dafür, dass man zügig erfahren will, wie es weitergeht. 

Eine besonders zentrale Rolle aber nimmt einmal mehr die Fehde zwischen Zidaine und Tylsyr ein, die erkennbar ihrem Höhepunkt entgegenstrebt. Dies ist dann auch mein zentraler Kritikpunkt an dem sonst guten und unterhaltsamen Roman. Der Handlungsstrang ist mir von Anfang an eher ein Dorn im Auge gewesen, auch weil mir der Opferstatus von Zidaine viel zu wenig respektiert wird und sie mittlerweile als ferngesteuerte und unreflektierte Rächerin dargestellt wird, obwohl ihre Taten ja eigentlich eine mehr als nachvollziehbare Motivation haben. Verstärkt wird dies auch noch durch den Wandel von Tylstyr, der sich vom naiven und schuldbewussten Zweifler zu einem zynischen alten Mann entwickelt hat, der als einzigen Ausweg die Tötung Zidaines sieht. Hier fehlt mir sein früheres Mitleid, letztlich mutiert er für mich zu einem kalten Menschen, für den ich keine Sympathie mehr entwickeln kann. Zwar ist die finale Konfrontation zwischen den beiden enorm spannend inszeniert, im Ausgang aber für mich ausgesprochen unbefriedigend und moralisch bedenklich. Das empfinde ich als sehr schade, wie ich mir ohnehin gewünscht hätte, dass dieser Handlungsstrang von Beginn an ausgespart worden wäre, da er viel zu viel Raum in allen elf bisherigen Romanen eingenommen hat.

Sehr gut gefallen hat mir dagegen die Fortführung der Reise im Rahmen der elften Aufgabe. Auch wenn der Ton weit weniger fantastisch ist als in den vorigen Romanen auf den Nebelinseln oder im exotischeren Süden Aventuriens, wird wieder eine spannende Konfrontation gezeigt. In der sumpfigen Umgebung Enquis werden wieder die Kontraste zwischen beiden Mannschaften aufgezeigt, indem sie gänzlich andere Lösungswege verwenden und dabei auch mit völlig anderen Wesen konfrontiert werden. Bei Beorn kommt es zur Begegnung mit einer ebenso wilden Gruppe von Gjalskern, während Phileasson sich dem Kampf mit einer großen Gruppe von Orks stellen muss. Auch die Findung von Verbündeten in Enqui verläuft ausgesprochen unterschiedlich, gerade auch weil die Härte im Konkurrenzkampf zunimmt und gegenseitig kaum eine Gelegenheit ausgelassen wird, der anderen Gruppe zu schaden. Gleiches gilt auch für das Vorspiel in Myranor, das das Tempo des Romanendes schon vorwegnimmt, indem auch dort eine schnelle und effektreiche Verfolgungsjagd im Mittelpunkt steht. Gerade dieser Kontrast ist aber auch reizvoll, wenn das fantastische und schillernde Myranor mit einer eher turbulenten Jagdszene am Beginn steht und am Ende der Showdown in den unwegbaren und schmutzigen Sümpfen Enquis stattfindet.                           

IV. Fazit

Mit Elfenkönig zeigt sich auch der elfte Romane der Reihe sehr seitenstark, ohne dabei langatmig zu werden. Im Gegenteil ist die Handlung abwechslungsreich und spannend geschrieben, wobei viele unterschiedliche Handlungsebenen fortgeführt werden, die gerade auch die Figurenschicksale vorantreiben. Schwachpunkt ist allerdings die Auflösung des Konflikts zwischen Zidaine und Tylstyr, die mir gerade aus einem moralischen Standpunkt heraus nicht gefällt.

3 Kommentare

  1. Ein Punkt an deiner Hauptkritik – die Auflösung des Konflikt zwischen Z & T – verwirrt mich: Einerseits hebst du Z’s Opferrolle hervor und gibst ihr ziemlich heftiges Vorgehen eine „nachvollziehbare Motivation“, andererseits findest du T’s Handlung „moralisch bedenklich“.
    Wie passt das zusammen!?

    Unreflektiert und ferngesteuert: Naja ja, sie war ja auch irgendwie ferngesteuert.. zumindest nach ihrer Vorstellung. 😀

    Ansonsten gehe ich mit: Grundsätzlich ideal war das nicht, aber ich würde es eher auf die schiere Länge des Handlungsbogens schieben. Da kann man Z’s Opferperspektive wirklich nur schwer gerecht werden, ohne immer und immer wieder in die Vergangenheit zu greifen. Die Sache hätte längst geklärt sein sollen.

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    1. Die ganze Geschichte ist für mich sehr schwierig angelegt, ich hätte generell liebend gerne auf diesen Handlungsstrang verzichtet. Man kann Zidaines Racheglüste grundsätzlich voll verstehen, im Lauf der Handlung hat sie aber den nachvollziehbaren Pfad verlassen und auch Menschen getötet, die es nicht verdient haben. Trotzdem ist sie ja grundsätzlich ein Opfer, das nicht mehr von Logik gelenkt wird, deshalb kann ich ihre Handlungen verstehen. Tylsir hingegen ist ein rationaler Mensch, der ihren Hintergrund genau kennt. Von ihm würde ich deshalb ein anderes Handeln erwarten, dass er einen Weg suchen würde, ihre Seele von ihrem Leid zu erlösen, ohne ihr zu schaden. So wird der empathische junge Mann vom Anfang der Geschichte zu einem Zyniker. Das wird zwar ein wenig durch die Ereignisse des vorigen Bandes erklärt, wo er ja auf eine gewisse Weise transformiert wurde, trotzdem empfinde ich das nochmal zusätzlich als unbefriedigend.

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